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Die WeltverbessererWie lebt es sich ein Jahr ohne Heizung?

Peter Gallinelli: «Die Inuit lachten über unsere Daunenkleider. Sie taugen nichts.»

Peter Gallinelli hält Heizen für Energieverschwendung. Der Genfer Architekt verbrachte ein Jahr ohne Heizung in der Arktis.

von aktualisiert am 22. Dezember 2017

Ein Jahr im Segelboot am nördlichen Ende der Welt leben. In der Dunkelheit des arktischen Winters, festgefroren im Eis Nordgrönlands. Ohne richtige Heizung, bei minus 40 Grad. Das muss man mögen. Und vor allem wollen.

Peter Gallinelli wollte. Der Genfer Architekt beschäftigt sich seit langem damit, aktive Heizungen überflüssig zu machen. «In der Jugend kam ich in Kontakt mit der Umweltschutzbewegung. Das hat mich geprägt.»

Fast 50 Prozent der in der Schweiz verbrauchten Primärenergie gehen heute ans Heizen. Eine Abhängigkeit, die die Schweizer jährlich fünf Milliarden Franken kostet. Und wertvolle Rohstoffe, die nicht nachwachsen. «Das ist unverantwortlich», fand der 53-Jährige schon lange. Er begann, an einem Passivhaus herumzutüfteln, das auch im Winter ohne Heizung auskommt – ohne viel Verlust an Komfort.

«Kritiker sagten: Wenn das wirklich machbar wäre, würden es längst alle machen. Denen wollte ich zeigen, dass das Passivhaus nicht nur funktioniert, sondern auch mit einfachster Technologie erreicht werden kann.» Das Passive Igloo Project war geboren.

Als «Labor» sollte die Arktis mit ihren härtesten Bedingungen herhalten. Aber wie sollte das Passivhaus dorthin kommen? Gallinelli, passionierter Segler, hatte eine Idee. Das Passivhaus wurde in ein Segelboot eingebaut.

Innen bis zu 60 Grad wärmer als aussen: der Segelboot-«Iglu».

Rund ein Jahr dauerte es, die 18 Meter lange «Nanuq» für das Arktisexperiment vorzubereiten. Die Kabine, der «Iglu», wurde dick isoliert und mit besten Verglasungen ausgerüstet. So lässt sich nicht nur verhindern, dass Kälte eindringt, sondern auch dass die Körperwärme und die Wärme vom Kochen nach aussen entweichen. Eine Wärmetauschanlage gewinnt einen grossen Teil der Wärme zurück.

Zudem wird kalte Frischluft durch das im Vergleich viel wärmere Meerwasser geführt und auf diese Weise aufgeheizt. Im Innern des Iglus lassen sich so erstaunliche plus 20 Grad erreichen – bei Aussentemperaturen von minus 30 Grad.

++ Lesen Sie die Fortsetzung des Porträts unter der Info-Box. ++

Porträtserie: «Die Weltverbesserer»

Unsere fünf Porträts über Schweizer, die die Menschheit in eine bessere Zukunft führen wollen.
 

Beobachter: Wie lange haben Sie gebraucht, um das Geld für Ihr Experiment aufzutreiben?
Peter Gallinelli: Ich habe ohne fremdes Kapital angefangen. Wenn man erst versucht, Geld zusammenzutreiben, muss man gar nicht beginnen. Daran scheitern viele.

Beobachter: Sie haben also einfach ins Blaue hinein begonnen?
Gallinelli: Ja. Meine Lebensdevise lautet: Do it yourself. Mach es. Warte nicht auf andere, darauf, dass es jemand anderer für dich tut! Wir haben sehr viel selber gemacht.

Peter Gallinelli wuchs im australischen Outback auf, war schon von klein auf gewohnt, vieles selber zu machen – in der Natur spielen statt vor dem Bildschirm sitzen, Spielzeug basteln und Dinge erfinden statt kaufen. «Für mich war immer klar, dass wir unsere Kinder in die Waldorfschule schicken, wo Kreativität und Selbständigkeit stark gefördert werden.»

Und es gibt mehr Freiheiten, auch für die Eltern. Gallinelli konnte seinen 14-jährigen Sohn zehn Monate aus der Schule und mit in die Arktis nehmen. «Das war nicht so geplant gewesen. Jakob hätte eigentlich Anfang November wieder heimreisen sollen. Doch der Klimawandel ist sehr spürbar: Weil das Meer viel später als üblich zufror, konnten wir nicht vom Boot weg.»

