Beobachter: Herr Sager, der Bus fällt aus. Sie rennen zur Arbeit und werden von einem vorbeifahrenden Auto vollgespritzt. Nachdem Sie klitschnass im Büro angekommen sind, rügt Sie die Chefin – vor allen Kollegen. Die Stimmung ist im Keller. Wie behalten Sie da Ihren Humor? 
Bensch Sager: Das ist eine haarige Situation. Eine bewährte Methode ist die sogenannte paradoxe Intervention. Ich nenne sie auch gern Shitstorming. Anstatt die Stresssituation kleinzureden, überlege ich mir, wie ich sie verschlimmern könnte. Ich könnte mich etwa vor Angst einnässen. Ein Kollege könnte die Szene filmen und ins Internet stellen. Dann ginge sie viral und so weiter. Durch die negative Übertreibung entschärfe ich die Stresssituation – und ändere damit meine Haltung zu ihr.
 

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Ich dachte, Sie würden als Humortrainer eine Clownsnase aufsetzen. 
Ich umarme keine Bäume. Ich tanze keine Namen und trage keine Clownsnasen. Das hat durchaus seine Berechtigung, ist aber nicht mein Stil. Ich fokussiere eher auf Forschungsergebnisse aus der angewandten Psychologie. Viele glauben, dass man entweder mit Humor geboren wird oder Pech hat. Das stimmt natürlich nicht. Humor kann man lernen (siehe Tipps unten).
 

Haben das Schweizerinnen und Schweizer besonders nötig? 
Humor hat weniger mit dem Land und mehr mit der Persönlichkeit zu tun – beispielsweise damit, wie introvertiert oder offen man ist. Offene Menschen finden oft Nonsenshumor lustig. Allerdings leiden schweizweit fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung an Gelotophobie, der panischen Angst davor, ausgelacht zu werden. In Deutschland und Grossbritannien ist diese Angst sogar noch weiter verbreitet. Humor kann dagegen helfen – und leistet darüber hinaus sehr viel.

«Humor ist ein riesiger Resilienz­faktor. Er reduziert Stress und ­negative ­Emotionen.»

Bensch Sager, Psychologe und Humortrainer

Erzählen Sie! 
Humor reduziert Stress und negative Emotionen. Und sorgt im Umkehrschluss für mehr Freude im Leben Umgang mit Angst und Sorgen Wer lacht, lebt leichter . Er ist ein riesiger Resilienzfaktor. Und in unserer krisenerprobten Zeit eine gefragte Fähigkeit. Wir erinnern uns alle an den Covid-Lockdown. Für viele geriet der eigene Alltag ins Wanken. Humor bietet mit seiner positiven Verwirrung einen Ausweg aus dem Negativstrudel. Und liefert so Strategien, mit dem Unveränderbaren umzugehen.
 

Was genau ist eigentlich Humor? 
Darüber herrscht kein Konsens. Lachen und Witze sind für gewöhnlich feste Bestandteile. Humor kann aber auch als Lebenshaltung gegenüber Schwierigkeiten verstanden werden. Eine Art heitere Gelassenheit, die uns widerstandsfähiger macht Mehr Resilienz dank Selbstmanagement Mit positiver Einstellung zum Erfolg – so gehts .
 

Man kann also auch Humor haben und das Leben ernst nehmen.
Natürlich. Beides geht. Leider ist es ein gängiges Missverständnis, bierernst sein zu müssen, um professionell zu wirken. Dabei ist Humor selbst bei der Arbeit eine wertvolle Fähigkeit.
 

Bei der Arbeit? Was bringt Humor denn am Arbeitsplatz? 
Er fördert die sogenannte psychologische Sicherheit. Die Menschen arbeiten am besten, wenn sie sich im Team sicher fühlen, Probleme offen anzusprechen. Der Austausch klappt reibungsloser, die Fehlerkultur wird besser. Mit gezielten Humorübungen wird versucht, das Vertrauen in Teams zu erhöhen. Wir schlagen den Gruppen dafür beispielsweise den Goldenen Bock vor. Dieser Preis kürt Ausrutscher von Mitarbeitenden auf humorvolle Art. Das Team lernt, über die eigenen Fehler zu lachen und sie als wichtigen Teil des Lernprozesses zu akzeptieren.
 

Spott vertrage ich weder bei der Arbeit noch in meiner Freizeit. Ist das nicht auch eine Art von Humor?
Humorstile wie Zynismus, Hohn und Spott sind problematisch. Sie hängen häufig mit emotionaler Instabilität zusammen und werden vermehrt bei Menschen beobachtet, die unter extremem Stress leben oder arbeiten. Ich rate generell von diesen Humorarten ab, weil man damit Mitmenschen verletzt und verprellt.
 

