Thomas Koch* duckte sich, als seine Frau das Messer nach ihm warf. Sie verfehlte ihn nur knapp. Er hielt sein zwei Wochen altes Mädchen auf dem Arm, schützte sie mit seiner Hand, damit ihr nichts geschehe. Das war vor neun Jahren, zu Hause im Wohnzimmer.

Danach eskalierte der Streit immer wieder, sie beschimpften, sie schlugen sich. Bis im Juni dieses Jahres. Koch wischte gerade den Boden, als ihm seine Frau Spülwasser über den Kopf kippte und sagte, er sei ein Nichtsnutz. «Ich stand auf, sah sie an und sagte, dass ich jetzt gehe. Das war das Ende.» Das Ende von Kochs Ehe und dem Terror zu Hause. Dem Terror seiner Frau, «der Liebe meines Lebens», wie er dachte, «mit ihren wunderschönen blauen Augen».

In der folgenden Nacht schlief er im Wald. «Ich wusste nicht, wohin ich gehen konnte und wer mir helfen würde», sagt der 45-Jährige. Am Morgen stiess er im Netz auf die Nummer des Vereins Zwüschehalt. Er fand Unterschlupf im Berner Männer- und Väterhaus. Ein altes Gebäude in der Nähe einer Kirche, Fischgrät-Parkett, Einbauschränke aus Holz, die Türe immer verriegelt.

Rund 30 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt sind Männer

Der «Zwüschehalt» hat sechs Zimmer mit acht Betten. Sie sind fast immer belegt. Von Männern, die Schutz suchen, und Männern, die verhindern wollen, dass sie noch Schlimmeres anrichten. «Zu uns kommen nicht Opfer oder Täter, sondern Männer in Not», sagt Sieglinde Kliemen, die Leiterin des Männerhauses.

Häusliche Gewalt passiert hinter vielen Türen. 10'653 Fälle wurden 2018 der Polizei gemeldet, rund 30 Prozent der Opfer waren Männer. Für sie gibt es nur gerade drei Schutzhäuser. Der «Zwüschehalt» ist eines davon. Er finanziert sich fast ausschliesslich privat. Um nicht schliessen zu müssen, lebt der Verein von 110'000 Franken Spenden und Gönnerbeiträgen im Jahr.

«Wir sind immer wieder in Kontakt mit den Behörden», sagt Sieglinde Kliemen. «Solange wir Opfer und Täter unter einem Dach haben, gibt es keine Möglichkeit für Subventionen.» Auch für die drei Berner Frauenhäuser Häusliche Gewalt Ins Frauenhaus – und dann? ist die Situation nicht rosig. Sie erhalten aber immerhin bis zu drei Millionen Franken jährlich über die Sozialhilfe.

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Auch von der Opferhilfe Opferhilfe Die Unterstützung «danach» werden nur wenige Männer finanziell unterstützt. Ein unhaltbarer Zustand, sagt Sieglinde Kliemen. «Diese Männer suchen Schutz – und bleiben dann auf Schulden sitzen.» Wie bei Thomas Koch: Er blieb fast drei Monate im Männerhaus, sein Aufenthalt kostete insgesamt 3000 Franken. Von der Opferhilfe erhielt er 800 Franken Entschädigung. Aber erst nachdem er und Leiterin Sieglinde Kliemen dreimal interveniert hatten.
 

«Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich einmal häusliche Gewalt erlebe.»

Thomas Koch*, Opfer häuslicher Gewalt


Thomas Koch ist eher klein, trägt Glatze, hat einen trainierten Körper. Er macht einen selbstbewussten Eindruck, mag Hundesport, das Militär und arbeitet als Abteilungsleiter. «Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich einmal häusliche Gewalt erlebe.» Er erzählte niemandem davon. «Ich dachte jedes Mal, wir kriegen das wieder hin. Ich realisierte nicht, wie ungesund unsere Beziehung war.»

Am Anfang lief alles normal. Sie waren verliebt, heirateten, hatten vier Kinder. Doch mit der Zeit verloren sie den Respekt. Streitereien, Beleidigungen, Schubser. Sie warf seine Kleider aus dem Fenster, er schrie sie an. «Ich war kein Unschuldslamm», sagt Thomas Koch. «Irgendwann habe ich auf ihre Provokationen reagiert.» Mit einem Fusstritt, einer Ohrfeige Gewalt in der Erziehung Die Sache mit der Ohrfeige . «Ich wusste mir nicht mehr zu helfen. Also gab ich zurück.»

Einmal war Koch so wütend, dass er mit aller Kraft gegen einen Stuhl trat. Seine Frau rief die Polizei. Er wurde als Täter registriert. Vor den Behörden habe er ab diesem Moment keine Chance mehr gehabt. «Ich wurde als gewalttätig bezeichnet und musste ein Täterprogramm besuchen. Später habe ich mir psychologische Hilfe Psychische Krise «Nichts tun ist immer falsch» geholt, weil ich realisiert habe, dass ich ein Problem habe und lernen muss, damit umzugehen.» Seine Frau kam ohne Strafe davon. Die vier Kinder leben heute bei ihr.

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Kaum Opferhilfe

Häusliche Gewalt gegen Männer ist ein Tabuthema. «Es passt nicht ins herrschende Männerbild. Das Bild vom starken Geschlecht, das die Probleme löst und sie nicht hat. Vom Fels in der Brandung – und nicht vom Opfer», sagt Sieglinde Kliemen. Wenn Männer den Schritt doch wagten und sich Hilfe suchten, könnten sie nur schwer belegen, dass sie von häuslicher Gewalt betroffen sind und Schutz brauchen. «Wie auch? Es reicht nicht, wenn Männer aussagen, dass sie bedroht, kontrolliert oder terrorisiert werden. Wenn sie es nicht nachweisen können, fallen sie nicht unter das Opferhilfegesetz Opferhilfe Eine Frage der Gerechtigkeit .» Und dann zahlt die Opferhilfe auch nicht.

