Sie kümmern sich früh um ihre psychische Gesundheit – und werden später dafür bestraft. Seit der Pandemie holen sich immer mehr junge Menschen psychologische Unterstützung, wie der Beobachter berichtete. Laut der «Pro Juventute Jugendstudie 2024» hat bereits rund ein Drittel der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Schweiz Erfahrung mit professioneller Psychotherapie.

Was viele jedoch nicht wissen: Wer psychologische Hilfe in Anspruch nimmt, hat schlechte Karten beim Abschluss einer Zusatzversicherung.

Partnerinhalte
 
 
 
 

Ablehnung wegen Therapie: Versicherer wollen keine Zahlen nennen

Bei Zusatzversicherungen gilt Vertragsfreiheit. Anders als in der Grundversicherung besteht keine Aufnahmepflicht. Wer eine Therapie in der Krankengeschichte hat, muss dies angeben. Wer Diagnosen verschweigt, riskiert auch Jahre später die Kündigung. Das bedeutet: Laufende oder frühere Behandlungen können dazu führen, dass ein Antrag abgelehnt wird oder eine Aufnahme nur mit Vorbehalt erfolgt. Bei Letzterem werden bestimmte Leistungen vom Versicherungsschutz ausgeschlossen. Keine der vom Beobachter angefragten Versicherungen wollte jedoch konkrete Zahlen dazu nennen, wie viele Personen davon betroffen sind.

Achtung beim Wechsel der Zusatzversicherung

Ein Wechsel sollte erst erfolgen, wenn eine verbindliche Zusage des neuen Versicherers vorliegt. Andernfalls droht der Verlust des bisherigen Schutzes, ohne dass eine neue Gesellschaft einspringt.

Einmal abgelehnt, immer abgelehnt?

Die individuelle Risikoprüfung der Versicherer ist bei der Annahme oder Ablehnung eines Antrags zentral. «Es hängt stark davon ab, wie die Gesundheitsfragen formuliert sind», erklärt die Juristin Irene Rohrbach vom Beobachter-Beratungszentrum. So mache es einen grossen Unterschied, ob der Abfragezeitraum auf die letzten fünf Jahre begrenzt sei oder ob nach jeglichen Leiden in der Vergangenheit gefragt werde.

Besonders schwierig werde es, wenn man bei einem Anbieter bereits abgelehnt wurde: «Viele Versicherer fragen im Antrag explizit, ob man zuvor abgewiesen wurde – das erschwert neue Versuche zusätzlich.» Dass Versicherer nach einer zweijährigen Wartefrist eher bereit seien, jemanden aufzunehmen, ist laut der Expertin ein Mythos: «Das Gesetz sieht das nicht vor. Die Versicherer müssen nach zwei Jahren nicht anders entscheiden.»

Rechtsratgeber
Mehr zu Zusatzversicherungen

Wer zur Grundversicherung der Krankenkasse ein erweitertes Leistungsangebot möchte, wählt eine Zusatzversicherung. Beobachter-Abonnentinnen und ‑Abonnenten erfahren, welche Zusätze es gibt, wie man für einen Antrag zur Aufnahme in die Zusatzversicherung vorgeht und was zu tun ist, wenn man den Vertrag kündigen will.

Sanitas wirbt mit Versicherungsschutz auch bei Vorerkrankungen

Der Anbieter Sanitas wirbt zwar mit Slogans wie «Weil Sie mehr als eine Diagnose sind» und verspricht «volle Deckung trotz Vorerkrankung» in der Zusatzversicherung. Dennoch berichten Betroffene weiterhin von Ablehnungen, etwa bei chronischen Erkrankungen, wie der Beobachter kürzlich berichtete.

Für Rohrbach ist das wenig überraschend: «Zusatzversicherer sind gewinnorientiert. Das Modell setzt darauf, bei Jungen Prämien einzunehmen und im Alter die Preise so stark zu erhöhen, dass sich viele das Produkt kaum mehr leisten können.»

«Eine Zusatzversicherung ist schön, aber nicht unbedingt notwendig.»

Irene Rohrbach, Juristin beim Beobachter-Beratungszentrum

Ist das Scheitern am Aufnahmegesuch also eine Katastrophe? Rohrbach gibt Entwarnung. Auch ohne Zusatzversicherung sei die medizinische Grundversorgung über die obligatorische Krankenversicherung gewährleistet. Diese decke unter anderem die ärztlich verordnete Psychotherapie ab.

Auch wer bereits eine Zusatzversicherung habe, müsse wegen einer neuen Therapie keinen Ausschluss befürchten, sagt Rohrbach. Voraussetzung sei, dass die gesundheitlichen Angaben beim Vertragsabschluss vollständig und korrekt waren. Ihr Fazit: «Eine Zusatzversicherung ist schön, aber nicht unbedingt notwendig.» Wichtiger sei aus ihrer Sicht, die Grundversicherung für alle zu stärken.

Was haben Sie schon erlebt?

Wurden Sie auch schon von der Zusatzversicherung abgelehnt? Warum? Konnten Sie eine andere Versicherung finden? Erzählen Sie es uns in den Kommentaren.