Wie Rufer in der Wüste kamen sie sich Mitte der neunziger Jahre vor: Ruedi Kriesi, damals Leiter der Energiefachstelle des Kantons Zürich, und der Zürcher Unternehmensberater Heinz Uebersax. Der Ölpreis stand bei 23 Rappen pro Liter, und niemand interessierte sich für energiesparende Bauten – die Investitionen rechneten sich kaum. Trotzdem schafften es die beiden, mit einem eigens zu diesem Zweck gegründeten Verein den von ihnen entworfenen Baustandard «Minergie» mit der Zeit zu etablieren. Die raffinierte Idee: In den Vordergrund stellten sie nicht das Energiesparen, sondern den gesteigerten Wohnkomfort durch die kontrollierte Belüftung der Räume.

Vor zehn Jahren waren es nur ein paar Dutzend Bauherren, die sich ein Haus nach dem neuen Standard bauen liessen. Mittlerweile tragen schweizweit mehr als 11'000 Häuser das Minergie-Label. «Diese Zahl reflektiert aber nur einen Teil des Erfolgs», sagt Minergie-Geschäftsführer Franz Beyeler. «Unsere Bemühungen haben die Bauwelt sensibilisiert, und es wird heute viel besser isoliert als noch vor einigen Jahren, selbst wenn nicht nach Minergie-Standard gebaut wird.» Beyeler schätzt, dass es neben den 11'000 zertifizierten Gebäuden nochmals so viele Bauten gibt, die den Standard erfüllen würden. Als Grund für das fehlende Zertifikat vermutet er nicht die Kosten des Labels – bei einem Einfamilienhaus nach Minergie-Standard betragen diese derzeit 750 Franken –, sondern Bauherren, denen es genügt, ein komfortables und energiesparendes Haus zu haben, oder Architekten, die ihre Kunden nicht auf die Möglichkeit der Zertifizierung aufmerksam machen.

Heute stehen drei Standards zur Verfügung, jeder abgestimmt auf spezifische Bedürfnisse und mit unterschiedlichen Normen. Den Weg zum Erfolg geebnet haben neben privaten Bauherren auch Kantone und Städte, die den Standard für eigene Bauten als obligatorisch erklärten. Ebenso setzen kommerzielle Bauherren wie die Swiss Re, Coop und die Migros sowie die grossen Baugenossenschaften auf das Energiesparlabel. Ein Überblick über die drei Standards:

  • Minergie: Mit dem Minergie-Label ausgezeichnet werden neugebaute Gebäude, die für Heizung und Warmwasser maximal 38 Kilowattstunden Energie pro Quadratmeter beheizter Fläche und Jahr verbrauchen. Das entspricht rund 3,8 Litern Heizöl. Erreicht wird der Wert durch eine gute Isolation von Wänden, Dach und Keller, gut isolierende Fenster, eine dichte Gebäudehülle und kontrollierte Wohnungsbelüftung. Diese sorgt für frische Luft in allen Räumen, behält aber – im Gegensatz zur Lüftung via Fenster – dank dem eingebauten Wärmetauscher den grössten Teil der Heizenergie im Haus. Die Beheizung von Minergie-Häusern erfolgt über Radiatoren oder eine Bodenheizung.
    Auch Altbauten können bei der Renovation auf Minergie-Standard getrimmt werden. Hier liegt der Grenzwert für die Zertifizierung mit 60 Kilowattstunden pro Quadratmeter höher, da es aufgrund der bestehenden Bausubstanz schwieriger ist, das Gebäude optimal zu isolieren.

  • Minergie-P: Der Standard orientiert sich an dem aus Deutschland bekannten Passivhaus-Standard, wurde aber an die Schweizer Gegebenheiten angepasst. Der Energieverbrauch darf maximal 30 Kilowattstunden pro Quadratmeter betragen. Erreicht wird dies durch eine noch bessere und dichtere Hülle als bei Minergie-Bauten. Altbauten werden nur vereinzelt nach Minergie-P saniert, da hier die Grenzwerte gleich sind wie bei normalen Minergie-Bauten.
  • Minergie-Eco/Minergie-P-Eco: Eco ist der jüngste Standard im Rahmen von Minergie. Er schreibt zum einen die Einhaltung der Grenzwerte nach Minergie vor, zum anderen die Anwendung gesunder und ökologischer Bauweisen. Dazu gehören etwa ausreichend Tageslicht in den Räumen, genügende Schallschutzmassnahmen, eine gute Raumluft, Rohstoffe und Baustoffe mit möglichst geringer Umweltbelastung und die einfache Rückbaubarkeit des Gebäudes nach Ende der Nutzungsdauer. Ursprünglich wurde der Standard für öffentliche Bauten und Mehrfamilienhäuser entwickelt. Seit dem vergangenen Sommer ist aber auch eine an die Verhältnisse von Einfamilienhäusern und kleinen Mehrfamilienhäusern (bis 500 Quadratmeter Wohnfläche) angepasste Version verfügbar.


Welches Label für welchen Zweck geeignet ist, hängt zum einen von den persönlichen Präferenzen ab, zum anderen davon, ob es sich um einen Neubau oder ein Modernisierungsobjekt handelt.

Wer heute ein Ein- oder Mehrfamilienhaus neu baut, sollte auf den besonders sparsamen Standard Minergie-P setzen. «Wenn die Anforderungen bereits zu Beginn der Planungsphase einfliessen, lässt sich Minergie-P mit vertretbarem Aufwand realisieren», sagt Minergie-Geschäftsführer Franz Beyeler. Im Gegenzug erhalte man ein Haus, das dem aktuellsten Stand der Technik entspreche.

