Die Familien waren zerrüttet, die Eltern ­alleinerziehend, arbeitslos, krank oder einfach nur arm. Wenn die Behörden dann noch unterstellten, sie seien «arbeitsscheu» oder hätten einen «liederlichen Lebenswandel», reichte das bereits: Zahllose Kinder und Jugendliche wurden auf Bauernhöfen verdingt oder in Heimen und Anstalten versorgt. Sie wurden als Arbeitskraft ausgebeutet, drakonisch bestraft oder missbraucht.

Walter Emmisberger wurde von Pflegeeltern verprügelt und eingesperrt, er musste auf einem Bauernhof schuften, an ihm wurden in der Psychiatrie noch nicht zugelassene Medikamente getestet. Bis heute leidet er unter heftigen ­Panikattacken. Als Bernadette Gächter mit 18 schwanger wurde, wurde sie zur Abtreibung gezwungen. Aus «eugenischen Gründen» durchtrennte man ihr auch gleich die Eileiter.

Langes Warten auf Entschädigung

Schon in den neunziger Jahren schrieb der Beobachter über Verdingkinder, Heimkinder und Zwangsadoptierte. Doch erst als Ursula Biondi 2008 schilderte, wie sie in der Strafanstalt Hindelbank BE versorgt wurde, ohne jemals von einem Gericht verurteilt worden zu sein, reagierten die Politik und die Behörden.

Bis dieses düstere Kapitel Zwangsmassnahmen Die Schuld der Schweiz Schweizer Sozialgeschichte aufgearbeitet wurde, vergingen aber noch Jahre. Ein Gesetz, das Zwangssterilisierte für das erlittene Unrecht entschädigen sollte, wurde 2004 auf Antrag des damaligen Bundesrats Christoph Blocher abgelehnt. Kurz darauf entschied sich die Mehrheit des Parlaments dagegen, die Geschichte der Heim- und Verding­kinder aufzuarbeiten. Es bestehe «weder ein Bedarf noch eine hohe Dringlichkeit».

Doch immer mehr Betroffene schilderten in den Medien ihre tragische Geschichte. 2010 entschuldigte sich Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf Administrativ Versorgte Widmer-Schlumpf nimmt sich Zeit im Frauengefängnis Hindelbank bei Betroffenen. Und 2013 entschuldigte sich Justizministerin Simonetta Sommaruga Zwangsversorgte «Ich bitte Sie von ganzem Herzen um Entschuldigung» vor 700 ehemaligen Verdingkindern und einst administrativ Versorgten, Zwangssterilisierten und Zwangsadoptierten im Namen des Bundesrats. Viele ­Betroffene schafften es erst nach diesem Anlass, ihre persönliche Geschichte aufzuarbeiten.

Je 25'000 Franken Wiedergutmachung

Simonetta Sommaruga lancierte einen runden Tisch und richtete einen ­Soforthilfefonds für Härtefälle ein. 2014 rehabilitierte das Parlament administrativ Versorgte per Gesetz. Erst der Unternehmer Guido Fluri machte Entschädigungen zum Thema: Selber teilweise im Kinderheim aufgewachsen, lancierte er eine Volksinitiative für eine finanzielle Wiedergutmachung Verdingkinder 110'000 fordern Wiedergutmachung – mit einem breit abgestützten Komitee, dem auch der Beobachter angehörte.

Unter dem Druck der Volksinitiative rang sich das Parlament zu einem Gegenvorschlag durch, der 2017 in Kraft trat; 300 Millionen Franken Wiedergutmachungsinitiative Bundesrat bietet 300 Millionen wurden für Solidaritätsbeiträge an die administrativ Versorgten bereitgestellt. Bis heute wurden die meisten der über 9000 Gesuche Wiedergutmachung Behördenopfer können Entschädigung beantragen bearbeitet, den Betroffenen wurden je 25'000 Franken ausgezahlt.

