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WasserqualitätTrügerische Idylle

Trügerische Idylle
«Ich habe rüüdig Freud»: Richard Stadelmann an «seinem» revitalisierten Aabach in Mosen LU. Bild: Flurin Bertschinger

Das Wasserschloss Schweiz wird touristisch prächtig vermarktet. Doch unseren Flüssen und Bächen geht es viel schlechter, als wir wahrhaben wollen.

von Daniel Benz und Birthe Homannaktualisiert am 2017 M05 10

Als Richard Stadelmann zum Bach hinabkraxeln will, stoppt ein Auto ­neben ihm. Eine Frau vom katholischen Pfarrblatt steigt aus und schiesst ein Foto von ihm. Stadelmann ist Initiant des Projekts «Revitalisierung Aabach Mosen». Sie schreibe zum Thema «Lichtblicke», erklärt die Frau, und sein wiederbelebter Bach sei «ein grosses Lichtsignal».

Stadelmann strahlt. Er krempelt die Ärmel seines Faserpelzes hoch und legt los: «Der Aabach ist jetzt wieder ein richtiger Fluss, der sein Bett selber gestalten kann. Früher war das ein monoton fliessender Kanal mit verbautem und verwachsenem Ufer – von aussen kaum als Gewässer erkennbar.» Jetzt hat der passionierte Hobbyfischer «rüüdig Freud» an den weiten, flachen Ufern, an Strömungshindernissen und Altläufen. Der 46-Jäh­rige zeigt auf zwei Mulden neben dem Bachlauf, sogenannte Temporärgewässer, die immer mal wieder austrocknen und so Le­bensraum für Insekten, ­Vögel oder Amphibien bieten.

Die Riverwatcher kommen

650 Meter Bach wurden hier in Mosen LU revitalisiert, von der Mündung in den Hallwilersee an. Wurzelstöcke, Steckhölzer und Kies­aufschüttungen machen aus dem Teilstück wieder ein lebendiges, naturnahes Gewässer. «Fast wie vor dem Kanalbau vor 140 Jahren», sagt Stadelmann. Seit 2011 ist er ein vom WWF ausgebildeter Riverwatcher. Diese Leute engagieren sich für Lebens­räume und Artenvielfalt in Fliess­gewässern und treiben in Zusammenarbeit mit kantonalen Fachstellen ökologische Aufwertungen voran.

An den meisten Schweizer Bach- und Flussläufen käme der Naturschützer nicht derart ins Schwärmen. Nur knapp fünf Prozent des total 65'000 Kilometer langen Schweizer Fliessgewässersystems sind komplett intakt, zeigt eine Untersuchung des WWF. Am anderen Ende der Skala stehen rund 14'000 Kilometer Gewässer, denen höchst unerfreuliche Attribute anhängen: «stark beeinträchtigt», ­«naturfremd» gar. Im Mittelland hat fast die Hälfte der Fliessgewässer eine künstliche Struktur. Lediglich ein Fünftel der Bäche und Flüsse erfüllt die wesentlichen ökologischen Ziele der Gewässerschutzverordnung.

All das passt schlecht zum schönen Schein von reinen, ungebändigt sprudelnden Gewässern, mit dem sich das «Wasserschloss Schweiz» touristisch gern vermarktet.

Solche Verbauungen zerstören das Ökosystem: Zulg in Steffisburg BE.

«Der Zustand ist teils verheerend»

Früher gab es in der kleinräumigen, rohstoffarmen Schweiz gute Gründe, den Verlauf der Gewässer zu beeinflussen. Um Raum für Landwirtschaft und Wohnzonen zu gewinnen oder um sich vor Hochwasser zu schützen, zwängte man Fliessgewässer in enge Kanäle mit befestigten Ufern. Hinzu kam die traditionell starke Nutzung für Wasserkraft. Zeugen dieser massiven Eingriffe sind über 100'000 entsprechende Bauwerke entlang dem hiesigen Fluss- und Bachnetz.