Rund 270 Häuser in der ganzen Schweiz zeigen, dass die Realisierung problemlos möglich ist – auch an Lagen, die auf den ersten Blick nicht optimal sind. Für die Erneuerung älterer Liegenschaften hingegen hat sich der Modernisierungsstandard von Minergie bewährt. Steht ohnehin eine grössere Renovation an, hält sich auch hier der Aufwand in Grenzen.

Die energetische Modernisierung sorgt nicht nur für eine tiefere Heizkostenrechnung, sondern erhöht zugleich den Wohnkomfort: Kalte Wände und stark geheizte Räume sind passé, die Lüftungsanlage bringt frische Luft ins Haus und hält Lärm draussen. Wer sein Haus nach dem Minergie-Standard modernisieren will, kann dies zudem auch problemlos in Etappen tun. Für alle wichtigen Gebäudebereiche (Dach, Wand, Fenster) sind sogenannte Minergie-Module verfügbar. Das sind Bauteile, die für sich die Anforderungen von Minergie erfüllen. Werden nach und nach alle wichtigen Bereiche des Hauses mit solchen Elementen saniert, entspricht es am Schluss dem Minergie-Standard.

Und wer besonderen Wert darauf legt, ein Haus zu bauen, das nicht nur wenig Energie braucht, sondern auch aus besonders ökologischen Materialien besteht, setzt am besten auf den Standard Minergie-Eco.

Der Erfolg von Minergie hat sich in den letzten Jahren auf die gesamte Baubranche ausgewirkt. Wie gross der Einfluss von Minergie ist, zeigen auch die neuen, verschärften Energievorschriften für Gebäude, die im Kanton Tessin bereits in Kraft sind (siehe Nebenartikel «Energieverbrauch: Von ‹Muken› und Murks»). «Wir haben gezeigt, dass tiefere Energieverbrauchswerte relativ einfach zu erreichen sind», sagt Beyeler. «So lagen die Argumente auf der Hand, auch die Bauvorschriften entsprechend anzupassen.»

Der Erfolg des Minergie-Labels macht auch vor den Landesgrenzen nicht halt. Selbst aus Asien sind Delegationen in die Schweiz gereist, um sich Minergie-Bauten anzusehen, und kürzlich hat Minergie eine Lizenz nach Frankreich vergeben. Eine eigens eingerichtete Zertifizierungsstelle vergibt nun dort das Label nach den in der Schweiz erprobten Vorgaben.

Energie sparen: Die Gesamtbilanz zählt

Ein Minergie-Wohnhaus allein ist längst kein Garant für eine ökologische Lebensweise. Entscheidend ist die Gesamtenergiebilanz, die auch die Lebensführung berücksichtigt – den tägli­chen Fussabdruck eben. Ihren Energieverbrauch und Ihr Umweltverhalten können Sie im Internet einfach überprüfen: www.footprint.ch, www.ecospeed.ch, www.wwf.ch/klimacheck.

Auch in «Sparhäusern», in Bauten, die ­bereits den sparsamen Standards von Minergie oder ­Minergie-P entsprechen, lässt sich ohne Probleme noch mehr Energie sparen. Entscheidend ist dabei das Benutzerverhalten. Spar­potentiale liegen in vielen Bereichen:

  • Lüftung: Minergie-Häuser werden mechanisch belüftet – und zwar besser, als es mit dem Lüften durchs Fenster möglich ist. Die Fenster können zwar geöffnet werden, doch dadurch geht in der kalten Jahreszeit un­nötig Energie verloren. Grundsätzlich sollte man auf das Kippen von Fenstern während der Heizperiode verzichten.

  • Heizung: Jedes Grad, um das die Raum­temperatur erhöht wird, verbraucht rund sechs Prozent mehr Energie. Achten Sie ­deshalb auf angepasste Temperaturen. Als Richtwerte gelten: Wohnbereich 20 bis 22 Grad, Schlafzimmer 17 bis 20 Grad, Korridore 17 Grad, Badezimmer 23 Grad. Bei regel­mässiger Abwesenheit tagsüber sollte die Heizung auf Absenkbetrieb programmiert und ­eine Stunde vor Heimkehr wieder hochgefahren werden. Gleiches gilt in der Nacht: Umschaltung auf Absenkbetrieb eine Stunde vor der Schla­fenszeit, Rückkehr zum Normalbetrieb eine Stunde vor dem Aufstehen.
  • Abwesenheit: Fahren Sie die Heizungbei längerer Abwesenheit im Winter (langes ­Wochenende, Ferien) aufs Minimum herunter. Viele Heizanlagen verfügen zudem über ­spezielle Ferien­programme.
  • Warmwasser: Duschen braucht weniger ­Energie als Baden. Zudem sollten Sie darauf achten, dass alle Wasserhahnen mit Spar­aufsätzen versehen sind, die dem Wasser Luft beimischen und so für einen geringeren Verbrauch sorgen.
  • Beleuchtung: Setzen Sie wo immer möglich Sparlampen oder LED-Lampen ein, vor allem überall dort, wo das Licht während langer Zeit brennt: in Korridoren, in der Küche oder auch im Wohnzimmer. Die besten Produkte finden Sie auf www.topten.ch.
  • Elektrogeräte: In Häusern nach Standard Minergie-P sind grosse Haushaltsgeräte der Energieklasse A oder besser Vorschrift. Doch auch in normalen Minergie-Häusern lohnt es sich, solche Geräte gleich beim Neu- oder Umbau auszuwählen. Bei Kühlschränken oder Tiefkühlern setzt man am besten auf Modelle der Klassen A+ und A++. Die besten sind wiederum auf www.topten.ch zu finden.