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StressWie Chefs auf Stress reagieren

Alle reden von Stress – auch Vorgesetzte. Mit Hilfe von Vorbeugeprogrammen und ­Wellnessangeboten soll die Belegschaft leistungsfähig bleiben. Das kann beiden Seiten nützen, wenn man die Probleme im Betrieb an der Wurzel packt.

Wer viel leistet, soll auch für Ausgleich sorgen können: Seit sechs Jahren hat der Hauptsitz der Helvetia in St. Gallen einen Fitness- und Ruheraum.

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Alles so schön bunt hier: Google ist bekannt für seine verspielten Büros. Sie erinnern mit ihren Kletterwänden und Töggelikästen, Dschungelwäldern und Dachgärten an Kinderparadiese oder Freizeitparks. Das Motto des Suchmaschinenriesen: Wer viel und hart arbeitet, soll sich wohl fühlen im Büro. Und zwischendurch zwecks Stressabbaus seinem Spieltrieb freien Lauf lassen. Oder im gestreiften Schaukelstuhl einfach mal eine Runde abhängen. Der Arbeitsplatz als Spasszone und Wellness­oase: Google mag es eine Spur greller und plakativer.

Andere Grossbetriebe ziehen nach

Die Frage, was Mitarbeiter brauchen, um gesund und damit leistungsfähig zu bleiben, beschäftigt indessen auch andere Unternehmen. Bei ABB Schweiz, Nestlé, Novartis, der Kuhn ­Rikon AG, beim Krankenversicherer Helsana oder bei der Helvetia-Versicherung gehört ­Gesundheitsvorsorge zum guten Ton. Mehr noch: Es sei im Sinne der Betriebskultur, etwas fürs Wohl­befinden der Belegschaft zu tun, heisst es bei den Unternehmen.

Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen können deshalb im firmeneigenen Fitnessraum rudern und strampeln, sich laben am vitaminreichen Kantinenbuffet oder sich in den Ruheraum zum Turboschläfchen zurückziehen. Man bestellt Ge­sundheitsbotschafter und tauscht sich aus in ­Gesundheitszirkeln. Man lernt beim Powercoaching auf Firmenkosten, wie das eigene Zeitmanagement besser in den Griff zu bekommen ist und wie man stressmindernde und widerstandstärkende Quellen anzapfen kann.

Das mag spassig anmuten, der Hintergrund ist ernst: Immer mehr Arbeitnehmer sehen sich enormem Druck ausgesetzt. Laut der Seco-Stressstudie von 2010 fühlt sich ein Drittel der Erwerbstätigen häufig bis sehr häufig gestresst. Stress im Job hat eine Reihe von negativen ­Folgen: Motivationsschwund, Leistungseinbussen, Langzeitabsenzen und Produktionsausfälle sind nur vier davon. Den Grossteil dieser Stressfolgen bezahlen die Arbeitgeber. Das aber ­können sie sich nicht leisten, wenn sie wett­bewerbsfähig bleiben wollen. Um die Kosten zu reduzieren, kümmerten sie sich deshalb vermehrt um Stressprävention, sagt Simone Piller vom Ins­titut für Arbeitsmedizin in Baden AG. Frei nach dem Grundsatz: Arbeiten ist kein Sonntagsspaziergang, Leistung darf erwartet werden. Aber wir wollen der Belegschaft Hilfsmittel an die Hand geben, um in einer beschleunigten und verdichteten Arbeitswelt besser klarzukommen.

Wie gut es Mitarbeiter schaffen, mit Hektik und Hochdruck umzugehen, ist freilich nur ein Aspekt. Der andere: Welche Stress­faktoren lassen sich im Betrieb vermeiden? Dass Stress kein Schicksal, sondern oft haus­gemacht ist, auch diese Erkenntnis reife in immer mehr Unternehmen, hat Lukas Weber von der Stiftung ­Gesundheitsförderung Schweiz beobachtet. Ver­antwortungsvolle Chefs schaffen deshalb ideale Rahmenbedingungen, damit Mitarbeitende möglichst wenig unter Stress leiden. Das klingt anspruchsvoll – und ist es auch.

An jedem Arbeitsplatz gibt es Dinge, die ­Mitarbeiter mürbe und sogar krank machen. Gemäss der Seco-Stressstudie gehören Unterbrechungen, hohes Arbeitstempo, Termindruck und Umstrukturierungen zum Schlimmsten. Besonders problematisch wird es, wenn die Ressourcen fehlen, um mit den schlechten Bedingungen umzugehen: wenn Mitarbeiter keine Wertschätzung erfahren, die Zusammenarbeit im Team harzt, kein Handlungsspielraum da ist und die Möglichkeit fehlt, etwas an den Umständen zu verbessern.

