Meine Eltern waren in den 1980er-Jahren schräge Vögel. Beide arbeiteten, beide kümmerten sich um die Kinder. 40 Jahre später ist dieses Rollenmodell das Ideal. Und die Individualbesteuerung soll mehr Mütter in den Arbeitsprozess holen.

Ich glaube nicht, dass das der richtige Hebel ist. Niemand wird Hausmann oder Hausfrau, weil er oder sie damit Steuern spart. Sondern weil sie Zeit für die Kinder wollen, die Arbeitszeiten unflexibel sind, Kitaplätze entweder fehlen oder zu teuer sind. Daran ändert diese Reform nichts.

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Was sie bringt: 1,7 Millionen zusätzliche Steuererklärungen, die von den Kantonen bearbeitet werden müssen. Die Gewinner sind gut verdienende Doppelverdiener. Die Verlierer sind Alleinerziehende und Paare mit nur einem Einkommen. Und wir alle, weil dem Bund gut 630 Millionen Franken Steuergelder entgehen.

Wer das klassische Modell lebt, wird abgestraft. Dabei merken wir es jeden Tag: Familien- und Erwerbsarbeit zu vereinbaren, hat einen hohen Preis. Erschöpfung, Burn-out, hohe Gesundheitskosten. Unsere Gesellschaft hat vergessen, welchen Wert es hat, wenn jemand – egal ob Mann oder Frau – für die Familie da ist.

Die Gegenstimme

Der Pro-Kommentar zur Individualbesteuerung von Raphael Brunner, Leiter Ressort Hintergrund und Recherche beim Beobachter.

Die Heiratsstrafe muss weg. Die Initiative der Mitte zeigt, wie: Die Steuerbehörde berechnet die gemeinsame und die getrennte Veranlagung. Das Ehepaar zahlt den tieferen Betrag. Das entlastet Ehepaare, ohne ihnen reinzureden, wie sie Arbeit und Familie aufteilen sollen.

Die Ehe steuerlich zu begünstigen, ist gemäss Bundesgericht legitim. Und es ist vernünftig. Denn Eheleute verpflichten sich, finanziell füreinander einzustehen. Das entlastet den Staat massiv. Ein Beispiel: Wenn eine unverheiratete Mutter ihr Pensum massiv reduziert und sich später trennt, entstehen Vorsorgelücken in der Pensionskasse, und sie braucht Ergänzungsleistungen. Bei einer Scheidung nicht, weil diese Gelder zwischen den Eheleuten aufgeteilt werden. Serge Gaillard, Ex-Chef der Finanzverwaltung, hat es gegenüber dem Beobachter auf den Punkt gebracht: «Wer heiratet, übernimmt für den Partner finanzielle Verantwortung [...] – dem muss auch das Steuersystem Rechnung tragen.»

Ihre Meinung ist gefragt

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