«Der ökologische Zustand der Gewässergebiete ist darum teils verheerend», sagt Julia Brändle, Gewässerexpertin beim WWF. Eine Studie der Umweltorganisation untermauert das. Tier- und Pflanzenarten schwinden. Gemäss der Roten Liste ist rund die Hälfte aller Fliessgewässer-Arten gefährdet, bedroht oder ­bereits ausgestorben. Die Auen ­haben von ihren ursprünglichen ­Flächen 70 Prozent verloren. Heute machen diese Schnittstellen zwischen Wasser und Land ein halbes Prozent der Landesfläche aus, beherbergen aber mehr als die Hälfte der einheimischen Pflanzenarten – noch. «Die Ökosysteme an den Fliessgewässern sind stark unter Druck», bilanziert Brändle. «Sie brauchen Hilfe.»

Genf top, Basel flop: Der Zustand der Schweizer Gewässer

Nur ein kleiner Anteil der Fliessgewässer ist noch natürlich und damit besonders wertvoll (grün). Nur in sechs Kantonen liegt der Anteil bei über 30 Prozent. Am anderen Ende der Skala stehen sechs Kantone mit weniger als 10 Prozent. In der Regel bemisst sich der biologische Zustand eines Gewässers als Abweichung vom natürlichen Aufbau der Lebensgemeinschaften. Weil solche Daten in der Schweiz fehlen, dienten als Kriterien dieser Analyse die Artenvielfalt, die Gewässerlebensräume (unter anderem Auen, Moore), Lebensraumstruktur (Ufervernetzung) und Wassernutzungen.

Lesebeispiel: Gewässer mit zwei maximal oder drei sehr hoch bewerteten Kriterien entsprechen der Klassierung «äusserst wertvoll» beziehungsweise «sehr wertvoll». Flüsse und Bäche, die grössere ökologische Defizite bei zwei oder mehr Kriterien aufweisen, wurden mit «wertvoll», «mässig wertvoll» und «bedingt wertvoll» bewertet. «Übrige» Gewässer erhielten keine Wertungen in den untersuchten Kriterien.

Infografik Wasserzustand.
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*Anteil fehlender Daten für das Kriterium «Lebensraumstruktur»: In allen Kantonen gibt es Erhebungslücken, vor allem bei kleineren Gewässern. Teilweise wurden die Daten nicht zeitgerecht abgegeben (TI) oder waren fehlerhaft (AR). Der Kanton Neuenburg hat es zudem seit 1994 versäumt, ein Inventar der Wasserentnahmen einzureichen. Das Kriterium «Wasserhaushalt» konnte somit nicht für alle Gewässer berechnet werden.

Dem Aabach im Luzerner Seetal wurde geholfen. Durch die Aufwertung, lanciert 2009, ist wieder ein ­naturnaher Ort entstanden, der Tieren und Pflanzen Lebensräume und Menschen Erholungszonen bietet. Doch auch hier ist die Idylle trügerisch: ­Unmittelbar angrenzend ans revitali­sierte Teilstück fliesst der Bach weiterhin kilometerweit als schnurgerader, enger Kanal vom Baldegger- zum Hallwilersee – keine Spur von Naturnähe. Dieser Kontrast zeigt, wie anspruchsvoll die Aufgaben des Gewäs­ser­schut­zes in der Schweiz sind.

«Natürlich ist das hier erst ein ­Anfang», sagt Initiant Richard Stadelmann. «Aber ein guter. Und viel mehr als bloss eine ‹Behübschung der Landschaft›, wie man manchmal hört.»

Fliessgewässer werden in der Regel vom Mündungsgebiet an aufwärts ­revitalisiert. Gerade dieser Teil sei ­ex­trem wichtig, so Stadelmann. «Wir hoffen, dass die bedrohte See­forelle im neu aufgeschütteten Kies­substrat wieder ein Laichgebiet findet und der Fisch hier erhalten bleibt.» Tatsächlich sind im Herbst wieder Fische im Bach zum Laichen gekommen.

«Mit allen persönlich geredet»

Stadelmann lebt und arbeitet in der Gegend. Entsprechend gut ist er hier verankert. Mit seiner umgänglichen Art und der Begeisterung fürs Aufwertungsprojekt stiess der Riverwatcher bei den meisten Betroffenen rund um den Bach auf offene Ohren. «Ich habe mit allen Anwohnern und Landeigentümern, Gemeinderäten und Landwirten persönlich geredet, sie abends nach der Arbeit getroffen. Das hat gewirkt.»