Beobachter: Wie fand Jakob das?
Gallinelli: Die Entscheidung, das ganze Jahr zu bleiben, hat Jakob selber gefällt. Natürlich habe ich ihn während der Zeit im Eis unterrichtet. Er ging auch in die Dorfschule. Er lernte unendlich viel über die Arktis, über das Leben der Menschen und Tiere dort. Überhaupt über das Leben.

Beobachter: War es nicht unverantwortlich, Ihr Kind ins Eis mitzunehmen, den Stürmen und der Kälte auszusetzen? Der nächste Arzt war ja 1500 Kilometer entfernt.
Gallinelli: Da war der Gedanke: Wenn die Einheimischen dort leben können, auch Kinder und Hochbetagte, wieso sollten wir das nicht können? Und wenn man weiss, dass man nicht auf fremde Hilfe zählen kann, ist man besonders vorsichtig. Entsprechend haben wir auf unsere Gesundheit geachtet und uns auch nie verletzt.

Festgefroren in einem 18 Meter langen Schiff. In einer Kabine mit sechs Zentimeter dicken Fensterscheiben. Ohne Handy oder Internet, abgeschnitten von der Welt. Der Alltag: viel schlafen, beobachten, erfahren, diskutieren, schreiben. Jakob unterrichten. Für Umweltstudien Wasserproben nehmen und Messungen machen. Die Umgebung erkunden. Brot backen. Frisches Wasser per Hundeschlitten und zu Fuss vom nächstgelegenen Süsswassersee holen. Dort jeweils mit dem Handbohrer bis zu zwei Meter tief durch das Eis bohren. Mit den Inuit auf die Jagd gehen. Hülsenfrüchte, Vollreis und getrocknete Früchte essen, aber auch Narwal, Moschusochse und Seehund, manches davon vergoren oder roh.

Beobachter: Schmeckt roher Narwal oder roher Seehund?
Gallinelli: Man muss sich daran gewöhnen, aber dann mag man nicht mehr darauf verzichten.

Beobachter: Wie war Ihr Verhältnis zu den Leuten?
Gallinelli: Die 20 Einwohner des drei Kilometer entfernten Dorfs waren ausgesprochen freundlich und aufgeschlossen. Sie luden uns ein. Wir luden sie ein. Wir wurden Freunde. Wir haben viel zusammen gemacht.

Beobachter: Und was hielten die Einheimischen von Ihrem Projekt?
Gallinelli: Sie haben die «Nanuq» mit grossem Interesse inspiziert und mit Achtung genickt. Das grösste Kompliment war, dass sie uns ihre Kinder über die kältesten Tage an Bord anvertrauten. Einzig bei unserer modernen Daunenkleidung rümpften sie spöttisch die Nase. Das tauge nichts. Sie sollten recht behalten. Die Fellkleidung, die sie uns gaben, war unendlich viel wärmer und besser an die Verhältnisse angepasst. Sie liehen uns auch einen Schlittenhund. Nicht nur eine liebenswürdige Gesellschaft, auch das beste Eisbären-Frühwarnsystem.

Beobachter: Wie hat sich das Passivsystem gemacht? Haben Sie gefroren?
Gallinelli: Tagsüber hatten wir im Innenraum bis zu 20 Grad und selbst in den kältesten Nächten mindestens fünf Grad. Das ist bis zu 60 Grad Unterschied zur Aussentemperatur. Eigentlich wollten wir mit Windkraft und Solarpanels dazuheizen. Doch leider hatten wir drei Monate lang absolute Windstille, und auch die Sonne schien nicht. Wir brauchten dann einige wenige Liter Motortreibstoff zusätzlich. Alles in allem haben wir aber trotzdem rund 90 Prozent weniger Treibstoff als ein normales Haus verbraucht. Unsere grönländischen Freunde konnten das kaum glauben.

Beobachter: Und was kommt als Nächstes?
Gallinelli: Natürlich gehts wieder zurück in den Norden! Vielleicht auch passive Iglus auf dem Festland, aus lokalen Baumaterialien. Und irgendwann normale Häuser. Denn wenn sich die Methode in der Arktis bei minus 40 Grad bewährt, funktioniert sie in unseren Breitengraden erst recht.

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Elio Bucher, Online-Produzent

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