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Psychische Krise«Nichts tun ist immer falsch»

Bei psychischen Notfällen ist Erste Hilfe genauso wichtig wie bei körperlichen. Wie man richtig reagiert, können Laien lernen, sagt Roger Staub von Pro Mente Sana.

Wirklich zuhören und verstehen, was das Gegenüber erzählt: In psychischen Krisen können Freunde, Familie und Arbeitskollegen eine grosse Hilfe sein für Betroffene.
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aktualisiert am 09. Mai 2019

Beobachter: Pro Mente Sana bietet Kurse für Erste Hilfe bei psychischen Problemen und Krisen. Können Laien das an vier Abenden lernen?
Roger Staub:
Es geht um die häufigsten psychischen Krankheiten, um Depressionen, Angststörungen, Psychosen und Suchtabhängigkeiten. In unseren Kursen lernen Laien, wie sie den ersten Schritt machen. Neun von zehn Personen in der Schweiz sagen, dass sie in ihrem Umfeld jemanden mit psychischen Problemen kennen, aber nicht wissen, wie man helfen kann.
 

Müssen Helfer besondere Vorkenntnisse haben?
Es braucht mehr Wissen über psychische Krankheiten. Unser Umgang mit psychischen Problemen ist noch immer geprägt von falschen Annahmen Vorurteile Psychische Krankheiten sind keine Einbildung . Das beginnt bei der Idee, dass psychische Probleme nicht heilbar seien. Und geht bis hin zu Vorstellungen, dass sich Personen mit einer Depression Mittel gegen Depressionen So finden Sie aus der Krise oder einem Burn-out einfach zu wenig anstrengen. Man muss das Vertrauen haben, dass man helfen kann, und Wissen, wie man das tut und welche Hilfsangebote es gibt.

«Laien müssen keine Diagnose stellen, sondern den Mut haben, Probleme anzusprechen und Hilfe anzubieten.»

Roger Staub, Geschäftsführer der Stiftung Pro Mente Sana

 

Ist es für Laien nicht viel zu schwierig, in komplexen Fällen angemessen zu reagieren?
Bei einer Psychose kann man natürlich als Laie nicht direkt helfen, aber man kann der Person beistehen, bis professionelle Hilfe da ist. Dazu muss der Helfer das Angebot an Hilfeleistungen kennen. Laien müssen keine Diagnosen stellen, sondern den Mut haben, in ihrem Umfeld Probleme anzusprechen und Hilfe anzubieten Psychische Erkrankungen Darf man andere auf ihre Probleme hinweisen? .

Wie macht man den ersten Schritt?
«Wie geht es dir?» Psychologie «Was sage ich zu Trauernden?» ist die richtige Frage, um Erste Hilfe anzubieten. Man muss einfach zweimal fragen. Zuerst als höfliche Floskel und dann als Signal, dass man es wirklich wissen will und es auch aushält, wenn es jemandem nicht gutgeht. Helfer lernen, die Frage noch einmal zu stellen, und zwar zu einem Zeitpunkt und an einem Ort, wo es Raum für eine längere Antwort gibt. Betroffene wünschen sich keinen Psychiater, sondern jemanden, mit dem sie über ihre Probleme sprechen können. Das kann ein Familienmitglied, eine Freundin oder ein Arbeitskollege sein.

«Schnelle Ratschläge sind nicht hilfreich, es geht darum, wirklich zuzuhören, was das Gegenüber erzählt.»

Roger Staub, ausgebildeter Sekundarlehrer und Spezialist für öffentliche Gesundheit

 

Gerade im Arbeitsumfeld kann es aber heikel sein Psychische Störungen Chef, ich habe ein Problem… , persönliche Probleme anzusprechen.
Wenn man sieht, dass es einer nahestehenden Person schlechtgeht, soll man das grundsätzlich ansprechen. Falls das Vorgesetzte tun, kann es wegen des hierarchischen Verhältnisses schwierig sein. Deshalb bieten wir eigens Kurse für die Arbeitswelt an. Wenn in einer Firma mindestens jeder fünfte Mitarbeiter in Erster Hilfe für psychische Gesundheit geschult ist, hat das Management Gewähr, dass jemand Nahestehender aus dem Team Probleme sieht und anspricht. Falls der Betroffene dann nichts erzählen will, ist das auch in Ordnung.

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Wie geht man bei einem solchen Gespräch vor? Kann man Betroffenen etwas raten?
Schnelle Ratschläge sind immer schwierig. Sprüche wie «Es kommt schon wieder», «Es geht vorbei» oder «Gib dir etwas Mühe» sind nicht nützlich. Es geht darum, wirklich zuzuhören und zu verstehen, was das Gegenüber erzählt. Das Wichtigste für die Betroffenen ist, dass ihr Gegenüber sie ernst nimmt und glaubt, was sie erzählen. Wenn zum Beispiel jemand in einer Psychose Stimmen hört, sind sie für diese Person real. Da nützt es nichts, zu sagen, dass sie nicht existieren. Begleiten heisst zuhören, ohne zu werten und zu urteilen.
 