Wohlfühlprogramme reichen nicht

Experten sind sich einig: Wer dafür sorgen will, dass die Belegschaft weniger unter Stress steht, muss alle Arbeitsbedingungen durchleuchten und Mängel aufspüren. Es geht ans Eingemachte, mit Ernährungs- und Entspannungskursen ist es nicht getan. Diese können sogar aufgesetzt und zynisch wirken, wenn Elementares nicht stimmt oder die gutgemeinten Angebote im Widerspruch zum Arbeitsalltag stehen: wenn etwa die Restmannschaft in der Abteilung wegen des erneuten Stellenabbaus schier kollabiert. Oder wenn sich jemand mit kleinlichen Vorschriften herumschlagen muss, obwohl er qualifiziert genug wäre, selbst zu entscheiden, wie die Arbeit besser und effizienter zu erledigen wäre.

Wirksame Stressprävention heisst demnach auch: Das Management muss am Führungsstil arbeiten, betonen Arbeitspsychologen. Es muss auf offene Kommunika­tion und soziale Unterstützung setzen, eine «Vertrauenskultur» etablieren. Viele grössere Unternehmen haben sich dieses «betriebliche Gesundheitsmanagement» auf die Fahne geschrieben. Sie durchlaufen dafür umfangreich angelegte Programme mit fundierten Analysen und ausgeklügelten Interventionsstrategien und lassen sich mit Qualitäts­siegeln auszeichnen, etwa mit dem Logo «Friendly Work Space». Die Post, die Basler Versicherungen und diverse Migros-Genossenschaften tragen es beispielsweise.

Es gelingt nur, wenn alle mitmachen

Bleibt die Frage, ob solche Antistressprojekte ­etwas bewirken – oder nur einen Haufen Geld kosten und gut sind fürs Firmenimage. Laut ­Lukas Weber bringen die Projekte durchaus ­etwas, aber nur wenn die oberste Geschäfts­leitung und Führungskräfte auf allen Ebenen dahinterstehen und Überzeugungsarbeit leis­ten. Und wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter motiviert werden, beim Umgang mit Stress auch selbst ihren Beitrag zu leisten.

Gute Resultate zeigt zum Beispiel das Antistressprojekt Swing, das in acht Grossbetrieben getestet wurde. Laut Angaben der Initiatoren sank bei jedem vierten Arbeitnehmer der Stresslevel. Die weniger belasteten Mitarbeiter waren um bis zu zehn Prozent produktiver. Dieser Produktivitätsunterschied könne pro Jahr und Mitarbeiter bis zu 8000 Franken ausmachen. Weniger Stress, so die Bilanz, macht offenbar nicht nur die Belegschaft zufriedener, sondern zahlt sich auf Dauer aus.

Wer Stress will, bekommt ihn auch...

So produzieren Sie Stress
Schieben Sie Aufgaben vor sich her. Damit vergeuden Sie Zeit, indem Sie sich mit der gleichen Sache mehrmals ­befassen müssen, zumindest gedanklich.

Nehmen Sie sich zu viel vor. So haben Sie am Ende des ­Tages das schlechte Gefühl, es wieder nicht geschafft zu ­haben.

Machen Sie alles gleichzeitig. Multitasking ist in Mode, Singletasking etwas für Langweiler.

Lassen Sie alle Störungen zu, wenn Sie etwas Wichtiges zu erledigen haben: also bloss nicht das Telefon umleiten und das Mailprogramm schliessen.

Fragen Sie nie nach, warum eine Aufgabe so dringend sein soll oder bis wann sie erledigt werden muss. Lassen Sie Ihren chaotischen Chef einfach ­spontan delegieren.

Sagen Sie zu allem ja, auch wenn Sie innerlich nein sagen. Damit verlieren Sie Zeit, und ­Ihre Arbeitsmoral sinkt. Und demotiviert zu arbeiten wird Sie noch mehr Zeit kosten.

So vermeiden Sie Stress
Setzen Sie Prioritäten, um ­Ihre Aufgaben in angemessener Zeit und Qualität erledigen zu können. Überlegen Sie, was die wichtigste Aufgabe ist, die Sie heute erledigen wollen. Das schärft den Blick für die Wichtigkeit, nicht für die ­Dringlichkeit.

Notieren Sie alles Wichtige: Aufgaben, Telefonnummern, Termine, Einfälle. Das schafft Übersicht und ­mindert die Angst, etwas zu vergessen.

Bündeln Sie gleichartige ­Aufgaben: telefonieren, ­Rechnungen kontieren, Mails abarbeiten. So können Sie alles in einem Rutsch und konzentriert erledigen. Dauerndes Wechseln zwischen anders­artigen Arbeiten kostet viel ­Energie.

Drängen Sie auf den ­Abschluss einer Arbeit und ­geniessen Sie das damit ­verbundene Erfolgserlebnis.

Werfen Sie konsequent weg, was Sie nicht mehr brauchen. Sie verbringen sonst unnötig viel Zeit mit der ständigen ­Sucherei.

Veröffentlicht am 12. April 2013