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FinanzberatungNeuer Finanz-Steuermann gesucht?

Finanzberatung
Unabhängige Finanzberater sind vor allem an grösseren Vermögen interessiert. Dafür ist die Beratung meist intensiver und persönlicher als bei Banken. Bild: Thinkstock Kollektion

Viele Anleger mussten in den während der Finanzkrise Verluste einstecken, auf denen sie noch immer sitzen. Nun wollen sie einen Neustart mit einem fähigen neuen Finanzberater. Doch wie findet man den?

von Marcel Weigeleaktualisiert am 2017 M08 23

Während der Finanz- und Schuldenkrise haben Anlegerinnen und Anleger viel Geld verloren. Trotz nachfolgender Erholung der Finanzmärkte haben sie noch immer keinen Gewinn auf ihren Anlagen. Kein Wunder, machen sich viele auf die Suche nach einem neuen Ansprechpartner.

Aber eines gleich vorweg: Der Vermögensberater ist nicht schuld an den Marktverwerfungen. Er hat sie nicht voraussehen können und hat sie nicht zu Ungunsten der Anleger ausgenutzt. Extreme Kursschwankungen wird es auch in Zukunft geben. Deshalb bietet ein Beraterwechsel allein keine Gewähr für künftige Gewinne.

Krisen sind immer aber auch Zeiten, in denen man sein Risikoprofil anders beurteilt. Und nicht wenige Anleger überschätz­ten die eigene Risikobereitschaft und -fähig­keit. Sie haben daher eine Strategie mit viel zu hohen Risiken verfolgt.

Gute Vorbereitung zahlt sich aus

Bevor Sie sich auf die Suche machen und Ter­mine vereinbaren, sollten Sie sich vorbereiten:

 

  • Stellen Sie Unterlagen über Ihre Einkommens- und Vermögensverhältnisse zusammen: Bankauszüge, Informationen über Versicherungen und Vorsorge, Eigenheim und Hypothek sowie Steuern.
     
  • Notieren Sie auch die Ziele, die Sie erreichen wollen. Und versuchen Sie abzuschätzen, bis wann Sie sie umsetzen wollen und wie viel Kapital Sie dafür benötigen.


Die Ziele sollten realistisch sein. Wenn Sie sie nur mit einer Rendite von zehn Prozent pro Jahr erzielen, sind sie das nicht. Denn je höher die Renditeerwartung, desto höher sind die Risiken.

Wenn Sie sich Verluste nicht leisten können oder wenn Sie in einer Baisse die Nerven verlieren, setzen Sie besser von Beginn weg auf Sicherheit.

Für viele ist das Modell mit einem Vermögensverwalter verlockend. Dann müssen Sie sich nur für die Anlagestrategie entscheiden, umgesetzt wird sie vom Profi. Der muss sich an vertragliche Abmachungen halten – sonst haftet er für Schäden.

Eine Vermögensverwaltung kriegt man meist erst ab einer halben Million Franken Vermögen. Eine Verwaltung nur mit Anlagefonds kann man auch mit tieferem Kapital haben. Ein Mandat ist aber eher ist teuer – und bietet keine Erfolgsgarantie.

Bei einer Anlageberatung sind Sie ungleich mehr gefordert. Sie können nur Vorschläge einholen; der Entscheid, was Sie wann kaufen, liegt immer bei Ihnen. Die Informations-, Warn- und Aufklärungspflicht des Beraters in Bezug auf Chancen und Risiken richtet sich nach Ihrem Wissensstand. Egal wofür Sie sich entscheiden, das Verlustrisiko tragen immer Sie.

Anlage- und Finanzberater sind keine geschützten Titel

Den besten Berater zu finden ist mitunter Glückssache. Es gibt keinen Königsweg. Probieren Sie verschiedene Möglichkeiten aus und vereinbaren Sie am besten meh­rere Termine.

Auf Empfehlungen von Freunden und Bekannten kann man sich meist verlassen – besonders nach einer Krise. Leider bekommt man gute Tipps aber nicht sehr oft.

Zudem ist Anlage- oder Finanzberater kein geschützter Titel, jeder kann sich so nennen. Fragen Sie Ihr Gegenüber im Gespräch deshalb stets nach seiner Ausbildung und Erfahrung.

Das bietet die Bank

Die meisten Anleger wenden sich an eine Bank. Mit kleinem Vermögen haben Sie gar keine andere Wahl. Bis zu einem Anlage­betrag von 100'000 Franken werden Sie oft am Schalter mit standardisierten Produkten abgefertigt. Das muss gar nicht schlecht sein, denn da erhalten Sie meist einfach verständliche Produkte.

Erst für höhere Beträge dringen Sie zu einem persönlichen Berater vor. Bis zu einer Viertel- oder einer halben Million Franken bestehen die Vorschläge aber auch hier aus Fonds, strukturierten Produkten oder Kassenobligationen. Das ist sinnvoll, denn mit Direktanlagen in Aktien und Obligationen ist eine genügende Risikoverteilung in diesem Umfang nicht möglich. Aufpassen sollten Sie, wenn Ihnen ausschliesslich bankeigene Produkte empfohlen werden.

