Beobachter: Wenn Sie die Wahl hätten zwischen dem grossen Laax und dem kleinen Bivio: Wohin gingen Sie mit Ihrer Familie zum Skifahren?
Stefan Forster: Klarer Fall, nach Bivio. Ein familienfreundlicher Ort ohne grossen Rummel, der zu den fahrerischen Fähigkeiten meiner Kinder passt und auch noch relativ günstig ist.

Beobachter: Ihre zwölfjährigen Zwillinge fänden aber Laax vermutlich cooler.
Forster: Ja, bestimmt. Aber da können sie dann allein hin, wenn sie älter sind.

Beobachter: Wenn man die Situation im Skiland Schweiz anschaut, scheint aber das Modell Laax die zukunftsträchtigere Version zu sein. Ist der Trend, Gebiete zusammenzulegen und immer mehr Pistenkilometer anzubieten, das Mass aller Dinge?
Forster: Aus rein ökonomischer Sicht mag das so sein, da ist das Modell von Laax und vergleichbaren Destinationen natürlich sehr clever. Aber für die mittleren und kleinen Gebiete gibt es andere Chancen.

Beobachter: Welche denn?
Forster: Sie können sich als familiennah positionieren, als authentisch und naturnah. Sie können mit guten regionalen Produkten in den Beizen punkten – klein, fein und nachhaltig. Auch dafür gibt es einen Markt.

Beobachter: Doch die meisten Gebiete setzen auf Grösse. So können sie auch höhere Preise für Tageskarten verlangen.
Forster: Die Tourismusbranche arbeitet gern mit Superlativen: je mehr Pisten, desto besser. Das ist paradox, da die meisten Leute an einem Tag vielleicht 20 der 200 Pistenkilometer nutzen können. Und dafür zahlen sie im Verhältnis eigentlich zu viel. Da müssten differenzierte Preise eingeführt werden.

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Beobachter: Bei Schweiz Tourismus häufen sich die Anfragen von Leuten, die nach Skigebieten suchen, an denen sie mit zwei Kindern für 100 Franken pro Tag fahren können. Der Preis gibt also den Ausschlag, nicht die Grösse.
Forster: Skifahren kann sich heute nicht mehr jeder leisten, das ist so, leider. Aber das bietet eben auch den kleinen Gebieten die Chance, über eine gute Preispolitik zu Kunden zu kommen.

Beobachter: Ein weiterer Trend ist die künstliche Beschneiung: Der Konsument setzt Schneesicherheit voraus. Dreht sich die Perfektionsspirale im Winter­tourismus immer weiter?
Forster: Ja, da herrscht ein Wettrüsten. Die grossen Wintersportorte setzen voll auf Beschneiungsanlagen. Aber das ist Symptombekämpfung und verhindert zum Teil auch langfristige Strategien. Mit Beschneiung können sie apere Pisten decken, aber nicht ganze Dörfer einschneien. Und wenn im Unterland zunehmend der Schnee fehlt, kommt nur schwer Winterstimmung auf. Und viele Gäste sind auch zunehmend kritisch, wegen des hohen Energie- und Wasserverbrauchs durch die künstliche Beschneiung.

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Beobachter: Hätte grüner Tourismus denn eine Chance? Wie gross ist das Segment der Leute, die Vorbehalte gegen das «Immer mehr» im Skitourismus haben?
Forster: Die Konsumforschung spricht von «lifestyle of health and sustainability» (Lebensstil der Gesundheit und Nachhaltigkeit), von den sogenannten Lohas. Man schätzt, dass sich über 30 Prozent der Kunden damit identifizieren. Das sieht man zum Beispiel im Detailhandel, der Biomarkt boomt, die Leute achten auf Qualität und nachhaltige Produktionsweisen. Hier hat der Tourismus noch Nachholbedarf.

Beobachter: Was raten Sie da kleineren Skigebieten?
Forster: Mich wundert, dass noch niemand auf ein Öko-Skigebiet setzt. Das wäre doch ein Hit: das grüne, klimaneutrale Skigebiet – eine gute Positionierung im Markt. Es gibt Ansätze dazu. Ein Projekt, an dem wir beteiligt sind, ist zum Beispiel der weltweit erste Solarskilift in Tenna im Safiental, ein einfacher, kleiner Skilift, der national Beachtung findet.

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Beobachter: Gibts weitere gute Beispiele?
Forster: Das Schatzalp-Strela-Skigebiet in Davos, dort setzen sie konsequent auf Entschleunigung. Angesprochen werden Leute, die genug vom Rummel haben. Das Gebiet verzichtet auch bewusst auf künstliche Beschneiung und wirbt mit Naturschnee.

Beobachter: Aber es gibt viele kleinere Stationen, die langfristig nicht mehr schneesicher sind. Sollen die sich ganz vom Wintertourismus verabschieden?
Forster: Wenn der Sommertourismus keine Option ist und auch sonst keine Nische gefunden werden kann: ja. Dann muss man sich mit dem Rückbau solcher Gebiete auseinandersetzen. Diese Entwicklung läuft bereits. Am Gschwender Horn im Allgäu wurde vor ein paar Jahren ein Skigebiet komplett aufgelöst. Dann geht es allerdings auch um die Frage, wer den Abbau der Anlagen bezahlen soll.

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Beobachter: Wenn aber die ganze regionale Wertschöpfung am Tropf des Skigebiets hängt: trotzdem abbauen?
Forster: Ja. Auch wenn das schwierig ist, für die Regionalentwicklung gar fatal. Es trifft Gebiete in Randregionen, und man wird nicht alle retten können.

Beobachter: Viele versuchen stattdessen, das Sommer­geschäft anzukurbeln – mit Aussichtsplatt­formen, Hängebrücken, Hüpfburgen. Ist das der richtige Weg?
Forster: Der Kampf um Aufmerksamkeit ist gross. Doch ich halte es langfristig für den falschen Weg, nur auf Spektakel zu setzen. Viele Leute suchen vermehrt Ruhe, Natur, Besinnung und keine Effekthascherei.

Beobachter: Lässt sich mit «Besinnlichkeit» denn Geld verdienen?
Forster: Ja, obwohl die grosse Wertschöpfung natürlich weiterhin mit dem Wintergeschäft gemacht wird. Der Sommer bietet im Segment des naturnahen Tourismus Wachstumspotential. Allerdings nicht als Alternativmodell zum Winter, aber mit dem Sommergeschäft kann man verlorene Anteile des Winters wettmachen. Sehen Sie doch nur, wie das Outdoorgeschäft boomt, Wandern ist in. Zwei Millionen Menschen in der Schweiz wandern und geben dafür fast zwei Milliarden Franken im Jahr aus.

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Beobachter: Was hat der Seilbahnbetrieb davon?
Forster: Das Bild des asketischen Rote-Socken-Wanderers ist überholt. Heute gehen auch viele junge Leute, die Geld haben und es auch gern ausgeben, in die Berge. Das erhöht die Frequenz am Berg und die Übernachtungszahlen. Weitwanderwege wie die Via Spluga machen heute schon eine Million Franken Umsatz pro Jahr. Das ist ein interessanter Wachstumsmarkt.