Nun schreitet Richard Stadelmann in Gummistiefeln den Bach hinab. Bei der Ferienheimgenossenschaft nahe am See­ufer spricht ihn ein älterer Mann an. Er wohne hier seit 40 Jahren und frage sich, was diese angebliche Aufwertung gebracht habe: «Diese grünen ‹Schlämpen› gab es früher nicht im Bach.» Stadelmann erklärt, dass die Algen wie Gräser wachsen, im Frühling durch die Sonneneinwirkung und den Dünger im Wasser schneller. Das sei früher auch so gewesen, «da haben Sie es halt nicht gesehen, weil der Bach verbaut war». Der Rentner grummelt. Ob das jetzt tatsächlich mehr Natur sei? Und was sollen diese Holzverbauungen am Ufer? Stadelmann führt geduldig aus, dass im Holz andere Tiere lebten als in Steinverbauungen. Die Zwischenräume böten Insekten und Amphibien, aber auch Vögeln Lebensraum. Sagts und verabschiedet sich mit einem Schulterklopfen. Der kritische Rentner scheint beschwichtigt.

«Wer die Leute kennt, erreicht oft mehr, als wenn eine Behörde eine Massnahme von oben verordnet.»


Tamara Diethelm, WWF

«Die Nähe zu Ort und Leuten ist ein Erfolgsfaktor von Riverwatch», sagt Tamara Diethelm, die das WWF-­Projekt leitet. «Wer die lokalen Player kennt, erreicht oft mehr, als wenn eine Behörde eine Naturschutzmassnahme ‹von oben› verordnet.» Im direkten Gespräch könne man Fragen ­rascher klären, Widerstände leichter aufbrechen, das habe sich bei den 15 bisher verwirklichten Revitalisierungen gezeigt. Diethelm nennt es «De­mo­kra­ti­sierung des Gewässerschutzes».

Die Sache an der Basis anzupacken ergibt Sinn. Drei Viertel der Schweizer Fliessgewässer sind nämlich kleine Bäche und Flüsschen. Verbesserungen zugunsten der Biodiversität müssen entlang diesem fein verästelten Gewässernetz erzielt werden. Allerdings zeigen sich auf dieser lokalen Ebene die Interessenkonflikte ganz unmittelbar: Naturschutz versus Landwirtschaft versus Siedlungsdruck versus Energiegewinnung versus Finanz­politik. Die praktischen Erfahrungen im Kleinen sind gewissermassen die Nagelprobe dafür, ob das, was das Gesetz im Grossen anordnet, überhaupt durchsetzbar ist.

Kanalisiert und zum grossen Teil unter die Erde verlegt: Stadtbach in Bern.

Gesetz schreibt Renaturierung vor

Seit 2011 schreibt das Gewässerschutzgesetz die Renaturierung beeinträchtigter Gewässer vor. Neben Naturanliegen sollen auch wirtschaftliche (Wassernutzung) und gesellschaftliche Aspekte (Schutz der Bevölkerung) beachtet werden. Aus­gehandelt wurde das Regelwerk als gutschweizerischer Kompromiss: Obwohl das Bundesamt für Umwelt für 10'800 Gewässerkilometer Bedarf an Revitalisierung ausweist, sind gesetzlich nur Aufwertungen an 4000 Kilometern vorgeschrieben, umzusetzen innert 80 Jahren. Das gibt den Kantonen einigen Spielraum bei Auswahl und Priorisierung. In dieser Rechnung nicht enthalten sind Projekte an gros­sen Flüssen wie etwa dem Alpenrhein. Dort soll der 26 Kilometer lange, ökologisch und wasserbaulich desolate Unterlauf für 600 Millionen Franken revitalisiert werden.

Das Gesetz gilt als ausgewogen und löst Finanzflüsse aus, die Naturschützer in anderen Ländern neidisch werden lassen. Der WWF, der sich besonders stark für lebendige Flüsse und Bäche ins Zeug legt, will aber mehr. Es brauche verstärkte Anstrengungen für die Renaturierung und verbindliche Schutzbestimmungen, um den Erhalt der letzten wertvollen Fliessgewässer zu sichern, sagt Julia Brändle vom WWF. «Nötig wäre zum Beispiel ein gesetzliches Verschlechterungsverbot, wie es viele EU-Staaten kennen.»

