BeobachterNatur: Endo Anaconda, Sie beschreiben Ihr Leben wie folgt: «zu viel essen, zu viel trinken, zu viel rauchen, zu viel Stress – und zu wenig Schlaf.» Zelebrieren Sie den Exzess?
Endo Anaconda: Das hat mit meinem Beruf zu tun. Ich bin als Musiker viel unterwegs, esse zweifelhaftes Zeug. Privat bin ich anders, da achte ich sehr darauf, was ich esse. Ich kaufe nur Lokales aus Bioproduktion.

BeobachterNatur: Dann sind Sie also gar nicht der Bohemien, den Sie auf der Bühne geben?
Anaconda: Doch, doch. Ich bin der Meinung, dass es viel zu wenig Bohemiens in diesem Land gibt.

BeobachterNatur: Sie erwecken den Eindruck, als seien Sie mit den Jahren introvertierter, ernster geworden.
Anaconda: Mag sein. Vor allem aber bin ich trotziger geworden.

BeobachterNatur: Weshalb?
Anaconda: Weil sich die Gesellschaft in eine falsche Richtung entwickelt. Einerseits lieben wir die Schweiz mit all den Vorteilen, die sie bietet, anderseits gibt es hier eine grosse Trostlosigkeit und einen verdammten Stress. Die Leute sitzen nur noch vor dem Laptop, haben Hunderte von Facebook-Freunden und sind trotzdem einsam. Aldous Huxley hat das in «Brave New World» ja vorhergesehen: die Maschinenmusik, die künstliche Befruchtung, die totale Überwachung. Ich versuche, mich zu foutieren, gehe möglichst wenig ins Netz. Steve Jobs wünsche ich die analoge Hölle.

BeobachterNatur: Ist die Gesellschaft masslos geworden?
Anaconda: Die Erwartungen sind masslos geworden. Auch wenn sich die Leute im Grunde weniger leisten können als früher. Die Unterschicht wird grösser, die Leute stehen unter einem wahnsinnigen Druck. Früher hast du immer einen Job gefunden, heute musst du schon mit vier wissen, was du werden willst. Ich möchte heute nicht mehr jung sein. Ich denke, irgendwann wird es eine Jugendrevolte geben.

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BeobachterNatur: Eine Revolte? Die Jugend kriegt und hat doch alles, was sie will.
Anaconda: Klar, jeder hat heute ein iPhone. Es ist die komplette Reizüberflutung. Darum haben so viele ADHS und Depressionen; die driften doch völlig ab. Aber die Jungen werden das Handy irgendwann ausschalten: Tschüss, wir knüpfen jetzt unsere eigenen Netze.

BeobachterNatur: Ärgern Sie sich über die Jugendlichen?
Anaconda: Als ich jung war, bestand mein ganzer Besitz aus Büchern und Platten. Heute kaufen sie statt Büchern das neuste iPad. Sie sind ständig auf dem Sprung, dauernd von E-Mails und SMS geschüttelt. Sie hören schlechte Computermusik und laden alles gratis herunter. Das tönt dann zwar scheisse, sie aber sind zufrieden damit. Es ärgert mich, dass die mit so verdammt wenig zufrieden sind.

BeobachterNatur: Sie plädieren also für mehr Qualität statt Quantität?
Anaconda: Genau. Und ich sehne mich nach einem authentischeren Leben in unserer Gesellschaft. Leute, die so analog leben wie ich, werden immer einsamer. Diese ganze Vereinsamung, die betrifft auch mich.

BeobachterNatur: Warum sind Sie denn ins Emmental gezogen?
Anaconda: Ich schlafe dort im Funkloch einfach besser. Zudem ist die Luft gut, es gibt einen Wald und ein Bächlein, und ich kann zuschauen, wie der Fuchs vorbeischleicht. Es geht aber auch um Kindheitserinnerungen. Ich war als Kind oft im Emmental. Das war der glückliche Teil meiner Jugend.

BeobachterNatur: Sie bewohnen eine Dreizimmerwohnung in einem Bauernhaus. Hätten Sie gerne mehr Luxus?
Anaconda: Mir reichen ein warmer Raum und eine Bettflasche. Aber wenn ich es mir leisten könnte, würde ich mir ein Stöckli kaufen, möglichst weit oben im Emmental – dort, wo man das Land überblicken kann.

BeobachterNatur: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie ein Einkaufszentrum besuchen und das ganze Überangebot sehen?
Anaconda: Ich gehe nie ins Einkaufszentrum. Für mich ist Einkaufen ein sinnlicher Genuss. Ich kaufe das Brot beim Bäcker und den Rest im Frischmarkt. Die im Einkaufszentrum wissen, welches Joghurt du kaufst. Aber vielleicht will ich nicht immer das gleiche Joghurt.