Und: Banker müssen ambitiöse Verkaufsziele erfüllen und stehen intern unter hohem Erfolgsdruck. Viele Banken führen interne Wettbewerbe durch, mit Ranglisten der Topverkäufer, um ihre Angestellten unter Zugzwang zu setzen. Am Ende geht es auch um den Bonus: Wer die Ziele nicht erreicht, geht leer aus.

Als Laie kann man nur sehr schwer feststellen, ob der Berater die Produkte im Sinne des Kunden auswählt oder damit nur seine internen Zielvorgaben erreichen will. Fragen Sie deshalb ungeniert nach, warum man Ihnen gerade diese Produkte empfiehlt und ob es nicht bessere von anderen Instituten gibt. Fragen Sie auch nach sämtlichen Kosten und vergleichen Sie diese.

Vorsichtig sollten Sie auch sein, wenn Sie Ihr Vermögen via E-Banking ohne Hilfe anlegen. Dann werden Sie weder beraten noch gewarnt. Dafür sparen Sie Kosten. Tippfehler beim Eingeben von Aufträgen können aber rasch ins Geld gehen.

Das bietet die Versicherung

Auch Versicherungsberater kennen sich mit Finanzprodukten aus. Falls man mit dem Hausratversicherer gute Erfahrungen gemacht hat, kann man ihn durchaus auch für einen Anlagevorschlag kontaktieren. Versicherungen sind aber vielfach auf das Vorsorgesparen ausgerichtet. Hüten sollte man sich vor allem vor teuren gemischten Lebensversicherungen

Das bieten unabhängige Finanzberater

Unabhängig bedeutet, dass sie nicht bei einer Bank oder Versicherung angestellt und nicht an Produkte einzelner Anbieter gebunden sind. Ob die Berater tatsächlich unabhängig sind, lässt sich aber nicht immer abschliessend feststellen.

Ein gutes Indiz dafür ist, wenn Sie die Bankverbindung frei wählen können und für die Beratungsleistungen nach Aufwand zahlen müssen. Nur hat sich dieses Preismodell in der Schweiz leider noch kaum durchgesetzt.

Meist zahlen Anleger im Verhältnis des verwalteten Vermögens, hinzu kommen Bankgebühren. Ausser dem Honorar kassiert der Finanzberater oft auch noch Rückvergütungen von der Bank. Er erhält unter anderem einen Teil der Gebühren, die Sie der Bank zahlen, und Bestandeskommissionen für Anlagen, die sich im Depot befinden. In der Fachsprache heissen diese Zahlungen Retrozessionen. Sie stehen gemäss einem Bundesgerichtsurteil von 2006 dem Anleger zu. Der Finanzberater müsste sie deshalb mit dem geschuldeten Honorar verrechnen. Er darf sie nur behalten, wenn der Kunde über ihre Höhe informiert ist und ausdrücklich darauf verzichtet.

Unabhängige Finanzberater sind vor allem an grösseren Vermögen interessiert. Dafür ist die Beratung meist intensiver und persönlicher als bei Banken. Viele sind zwar ehemalige Bankberater, da sie aber keiner behördlichen Aufsicht durch die Finma unterstehen, sind sie auch nicht kontrolliert. Sie müssen sich nur in Bezug auf die Geldwäschereivorschriften einer Selbstregulierungsorganisation (SRO) anschlies­sen. Allein ein solcher Anschluss bietet keine Gewähr für Seriosität. Empfehlenswert sind Berater mit SRO-Vollmitgliedschaft. Damit müssen sie deren Standesregeln anwenden, Anleger können den Verband bei Streitigkeiten als Schiedsstelle anrufen.

Ob Bank, Versicherung oder unabhängiger Berater: Entscheiden Sie nie vorschnell und nie unter Druck. Investieren Sie genügend Zeit, um den Berater Ihres Vertrauens zu finden.

Am besten vereinbaren Sie mehrere Termine bei verschiedenen Beratern und entscheiden erst, wenn Sie sich ganz sicher sind. Kaufen Sie keine komplizierten Finanzinstrumente und unterschreiben Sie keine Verträge, die Sie nicht verstehen. Fragen Sie lieber nochmals nach – und wenn Sie den Durchblick dann noch immer nicht haben, heisst das: Hände weg!

Finanzberater: So gehts

  • Bereiten Sie sich auf das Gespräch vor: Stellen Sie die Unterlagen zusammen, definieren Sie Ziele, notieren Sie Fragen.

  • Im Gespräch: Fragen Sie den Berater nach seiner Ausbildung und Erfahrung.

  • Spricht der Berater Ihre Sprache oder will er Sie bloss mit unverständlichen Fachausdrücken beeindrucken?

  • Vergleichen Sie die Qualität der Beratung, Anlagevorschläge und Gebühren.

  • Kaufen und unterschreiben Sie nur, was Sie wirklich verstanden haben.

  • Was kostet das Ganze? Gibt es ver­steck­te Kosten? Gibt es Rückvergütungen?

  • Halten Sie alles schriftlich fest – im Vermögensverwaltungsvertrag oder in einem Beratungsprotokoll. So haben Sie im Streitfall die besseren Karten.

Eine Liste unabhängiger Finanzberater finden Sie auf www.vsv-asg.ch