Gewässerschutz: 80 Jahre Zeit

Seit Januar 2011 gilt das revidierte Gewässerschutzgesetz. Es umfasst drei Massnahmenpakete:

  1. Bis Ende 2018 müssen die Kantone den Gewässerraum ausscheiden, der benötigt wird, um die natürlichen Funktionen der Gewässer, ihre Nutzung und den Hochwasserschutz zu gewährleisten. Schätzungen zufolge fehlen dafür 220 Quadratkilometer Fläche im Uferbereich. Jährlich stehen rund 20 Millionen Franken zur Verfügung, um Landwirte für Nutzungseinschränkungen zu entschädigen.
  2. In den nächsten 80 Jahren sollen 4000 Kilometer stark beeinträchtigter Wasserläufe revitalisiert werden. Der Bund übernimmt durchschnittlich 65 Prozent der Kosten – rund 40 Millionen Franken pro Jahr.
  3. Bis 2030 sollen die Kantone Wasserkraftanlagen sanieren, um ökologische Beeinträchtigungen zu beheben. Die Kosten von jährlich 50 Millionen Franken werden finanziert durch einen Zuschlag auf die Übertragungskosten der Hochspannungsnetze (0,1 Rp./kWh). Ein Netzzuschlag für Gewässersanierung ist auch Teil der Energiestrategie 2050 (Abstimmung vom 21. Mai 2017).

Die Forderung nach mehr Schutz löst auch Widerstände aus. «Da ist zu viel Frosch- und zu wenig Vogelper­spektive», findet Roger Pfammatter, Geschäftsführer des Schweizerischen Wasserwirtschaftsverbands. «Ich er­lebe die Umweltorganisationen oft als Verhinderer, die einfach ihre ureigenen Inte­ressen vertreten.» So seien überbordende Forderungen an die Stromproduktion aus Wasserkraft letztlich ein energiepolitisches Eigengoal, sagt Pfammatter.

Seine Branche liegt im Dauerclinch mit Gewässerschützern, weil sich die Nutzung der Wasserkraft negativ auswirkt, vor allem durch starke Pegelschwankungen. Insgesamt stören 1350 Kraftwerke die natürlichen Abläufe im Ökosystem. Mehr als die Hälfte davon sind Kleinstanlagen, die nicht einmal ein halbes Prozent der Strommenge aus Wasserkraft liefern.

Das Gesetz schon wieder gelockert

Momentan sind die Kantone daran, entlang ihren Wasserläufen Gewässerraum zu bezeichnen. Das sind Ufer­zonen, deren Ausmasse sich nach der Schlüsselkurve berechnen: je nach Flussbreite ein definierter Streifen Land links und rechts. Bei sechs ­Metern Breite etwa kommen beidseits 15 Meter hinzu, was einen 36-Meter-Korridor ergibt. Die Vegetation in ­dieser naturbelassenen Zone fördert die Artenvielfalt. Daneben dient dieser Raum der Hochwasser­sicherheit: Er liefert Platz für den Abfluss grosser Wassermengen – das gewinnt an Bedeutung mit dem Klimawandel, der mehr Überschwemmungen und Erdrutsche mit sich bringt.

Das Gesetz von 2011 sieht vor, solche Räume für das gesamte Fluss- und Bachnetz in der Schweiz festzulegen. Das ergibt einen Gesamtbedarf von 860 Quadratkilometern – dazu müssten geschätzte 220 Quadratkilometer neu unter speziellen Schutz gestellt werden, eine Fläche fast so gross wie der Kanton Zug. Anfang Mai hat der Bund nun aber eine Lockerung in Kraft gesetzt. Demnach dürfen die Kantone bei «sehr kleinen Bächen» auf die Ausscheidung des Gewässerraums verzichten – und dabei selbst entscheiden, wann genau ein Bach «sehr klein» ist. Pikant: Genau diese «Zwerge» sind besonders schwer durch Pflanzenschutzmittel aus der Landwirtschaft verschmutzt. Eine eben veröffentlichte Langzeitstudie des Wasserforschungsinstituts Eawag wies nicht weniger als 128 eingeschwemmte Schadstoffe nach.