BeobachterNatur: Sie klingen manchmal richtig konservativ und technikfeindlich.
Anaconda: Man kann mich ruhig als konservativ bezeichnen. Technikfeindlich bin ich nicht, aber die Neuentwicklungen während der vergangenen 20 Jahre haben meiner Meinung nach keine Verbesserung der Lebensqualität gebracht.

BeobachterNatur: Sie äussern sich in Interviews immer wieder politisch. In Ihren Liedtexten kommt Politisches aber eher selten vor.
Anaconda: Das Politische ist bei mir häufig zwischen den Zeilen zu finden. Aber es stimmt: Ich singe nicht konkret gegen Atomkraftwerke an. Ich halte nichts von Zeigefingertexten. Lieber halte ich mir selbst den Spiegel vor. Dadurch können die Leute dann auf sich und ihr Leben schliessen.

BeobachterNatur: Trotzdem veräppeln Sie lieber «Hündeler» und Abwarte statt Banker und CEOs.
Anaconda: Banker und CEOs sind eben nicht inspirierend, sondern einfach nur gestört.

BeobachterNatur: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie lesen, wie viel Rohstoffhändler verdienen?
Anaconda: Diese Leute müsste man auf die Bahamas oder in die Staaten aussiedeln – dort kämen sie an die Kasse. Die versteuern ihre Gewinne ja nicht einmal dort, wo sie schürfen. Ich glaube, das fällt irgendwann auf uns zurück.

BeobachterNatur: Bedeutet Ihnen Reichtum nichts?
Anaconda: Milliardenvermögen sind doch völlig absurd. Ich weiss nicht, warum man das überhaupt anstrebt. Wahrscheinlich verleiht es ein Gefühl der Unsterblichkeit. Ich persönlich bin froh, wenn ich meine Rechnungen bezahlen kann. Aber dafür muss ich einiges tun.

BeobachterNatur: Wie müsste eine gerechtes Wirtschaftssystem aussehen?
Anaconda: Ich bin sehr demokratisch eingestellt. Aber das Primat der Wirtschaft über die Politik und die Ökologie darf nicht mehr länger bestehen bleiben. Wir brauchen eine ökologische Gesellschaft und eine Dezentralisierung. Man glaubt, man könne den Tropenwald abholzen und unsere fetten Kühe mit Soja mästen, und das rentiere sich dann. Auf längere Sicht ein Riesenirrtum.

BeobachterNatur: Heute glauben viele, man könne viel konsumieren und trotzdem ökologisch sein. Funktioniert das?
Anaconda: Ob man ein ökologisches oder ein unökologisches T-Shirt nach einem Jahr wegwirft, spielt für die Natur keine Rolle. Besser wäre es, Billigware durch Qualitätsware zu ersetzen. Mein Grossvater hatte zwei Anzüge, einen für den Sonntag und einen für die Werktage; die hatten eine super Qualität. Heute wird einem nur noch billige Dreckware nachgeworfen.

BeobachterNatur: Dreckware?
Anaconda: Ich kaufte mal bei Ikea einen Schrank und dachte, ich könnte den zusammenbauen. Aber die Qualität war so schlecht, dass ich den Schrott am nächsten Tag gleich der Müllabfuhr mitgab. Da scheinen mir die Möbel, die mein Grossvater selber zimmerte, deutlich besser zu sein: Die tun ihren Dienst jetzt schon in dritter Generation.

BeobachterNatur: Gegen das Reisen per Flugzeug singen Sie auch an.
Anaconda: Massentourismus per Flugzeug gehört schlichtweg verboten. Für zwei Wochen auf die Malediven fliegen, das bringt doch nichts. Das Meer sieht doch überall gleich aus. Ich bin kein Reisegegner, aber es müsste Regeln geben. Und dass Kerosin steuerfrei ist, finde ich unglaublich.

BeobachterNatur: Ist es das Privileg der Künstler, auszuteilen, statt nach Lösungen zu suchen?
Anaconda: Wir teilen doch nicht aus. Wir träumen bloss von einer Karriere als Supermusiker.

BeobachterNatur: Haben Sie eigentlich nie Angst, mit Ihren Aussagen in ein Fettnäpfchen zu treten?
Anaconda: Ich trete doch ununterbrochen ins Fettnäpfchen.

Quelle: Pia Neuenschwander

Endo Anaconda, 56, mit bürgerli­chem Namen Andreas Flückiger, ist Sänger, Texter, Schriftsteller und Kolumnist. Mit überbordender Phantasie, ausgeprägtem Sarkasmus und Bühnenpräsenz hat er sich über die Landesgrenzen ­hinaus einen Namen gemacht.

Derzeit ist er mit seiner Band Stiller Has auf Tournee. Daten: www.stillerhas.ch