Was kommt nach dem Zuhören?
Ganzheitlich informieren über die vermutete Krankheit und die Hilfsangebote. Wenn die Beschwerden das Leben und den Alltag beeinträchtigen, soll man ermutigen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Und dann versucht man, Ressourcen im Umfeld zu aktivieren und nutzbar zu machen. Man klärt gemeinsam mit der betroffenen Person ab, wer in der Familie, im Freundeskreis oder bei der Arbeit informiert Betriebsklima Wenns am Arbeitsplatz menschelt und um Unterstützung gebeten werden könnte.
 

Angebote für professionelle Hilfe können auch auf Widerstand stossen. Was soll man dann tun?
Diese Ablehnung ist Teil der Tabus rund um psychische Krankheiten. Ein Eingeständnis bedeutet ja für viele, dass man «spinnt». Die Antwort darauf ist simpel: dranbleiben, immer wieder Hilfe anbieten und über Angebote informieren. Viele Leute haben merkwürdige Vorstellungen von Psychotherapien Psychotherapie «Nur eine endlose Plauderei» . Wir müssen es aber auch akzeptieren und aushalten, wenn sich jemand nicht helfen lassen will. Das ist kein Grund, die Person dann fallenzulassen. Ich kann sie trotzdem wieder zum Abendessen einladen und bei ihr bleiben. Wenn man aber das Gefühl hat, dass sich jemand etwas antut Suizidgedanken «Ich habe aus dem Loch gefunden» oder andere gefährdet, muss man bei akuter Gefahr auch gegen den Willen der Person professionelle Hilfe rufen. Im Krisenfall sind das: Ambulanz, Notfallpsychiater oder Kriseninterventionszentrum.

Wie weit soll die Erste Hilfe gehen?
Wer Erste Hilfe leisten will, muss spüren, was drinliegt und was man anbieten kann. Wo es zu viel wird, soll man für sich professionelle Unterstützung holen Hilfe bei Depressionen Klick für Klick aus dem Tief . Idealerweise spricht man das mit dem Betroffenen ab. Helfer und Angehörige können sich auch Unterstützung bei uns holen.

«Ich kenne keinen einzigen Fall, wo Erste Hilfe zu einer Verschlechterung geführt hätte.»

Roger Staub

 

Wenn man «Krisenfall» hört, hat man schnell vor Augen, dass jemand von einer Brücke springt. Viele haben dann Angst, dass die Person springt, nur weil man sie angesprochen hat.
Das ist eine falsche Vorstellung. Wenn eine Person springt, obwohl man mit ihr Kontakt aufgenommen hat, wäre sie auch sonst gesprungen. Auch in einer suizidalen Krise soll man Erste Hilfe leisten Suizidprävention Viel guter Wille, aber kein Geld , das heisst Kontakt aufnehmen, sich vorstellen und die Person im Gespräch ruhig aus der Gefahrenzone herausführen. Dann bietet man Profis auf. In Australien hat jeder Zehnte einen solchen Ersthelfer-Kurs absolviert, und ich kenne keinen einzigen Fall, wo Erste Hilfe zu einer Verschlechterung geführt hätte. Der Grundsatz der Ersten Hilfe, physisch und psychisch, heisst: Nichts tun ist immer falsch.

Hilfsangebote und Anlaufstellen bei psychischen Problemen und Krisen

Kriseninterventionszentren

Sie werden von grösseren psychiatrischen Kliniken betrieben und bieten ambulante und kurzzeitstationäre Angebote wie Gespräche und psychiatrische Behandlungen an.

 

Beratungstelefon Pro Mente Sana

Kostenloser Rat zu psychischen Beeinträchtigungen für Betroffene und Angehörige, Unterstützung bei der Suche nach professioneller Hilfe: Telefon 0848 800 858, www.promentesana.ch/de/beratung

 

Hausärzte

Sie helfen bei der Vermittlung von geeigneten Therapien und Therapeuten.

 

Psychotherapeuten

Websites mit Suchfunktion für geeignete Therapeuten: 

Kurs «Erste Hilfe für psychische Gesundheit»

Kursprogramm: «Ensa – Erste Hilfe für psychische Gesundheit» von Pro Mente Sana:

www.ensa.ch

Zur Person

Roger Staub ist Geschäftsführer der Stiftung Pro Mente Sana. Ursprünglich ist der 62-Jährige ausgebildeter Sekundarlehrer, später hat er an der Universität Bern einen Mastertitel der öffentlichen Gesundheitswissenschaften und einen zweiten Master in Ethikwissenschaften an der Universität Zürich erlangt. Staub ist Mitbegründer der Aids-Hilfe Schweiz und leitete später im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) die Stop-Aids-Kampagnen.

Roger Staub, Geschäftsführer von Pro Mente Sana.

«Wissen, was dem Körper gut tut.»

Chantal Hebeisen, Redaktorin

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