Doch für viele ehemalige Verdingkinder und Weggesperrte ist jetzt nicht einfach alles gut. Noch immer suchen etliche nach ihren Akten Verdingkinder Einsicht in die Familienakten? Fehlanzeige! , forschen nach Verwandten oder hadern mit ­ihrem Schicksal. Weil man für den Solidaritätsbeitrag Verdingkinder Zuerst 25'000 Franken Entschädigung – dann wird die EL gekürzt nicht die gesamten 300 Millionen verwendet hat, werden inzwischen auch Stimmen laut, die eine Verteilung der restlichen Gelder fordern. Doch die Politiker tun, was sie schon früher taten: Sie schweigen.

Ursula Biondi: «Wir sind nichts anderes als Behördenopfer»

Ursula Biondi
Quelle: Jos Schmid

Das ist passiert: Ursula Biondi, 69, wurde als 17-Jährige in der Strafanstalt Hindel­bank BE versorgt – ohne von einem Gericht ­verurteilt worden zu sein. Ihr Vergehen: Sie war un­verheiratet und schwanger. Mit ihrer Geschichte trug sie massgeblich dazu bei, dass sich Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf bei den Betroffenen entschuldigte. Für ihr Engagement wurde Biondi mehrfach geehrt, etwa mit der Ehrendoktorwürde der Universität Freiburg.

«Als ich meine Geschichte zuerst als Buch veröffentlichte, musste ich viel Häme über mich ergehen lassen. Erst als 2008 der Beobachter darüber berichtete, wurde ich ernst genommen. Die offi­zielle Entschuldigung von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf von 2010 war für mich lebenswichtig. Das war der Durchbruch zu einer ­breiten Aufarbeitung und zur Rehabilitierung von uns Betroffenen. Ich bin froh, dass ich mich damals geoutet habe. ­Dadurch konnte ich helfen, eine gesellschaftliche Diskussion in Gang zu setzen. Solche Behördenwillkür darf sich nie mehr wiederholen.

Zurzeit erfahre ich eine grosse Genugtuung. An vielen Vorträgen vor Schulklassen treffe ich auf junge Leute, die sich stark für Menschenrechte interessieren.

In den letzten Jahren war es für mich immer wieder ­unerträglich. Manchmal wurde ich fast aufgerieben zwischen den Ansprüchen einzelner ­Betroffener und der Behörden am runden Tisch.

Ich war drauf und dran, alles hinzuschmeissen. Aber ich ­habe gelernt, dass Wut und Schmerz ein fantastischer Motor sein können, um sich neu zu entfalten. Hass kann dies nicht. Heute müssen wir aufpassen, dass wir nicht ­wieder neu stigmatisiert ­werden. Offiziell nennt man uns administrativ Versorgte. Damit wird uns erneut ein Stempel aufgedrückt, statt dass der Fokus auf die Täter gerichtet wird. Wir sind nichts anderes als ehemalige Behördenopfer.»

Walter Emmisberger: «Endlich hört man mir zu»

Walter Emmisberger
Quelle: Jos Schmid

Das ist passiert: Walter Emmisberger kam 1956 in ­einem Gefängnis als unehelicher Sohn einer administrativ versorgten Frau zur Welt. Er wuchs in einem Kinderheim auf, später bei Pflegefamilien und Pfarrersleuten. Oft wurde er verprügelt und eingesperrt. In der Psychia­trischen Klinik Münsterlingen TG testete man an ihm noch nicht zugelassene Medikamente. Später hatte er ein Transportgeschäft, musste dieses aber wegen seiner ­Panikattacken aufgeben.

«Über meine Kindheit und Jugend konnte ich jahrelang nicht sprechen. Dass mein Zustand mit meiner Kindheit zusammenhängen könnte, war mir nicht bewusst. Als ich einmal einen Artikel über ein Pflegekind las, konnte ich plötzlich das Tabu brechen. Ich organisierte eine Ausstellung zum Thema und erzählte Schulklassen und Interessierten von meinem Leben. Das waren sehr bewegende Momente. Mit anderen Betroffenen gründete ich den Verein Fremdplatziert, dort konnten wir uns austauschen. Es ist eine grosse Genugtuung, dass man mir heute zuhört. Für mich das Wichtigste war der Brief des Bundesamts für Justiz, in dem sich der Staat mir gegenüber für das erlittene Unrecht entschuldigte.