«Es ist schwierig, über Jahrtausende gewachsene Ökosysteme wieder herzustellen.»

Christine Weber, Expertin für Fliessgewässer beim ETH-Institut Eawag

Auch wenn durch die Aufweichung der Vorschriften die zusätzlich benötigten Uferzonen kleiner ausfallen dürf­ten: Im Verteilkampf um das rare Gut Land prallen die Interessen des ­Gewässerschutzes auf diejenigen der Landwirtschaft. Seine Haltung dazu hat der Schweizer Bauernverband schon vor Jahren formuliert: Anlass für die Schaffung von Gewässerraum müsse «in erster Linie der Schutz vor Hochwassergefahren sein und nicht einzig das Bestreben, die Biodiversität oder die ‹Schönheit› der Landschaft auf­zuwerten». Noch pointierter die Aargauer Sektion: «Gewässerrevitalisierungen benötigen viel Kulturland und sind deshalb wenig sinnvoll.»

Dass die Bauern Anbaufläche verlieren, ist unbestritten. Doch an wen eigentlich? Das untersuchten 2015 just im Kanton Aargau Fachleute der kantonalen Abteilung Landschaft und Gewässer. Das Ergebnis lässt aufhorchen: Ausserhalb der Bauzone sind 60 Prozent der Bodenverluste durch die Landwirtschaft selber verursacht, etwa durch das Erstellen von Remisen, Silos oder Weideställen. Acker- und Wiesen­flächen, die im Aargau bis 2035 für ökologische Massnahmen an Gewässern verlorengehen, machen bescheidene sechs Prozent aus. Insgesamt 
24 Hektaren hochwertige Landwirtschaftsfläche gehen im Schnitt pro Jahr im Aargau verloren, drei Viertel davon für neue Siedlungen. Fazit: In der Flächenfrage taugt der Gewässerschutz kaum als Feindbild.

Nur ein einziger Bauer weigerte sich

Am Luzerner Aabach mussten für mehr Natur ebenfalls Bauern Land abtreten. Bis auf einen machten alle mit, freiwillig und unentgeltlich. «Wir hatten das Glück, dass es sich nicht um intensiv genutzte Flächen handelte», sagt Riverwatcher Richard Stadelmann. Deshalb sei es den Landwirten nicht so schwergefallen. «Ein revitalisierter Bach ist wie eine Kläranlage, Mikroorganismen siedeln sich an und bauen den Dreck ab» – diese Argumentation Stadelmanns griff. «Davon profitieren schliesslich alle.»

Auch beim Riverwatch-Vorhaben am Rhein in Wagenhausen TG könnten eigentlich die Allgemeinheit und die Natur profitieren. Doch der Gemeinderat setzt die Prioritäten anders. Initiantin Barbara Job, 50, hat die Revitalisierung vor acht Jahren angestos­sen. Sie bleibt hartnäckig. «Wir spüren das Interesse der Bevölkerung», sagt die Sicherheitsfachfrau, die auch Mitglied im lokalen Fischereiverein ist.

Rote Liste: Fische und Krebse in Gefahr

Von ursprünglich 58 Fisch- und Krebsarten in der Schweiz gelten nur noch 14 als nicht gefährdet. Neun Fischarten sind bereits ausgestorben.

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Dabei wären die Pläne so einfach umzusetzen. Barbara Job schlendert den schmalen Uferweg entlang, der der Gemeinde gehört, und zeigt auf die Betonmauer mit den eingelassenen Treppen. «Zuerst wollten wir auf einer Strecke von 300 Metern die Mauer ­abreissen und das Ufer durch Kies­aufschüttungen naturnäher gestalten. Mittlerweile könnte man sogar die Mauer stehen lassen und nur davor aufschütten, das wäre billiger.» Sie ­seien kompromissbereit, betont Eliane Häller. Die 32-jährige Umweltinge­nieurin unterstützt Job im Auftrag des WWF. Beide vermuten, dass der Widerstand der Gemeinde auf diffusen Ängsten gründet. «Man befürchtet, dass mehr Besucher kommen, wenn hier revitalisiert wird, dass es mehr Lärm und Abfall gibt.» Das Flussgebiet ist eine beliebte Gummiboot-Strecke.