Gibt es eine Faustregel für sozialverträglichen Humor? 
Teile nach oben aus, nie nach unten. Damit meine ich sowohl Hierarchien als auch Minderheiten. Chefs und Chefinnen könnten etwa Witze auf eigene Kosten reissen. Bei Scherzen sollte zudem die freundliche Grundhaltung immer spürbar sein, keine Schadenfreude.

Zur Person

Der Diplompsychologe Bensch Sager befasst sich seit vielen Jahren mit Humor. Als Gründer und Inhaber von Teamhumor.ch unterstützt er Teams darin, Humor erfolgreich in ihren Arbeitsalltag zu integrieren.

Der Beobachter ist Medienpartner des Arosa Humorfestivals. Beobachter-Mitglieder profitieren von Spezialangeboten. Mehr dazu finden Sie hier Leserangebot Mit dem Beobachter ans Arosa Humorfestival 2022 .

Mit Humor für den Alltag wappnen, so gehts!

In angespannten Situationen ist nichts schlimmer als die Aufforderung, sich locker zu machen. Nutzen Sie lieber Humor. Mit diesen Übungen produzieren Sie ihn ganz bewusst.

  • Humor wahrnehmen: Suchen Sie gezielt nach Humor, um ihn leichter in Ihren Alltag einzubauen – schauen Sie Comedyshows, umgeben Sie sich mit lustigen Menschen, lesen, hören und erzählen Sie Witze.
     
  • Herzhaft lachen: Wenn Sie lachen, schüttet Ihr Körper mehr vom Wohlfühlhormon Serotonin aus und weniger Stresshormone. Versuchen Sie, bei der nächsten Gelegenheit möglichst herzhaft zu lachen.
     
  • Über sich selbst lachen lernen: Über sich selbst lachen ist etwas für Fortgeschrittene. Das trainieren Sie etwa, indem Sie Witze über Ihren eigenen Beruf lesen. Überlegen Sie sich auch, wie man Ihre Schwächen und Stärken auf absurde Art übertreiben könnte. Beispiele: Ich bin so zerstreut, der Salzstreuer ist schon neidisch.
     
  • Umdeuten: Mit humorvollen Umdeutungen sehen Sie und Ihr Umfeld vermeintlich negative Situationen in einem besseren Licht. Stellen Sie sich vor, der Beamer fällt bei einer wichtigen Präsentation aus. Deuten Sie etwa lächelnd darauf hin, dass Sie dadurch Strom sparen und etwas für die Umwelt tun.
     
  • Negativ verstärken: Widersprüchliche Fragen und Aussagen lockern festgefahrene Sichtweisen. Ihr Kind schreit, und Sie fordern es auf, damit aufzuhören? Bitten Sie es lieber einmal, lauter zu schreien. Das Gegenteil könnte passieren. Ein Unwetter vereitelt die geplante Wandertour? Blasen Sie kein Trübsal. Überlegen Sie sich lieber, wie die Situation noch schlimmer werden könnte – und sparen Sie nicht mit den Übertreibungen.
     
  • Dissoziieren: Es kann helfen, die eigenen Gefühle und Verhaltensmuster von aussen zu betrachten Selbstwahrnehmung Wieso wir uns selber schlecht einschätzen können . Dadurch sieht man sie aus einer gesunden Entfernung. Das geht ebenso mit Humor. Stellen Sie sich etwa vor, was der Fernseher dazu sagen würde, dass Sie nicht vom Sofa kommen. Oder wie die Parkbank, auf der Sie sitzen, Sie beschreiben würde.
     
  • Humorvoll auf Beleidigungen reagieren: Jemand beleidigt Sie und Sie stimmen unerwartet zu? Das nimmt oft die Angriffsfläche für weitere Beleidigungen – und lockert auch Ihre Anspannung auf. Wenn jemand etwa sagt: «Du bist doof», können Sie erwidern mit «Daran habe ich hart gearbeitet» oder «Das hat bis auf dich noch keiner bemerkt».
     
  • Notfallkoffer für Humor in Stresssituationen packen: Es ist gar nicht so einfach, in Stresssituationen Humor zu haben. Üben Sie sich darin, wenn Sie entspannt sind und Zeit haben. Packen Sie vorab einen mentalen Notfallkoffer mit Humortechniken, die Sie am besten aus festgefahrenen Denkmustern reissen – und greifen Sie im Ernstfall darauf zurück.

    Ein Beispiel: Will sich wieder kein Schlaf einstellen? Dann können Sie sich ja überlegen, wie Sie die Situation verschlimmern könnten; etwa indem Sie eine Kanne Kaffee trinken, Sport machen und einen Horrorfilm schauen. Ferner könnten Sie sich überlegen, wie Ihr Bett Sie beschreiben würde, danach aufstehen und die Wachzeit für eine Comedyshow nutzen. 
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