Das Bewusstsein, dass auch Männer Opfer sein können, ist nur wenig entwickelt, sagt auch Susanne Schaffner. Sie führt das Dossier Opferhilfe bei der Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und -direktoren. «Männer haben eine grössere Hemmschwelle, sich einzugestehen, dass sie Opfer sind und sich bei der Polizei melden sollten. Wir gehen von einer Dunkelziffer aus.»

Es sei nötig, dass sich die Öffentlichkeit für die Problematik sensibilisiere und geeignete Hilfsangebote zur Verfügung stelle. «Wir wissen, dass es aktuell zu wenige Angebote für männliche Opfer gibt.» Man müsse mehr und besser über die bestehenden Angebote informieren. «Aber es ist nicht so, dass es für Männer schwieriger ist als für Frauen, Hilfe zu finden. Die Beteiligung der öffentlichen Hand an der Finanzierung variiert von Unterkunft zu Unterkunft, von Kanton zu Kanton – und zwar unabhängig davon, ob es sich um Schutzunterkünfte für Männer oder Frauen handelt», sagt Schaffner.

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Auch Florian Holm* suchte Schutz im «Zwüschehalt». Er lebte mit seinen zwei Töchtern einen Monat lang dort. Das kostete ihn fast 4000 Franken, die Opferhilfe übernahm nichts. Für Holm, der als Filialleiter im Detailhandel arbeitet, war das fatal, denn sein Konto war leer.

«Sie drohte mir, dass ich meine Töchter nicht mehr sehe, wenn ich mich trenne. Ich glaubte ihr.»

Florian Holm*, Opfer häuslicher Gewalt

Florian Holm*, Opfer häuslicher Gewalt

Quelle: Salvatore Vinci

Die Hölle, jahrelang

Während der 14 Jahre mit seiner Frau übernahm er alle Kosten für die Familie. Sie arbeitete zwar ebenfalls, behielt ihren Lohn aber für sich. Er war der Ernährer, sie habe wie eine Prinzessin behandelt werden wollen. «Also versuchte ich, ihr immer das zu geben, was sie wollte.» Er sei verliebt gewesen, von ihr geblendet. «Sie hat mein Handy kontrolliert, mich von meinen Freunden isoliert. Hatte sie schlechte Laune oder war genervt, rastete sie aus», erzählt der 37-Jährige. Es gab Streitereien, Drohungen, Beschimpfungen. «Schlappschwanz, Arschloch, Muttersöhnchen hat sie mich genannt. Es gab tonnenweise solcher Szenen. Nicht jede Woche, jeden Tag.»

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Mehrmals wollte sich Florian Holm trennen. Doch sie flehte ihn jedes Mal an, zu bleiben. «Anfangs drohte sie mir damit, dass sie sich etwas antut, wenn ich gehe.» Später setzte sie ihn mit den Kindern unter Druck. «Sie drohte, dass ich meine Töchter nicht mehr sehe, wenn ich mich von ihr trenne. Irgendwann habe ich ihr das geglaubt. Ich war gefangen.»
 

«Die Hochzeit 2013 war rückblickend meine Beerdigung.»

Florian Holm*, Opfer häuslicher Gewalt


Viele Männer seien bei Sorgerechtsstreitigkeiten im Nachteil, so Kliemen. Die Mutter sei wichtig für das Kind, der Vater optional – eine weit verbreitete Haltung. «Dass sie ihm drohte, die Kinder wegzunehmen, ist das klassische Druckmittel.»

Die Hochzeit 2013 sei rückblickend seine Beerdigung gewesen, sagt Florian Holm. «Ich hatte die ganze Zeit die Hoffnung, dass es besser wird. Also blieb ich, den Kindern zuliebe.» Doch irgendwann hielt er es nicht mehr aus.

«Meine Frau spielte auch die Mädchen gegeneinander aus. Der Jüngeren sagte sie, wie sehr sie sie liebe – und ignorierte die Ältere. Es brach mir das Herz.» Er kneift die Augen zusammen, weil sie sich mit Tränen füllen. «Ich wollte nie, dass sie so aufwachsen und so etwas erleben müssen.» Die Flucht ins Männerhaus sei eine Kurzschlussreaktion gewesen, aber überfällig. «Ich habe ihr gesagt, dass ich mit den Mädchen gehe. Sie drohte mir, dass sie der Polizei sagen werde, ich wolle die Kinder entführen. Ich brach in Panik aus.»

Erst im «Zwüschehalt» wurde ihm klar, welche Rechte er hat – nach Gesprächen mit Sieglinde Kliemen, der Polizei und der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). «Heute frage ich mich, wie das alles geschehen konnte», sagt Florian Holm. «Wieso habe ich das so lange ausgehalten? Wahrscheinlich weil ich Angst hatte. Angst vor einem System, in dem ich im Nachteil bin, weil ich ein Mann bin.»

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* Name geändert

Häusliche Gewalt: Hier finden Männer Hilfe

Männer- und Väterhäuser «Zwüschehalt»

  • Aargau: 056 552 08 70
  • Bern: 031 552 08 70
  • Luzern: 041 552 08 70

 

Beratungs- und Informationsstelle

  • Mannebüro Züri, 044 242 08 88

 

Beratungsstellen der kantonalen Opferhilfe

opferhilfe-schweiz.ch

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