Als ich nach Akten über mich suchte, fand ich in einem St. Galler Kinderheim eine Postkarte mit einem Bild von mir als Kleinkind. Unglaublich, sie haben damit zu Spenden aufgerufen. Später stiess ich auf Dokumente, wonach man mir in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen noch nicht zugelassene Medikamente verabreichte. Daran ­habe ich praktisch keine Erinnerungen, ich weiss nur noch, dass ich viele Tabletten schlucken musste und mir schlecht war. Heute geht es mir gesundheitlich besser, ich kann sogar wieder kleine Töfftouren unternehmen. Es gab Zeiten, da konnte ich die Wohnung kaum verlassen. Ohne meine Familie hätte ich die Aufarbeitung nicht geschafft.»

Willy Mischler: «Wir haben unglaublich viel erreicht»

Willy Mischler
Quelle: Jos Schmid

Das ist passiert: Willy Mischler stammt aus einer zerrütteten Familie und kam 1960 als Dreijähriger ins Waisenhaus Mariahilf der Ingenbohler Schwestern in Laufen BL (damals BE). Er erlebte folterähnliche Strafen. So hielt ihn eine Nonne an den Beinen und tauchte ihn kopfüber in einen Wassereimer. Er machte eine Maurerlehre und arbeitete sich zum Immobilienberater hoch.

«In meinem Umfeld wusste niemand etwas über meine Kindheit. Während Jahrzehnten konnte ich kaum darüber sprechen. Heute weiss ich: Ich muss mich nicht für meine Geschichte schämen. Die Suche nach Akten war sehr aufreibend, aber es hat sich gelohnt. Es war eine unglaubliche Genugtuung, als ich im Berner Stadtarchiv ein Dokument fand, ­wonach während meiner Zeit eine der Ordensschwestern wegen überharter Strafen das Heim verlassen musste. Total enttäuscht bin ich von der Untersuchung des Klosters. Ereignisse wurden beschönigt und negiert.

Vor zwei Jahren konnte ich drei Schwestern und den Leiter der Untersuchung treffen. Es war unglaublich, sie glaubten mir nicht. Erst am Schluss des ­Gesprächs bestätigte die jüngste der Schwestern meine Erinnerungen und bedauerte, was uns angetan wurde. Neulich bat ich nochmals um ein Gespräch. Eine Entschuldigung hätte als versöhnliche Geste Teil des Dokumentarfilms «Hexenkinder» werden sollen. Das Kloster lehnte ein Treffen ab.

Wir Betroffenen haben unglaublich viel erreicht. Als Folge des übermässigen Stresses in der Jugend bin ich gesundheitlich angeschlagen. Ich habe eine chronische Nebenniereninsuffizienz. Aber mir geht es so weit gut, andere hatten weniger Glück im Leben. Ich bin froh, dass ich meine Geschichte aufgearbeitet habe. Heute ist das ­Thema für mich abgeschlossen.»

Magdalena Ischer (†): Ihren Sohn hat sie nie getroffen

Magdalena Ischer
Quelle: Stephan Rappo

Das ist passiert: Magdalena Ischer lebte als Kind und Jugendliche in mehr als einem Dutzend ­Heimen und Anstalten. 1966 gebar sie einen Sohn, sie war erst 17 Jahre alt. Gegen ihren Willen gaben ihn die ­Behörden zur Adoption frei. Sie sah ihn nie wieder. Ohne Gerichtsurteil wurde sie für weit über ein Jahr im Frauengefängnis Hindelbank BE weggesperrt.

Als eine der Ersten outete sich Ischer als Betroffene ­einer Zwangsadoption. Die offizielle Entschuldigung von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf in Hindelbank war für sie eine Genugtuung. Denn das Leben meinte es nicht gut mit ihr, «sie wurde von den Behörden regelrecht seelisch zerfleischt», sagt ihre Weggefährtin Ursula Biondi.

