Klingt schrecklich, ist schrecklich schön
Unser Autor war im besten Alter, da wurde er Grossvater. Nach einer Phase der Selbstfindung gäbe er diese Rolle um keinen Preis wieder her.

Veröffentlicht am 5. Oktober 2026 - 05:00 Uhr

Der Grosse und seine Kleine: Opa Daniel Benz mit Enkelin Aby, 11
Vor zwölf Jahren schickte ich Franco ein Büchlein. «Enkel für Anfänger» heisst es, mit urkomischen Zeichnungen von Loriot. Franco, Typ italienischer Familienmensch, war der Erste aus unserer Jugendclique, den es erwischt hatte: Er war Grossvater geworden. Natürlich sparte ich nicht mit Spott. In der Art, wie grosse Buben halt reden, wenn sie einander mögen: «Cazzo, Alter! Gehst du jetzt am Stock?»
Ein halbes Jahr später schickte mir Franco das Büchlein zurück. Seine hämischen Kommentare erspare ich Ihnen (und mir) hier.
Voll im Saft – und schon Grossvater?
Ich war knapp 51, als ich erfuhr, dass ich Grossvater werde. In meinen Augen: im besten Alter, voll im Saft. Und damit weit weg vom gängigen Opabild, das hinter den Frotzeleien zwischen Franco und mir steckte. Und ganz anders, als es Loriot mit spitzer Feder gezeichnet hatte. Grossväter, das waren in unseren Köpfen leicht tattrige Männer in karierten Hemden, milde lächelnd die einen, mürrisch die anderen.
«Ich werde Grossvater» – dieses Bekenntnis hörte sich ziemlich schrecklich an. Zu Beginn meiner neuen Lebensphase war ich also vor allem mit mir selbst und mit meinem Image beschäftigt.
Natürlich: Das schönste Kind
Doch dann kam dieses Kind zur Welt. Und raubte mir den Atem. Das entzückendste Mädchen, das die Welt je gesehen hatte – what else? Aus dem anfänglich zaudernden Opa wurde schlagartig ein stolzer Gockel.
«Dann kam dieses Kind zur Welt. Und raubte mir den Atem. Aus dem anfänglich zaudernden Opa wurde schlagartig ein stolzer Gockel.»
Daniel Benz, Grossvater
Wir fanden schnell zueinander, Aby und ich. Bald zeigte sich, dass immer noch funktionierte, was schon bei meinen eigenen Kindern zuverlässig geklappt hatte: Babys in meinen Armen, auch die aufgeregtesten, werden auf der Stelle ruhig. Und schlafen nicht selten friedlich ein. Ein Glücksgefühl, wie wenige sonst.
Mehr Nehmen als Geben
Das Grossvatersein ist ein wenig erforschtes Feld, es gibt kaum wissenschaftliche Studien dazu. Dafür gibt es massenhaft Weisheiten von zweifelhafter Qualität; man findet sie auf Zuckersäckchen oder Glückwunschkarten. Sprüche wie «Kinder brauchen Opas, damit sie wissen, wie echte Helden aussehen» etwa oder «Nur die besten Väter werden zum Grossvater befördert». Seriöser mit dem Thema befasst sich der deutsche Sozialwissenschaftler Eckart Hammer. Er sagt: «Gute Grossväter führen Kinder in Welten ein, in die die Eltern sie nicht einführen können, weil ihnen die Zeit oder die Kompetenz fehlt.»
Das mag wohl sein, Herr Professor. Aber: Mindestens so sehr passiert das in der umgekehrten Richtung.
Hätte ich sonst jemals eine Lichtshow zu Abys Interpretation von Taylor Swift gemacht? Wüsste ich überhaupt, wer Taylor Swift ist? Wäre ich auf die Idee gekommen, nasse Schuhe und Socken im Backofen zu trocknen? Hätte sich mein Konsum von Spaghetti mit Tomatensauce so dramatisch gesteigert? Und hätte ich je das Schminkzeug meiner Frau ausprobiert? Von neuem Wissen, was die Bedienung eines Handys angeht, wollen wir erst gar nicht reden.
Nochmals Kindskopf sein
In den gut elf Jahren, in denen dieses Kind nun in meinem Leben ist, ist meine Welt ein gutes Stück grösser geworden. Lustiger und unbeschwerter auch. Und Aby hat es geschafft, dass ich im unterdessen fortgeschrittenen Alter selber noch ein bisschen Kindskopf sein darf. Was für ein Geschenk!
Damit wir uns richtig verstehen: Wir beide machen durchaus auch ernsthafte Grossvater-Enkelin-Sachen. Ich zeige ihr Dinge, von denen ich glaube, dass sie gut sind für sie. Ich versuche, vernünftige Antworten auf ihre Fragen zu geben, und frage zurück, weil mich ihre Meinung interessiert. Und wenn es ihr nicht gut geht, will ich sie in die Arme schliessen.
Das Label «Opa»? Überzeugt mich immer noch nicht. Die gelebte Rolle als Grossvater? Gebe ich nicht mehr her, um keinen Preis!
- Reinhart Lempp (mit Zeichnungen von Loriot): «Enkel für Anfänger»; Diogenes, 1968
- Eckart Hammer: «Grossvater sein»; Klett-Cotta, 2017





