Ich bin kein besonders guter Handwerker, weiss aber: Ein krummer Nagel lässt sich nicht geradebiegen. Wer will, dass er hält, reisst ihn heraus – und schlägt einen neuen ein.

Das gilt auch für das Steuersystem. Niemand findet es fair, wenn ein Paar mehr zahlt, nur weil es verheiratet ist. Zivilstand und Steuerrechnung gehören getrennt. Ganz grundsätzlich.

Doch die bisherigen Versuche der Kantone, diese Ungerechtigkeit endlich aus der Welt zu schaffen, bleiben ein Gebastel; das Vollsplitting, das Teilsplitting oder auch die Doppeltarife mildern die Heiratsstrafe meist nur ab oder verwandeln sie gar in einen Heiratsvorteil. Die Ungleichbehandlung bleibt bestehen.

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Die Mehrheit gewinnt

Natürlich schafft die Vorlage zur Individualbesteuerung auch Verlierer: diejenigen nämlich, die das heutige System bevorzugt. Das sind vor allem Einverdienerhaushalte mit hohen Einkommen. Damit Familien oder Alleinerziehende nicht unter die Räder kommen, stehen die Kantone in der Pflicht. Sie müssen für einen sozialen Ausgleich sorgen.

Die Mehrheit aber gewinnt. Der Bund rechnet vor: Die Hälfte der Steuerzahlenden spart, für gut einen Drittel ändert sich nichts. Nur 14 Prozent zahlen künftig mehr.

Die Gegenstimme

Der Kontra-Kommentar zur Individualbesteuerung von Lena Berger, stellvertretende Chefredaktorin beim Beobachter.

Doch bei der Individualbesteuerung geht es um mehr als um den Kontostand. Es geht um Gleichstellung. Das System erfasst jede einzelne Person und ihre wirtschaftliche Kraft. Ganz einfach. Ganz unabhängig. Das nimmt insbesondere auch die Frauen ernst als finanziell eigenständige Personen und macht sie ein Stück weit unabhängiger. Wenn sie dann auch noch ihr Arbeitspensum erhöhen, weil es sich endlich lohnt, profitiert die ganze Gesellschaft. Der Bund erwartet bis zu 40’000 zusätzliche Vollzeitstellen.

Ob diese Schätzung wirklich eintrifft, ist aber letztlich zweitrangig. Die Vorlage muss nicht den Arbeitsmarkt retten. Es genügt, wenn sie alte Zöpfe abschneidet. Wir werden künftig so besteuert, wie es die Verfassung verlangt: als Individuen. Schon das allein rechtfertigt ein Ja.