Mit Verweis auf das Adop­tionsgeheimnis verwehrte man ihr jegliche Informationen über ihren Sohn Zwangsadoption Mütter ohne Rechte . Dies, obwohl das absolut formulierte Adoptionsgeheimnis erst ab der Gesetzesänderung von 1973 galt. Zumindest die Identität ihres Sohnes hätte man ihr mitteilen müssen. Auch als sie 2015 von ihrer Krankheit schon schwer ­gezeichnet war, versuchten ihr nahestehende Personen, ein Treffen mit dem Sohn zu organisieren – es kam nicht mehr zustande.

Wenige Tage nach dem Versuch verstarb Magdalena Ischer 66-jährig, verbittert und vom Leben zermürbt. Die Wiedergut­machung hat sie nicht mehr erlebt. Ihrem Sohn hat sie einen Abschiedsbrief hinterlassen, um ihm ihre Geschichte zu erzählen. Ob er den Brief jemals erhalten hat, ist nicht bekannt.

Bernadette Gächter: «Ich brauche meine Kraft für anderes»

Bernadette Gächter
Quelle: Jos Schmid

Das ist passiert: Bernadette Gächter, 65, wurde als 18-Jährige schwanger. Die Psychiatrische Klinik Wil SG stufte sie als «geistesschwach» ein und drängte sie zur Abtreibung. Im Kantonsspital St. Gallen durchtrennte man ihr «aus eugenischen Gründen» auch gleich die Eileiter. Die Hintergründe erfuhr sie erst, als sie Anfang der neunziger Jahre Einsicht in ihre Akten erhielt. 2006 wurde ihre Geschichte als Buch veröffentlicht.

«Ich finde es gut, dass die Geschichte der vormundschaftlichen Zwangsmass­nahmen aufgearbeitet wurde. Aber der Aufwand der Experten und Forscher hat eine Unmenge Geld gekostet. Das ist zwiespältig. Man hätte besser den Betroffenen eine höhere Entschädigung ausgezahlt. Denn die Höhe der Wiedergutmachung ist lachhaft. Ich habe so viele Betroffene erlebt, die haben nichts, sind alt und krank. Man hätte ihnen wenigstens die Geldsorgen nehmen können.

Das Wichtigste für meine Aufarbeitung war das Buch «Widerspenstig». Ich fand dadurch Ruhe, den inneren Frieden. Und ich konnte mir Gehör verschaffen. Der runde Tisch, dem ich am Anfang ­angehörte, brachte mir nichts. Hier fühlte ich mich total ­unverstanden. Es wurden zu hohe Erwartungen geschürt und zu viele Enttäuschungen produziert. Ohne die Wiedergutmachungsinitiative von Guido Fluri wäre die ganze Aufarbeitung versandet.

In den letzten Jahren bekam ich zunehmend Probleme mit meinen Augen, aber ich freute mich auf die Pensionierung. Dann wurde bei mir Brustkrebs diagnostiziert. Nach einer Chemotherapie geht es mir wieder besser. Aber inzwischen bin ich vollständig erblindet.

Eigentlich wollte ich weiterkämpfen, um alle meine Akten herauszubekommen. Aber heute brauche ich meine Kraft und Energie für anderes. ­Jeder Tag ist eine neue ­Herausforderung. Ein jahrzehntelanger Prozess ist für mich zu Ende gegangen. Jetzt kann ich loslassen, für mich stimmt es.»

Zwangsmassnahmen: Abschluss der Aufarbeitung steht bevor

Nach fünf Jahren beendet die Unabhängige Expertenkommission die Aufarbeitung der administrativen Versorgungen. Die Kom­mission war vom Bundesrat eingesetzt worden. Sie untersuchte und dokumentierte die Hintergründe der Zwangsmassnahmen vor 1981, organisierte Veranstaltungen und veröffentlichte eine Publikationsreihe mit bisher neun Bänden. Mit einer Abschluss­feier für Betroffene wird am 2. September in Bern der letzte ­Bericht veröffentlicht – mit Empfehlungen für die Politik.

Hier finden Sie mehr zu den Zwangsmassnahmen.

Weitere Informationen

Anlaufstelle, Vereine der Betroffenen
 

 

 

Forschung, Aufarbeitung
 

«Mehr Klarheit – Woche für Woche»

Otto Hostettler, Redaktor

Mehr Klarheit – Woche für Woche

Der Beobachter Newsletter