Den beiden Frauen geht es um die europaweit gefährdete Äsche. «Die Jungfische brauchen flache, kiesige Ufer mit Versteckmöglichkeiten. Die heutige Situation mit der Betonmauer bietet das nicht», sagt Häller. Dieser Bereich des Rheins ist ein Äschenlaichgebiet von nationaler Bedeutung. Für das Überleben der bedrohten Art wird seit Jahren Laich abgestreift, in speziellen Aufzuchtan­lagen aufgepäppelt und dann wieder ausgesetzt – nur so konnte die Population bisher er­halten werden.

Sie wollen hier am Rhein mehr Natur und Fische: Eliane Häller (l.) und Barbara Job in Wagenhausen TG.

«Wir lassen nicht locker»

Job und Häller haben kürzlich eine 
Interessengemeinschaft gegründet. An einer Infoveranstaltung soll das Thema nochmals öffentlich aufgenommen werden. «Momentan verweigert der Gemeinderat das Gespräch. Doch wir lassen nicht locker.»

Laut Tamara Diethelm vom WWF ist es nicht untypisch, dass die Standortgemeinden bei Revitalisierungen auf die Bremse stehen. Häufig aus Sorge, sich unwägbare Kosten aufzuhalsen. Die finanzielle Hauptlast liegt zwar beim Bund, doch gratis wirds für Kantone und Gemeinden tatsächlich nicht.

Das Bundesamt für Umwelt hat die Kosten abgeschätzt. Die Revitalisierung eines Laufmeters Fliessgewässer kostet im Schnitt 1250 Franken. Hochgerechnet auf den vollständigen Bedarf von 10'800 Kilometern, würde das 14 Milliarden Franken machen; selbst ohne Projekte für grosse Flüsse wie Rhein oder Rhone. Bei den heute gesetzlich verankerten 4000 Kilometern, die aufgewertet werden sollen, kommen immer noch fünf Milliarden zusammen. Viel Geld – und eine Frage: Was ist der Gegenwert?

Platz für alles: So sieht ein naturnaher Fluss aus

Flussbeet.
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Infografik: Andrea Klaiber

«Ein Preisschild wäre fatal»

Ökologische Leistungen in Franken umzurechnen ist verlockend, aber unter Wissenschaftlern sehr umstritten. Christine Weber, Expertin für Fliessgewässer beim ETH-Institut Eawag, hält wenig davon. Gewässersysteme seien überaus komplex, das eine ­hänge vom anderen ab. «Wo zöge man bei der Kosten­berechnung die Grenze?» Hinzu komme eine fragwürdige Botschaft: «Wenn man Biodiversität mit einem Preisschild versieht, wirkt das, als könnte man sie einfach erwerben. Doch das wäre ein fataler Trugschluss.» Die ­Erfahrung zeige, wie schwierig es sei, über Jahrtausende gewachsene Öko­systeme wiederherzustellen.

Nein, die Natur lässt sich nicht ­zurückkaufen – man muss sie sich ­zurückerobern. Genau das hat Richard Stadelmann beim Aabach vor: die ­ersten 650 Meter sollen nur der Anfang gewesen sein. Sein Ziel ist, die restliche Strecke bis hinauf zum Baldeggersee ebenfalls zu revitalisieren. Doch da liegt das idyllische Dörfchen Ermensee, die «Perle im Seetal»; es gehört mit seinen Kanälen zu den schützenswerten Ortsbildern der Schweiz. «Da wird der Denkmalschutz mitreden wollen», sagt Stadelmann. Es gelte, auch diese Anliegen einzubinden. Aber wer aus­ser einem engagierten Riverwatcher wüsste besser, wie man Hindernisse aller Art aus dem Weg räumt?



Mitarbeit: Andrea Klaiber (Infografik)
Quellen: «Wie gesund sind unsere Gewässer? Zustand und Schutzwürdigkeit der Schweizer Fliessgewässer» (WWF Schweiz, 2016), Aqua Viva (www.aquaviva.ch)