Digitale Erpressung und Deepfakes: Hier erhalten Sie Hilfe
Während der Bundesrat eine staatliche Hotline für Opfer von Cyberkriminalität blockiert, ist mit Netzcourage die wichtigste private Beratungsstelle weggefallen. Der Beobachter zeigt die verbleibenden Anlaufstellen für den Ernstfall.

Veröffentlicht am 11. Juni 2026 - 18:28 Uhr

Betroffene von Cyberkriminalität fühlen sich oft alleingelassen.
Ein Klick auf die falsche Mail, und plötzlich ist das Profil gesperrt. Oder noch schlimmer: Jemand stellt gefälschte Intimbilder ins Netz. Die Angst, die Betroffene in so einem Moment packt, ist real. Wie bringe ich die Inhalte wieder weg? Was passiert mit meinen Daten? Werden in meinem Namen Straftaten begangen?
Wer heute Opfer eines Cyberangriffs wird, fühlt sich oft überfordert und alleingelassen. Das soll sich ändern, wenn es nach dem Nationalrat geht.
«Dargebotene Hand» für die digitale Welt
Anfang Juni hat die grosse Kammer eine Motion von FDP-Nationalrätin Jacqueline de Quattro (VD) angenommen. Sie fordert, dass der Bund eine spezialisierte, nationale Hotline für Opfer von Cyberkriminalität aufbaut. Eine Art «Dargebotene Hand» für die digitale Welt.
Die Idee ist simpel: Wer gehackt, erpresst oder per Deepfake blossgestellt wird, braucht keine unpersönlichen Merkblätter. Sie oder er braucht rasche, menschliche Unterstützung, die beruhigt und die echten Risiken klar benennt.
Der Bundesrat sieht keinen Bedarf
Dass Cyberkriminalität exponentiell wächst und durch künstliche Intelligenz rasant gefährlicher wird, bestreitet niemand. «Mit dem Aufkommen der künstlichen Intelligenz ist das Phänomen explodiert», sagte de Quattro während der Debatte im Nationalrat. «Dabei werden nur 15 Prozent der Vorfälle gemeldet, was den Kriminellen ein riesiges Spielfeld überlässt.» Doch die meisten Massnahmen dagegen würden sich auf die Wirtschaft, kritische Infrastruktur, Behörden und Universitäten konzentrieren – und nicht auf die Bürgerinnen und Bürger selbst.
Der Bundesrat findet eine zusätzliche staatliche Hotline überflüssig. Der Nationalrat hat die Motion trotzdem durchgewunken. Nun ist der Ständerat am Zug.
Der private Schutzschirm ist weg
Wie brenzlig die Lage für die Schweizer Bevölkerung aktuell ist, zeigt ein Ereignis ausserhalb des Bundeshauses: Erst kürzlich hat der private Verein Netzcourage nach zehn Jahren seine Beratung eingestellt. Die Organisation war jahrelang eine wichtige Anlaufstelle für Opfer von Cybermobbing und digitalem Hass. Das bedeutet: Der private Schutzschirm ist per sofort weggebrochen.
Die schiere Wucht der technologischen Entwicklung hat den spendenfinanzierten Verein schlicht überrannt. «KI produziert Hass, Belästigung, Deepfakes und Identitätsmissbrauch in einem Tempo und einer Qualität, die wir mit unseren Mitteln weder nachvollziehen noch eindämmen können», heisst es auf der Website des Vereins. Das könne nicht die Aufgabe eines privaten Vereins sein, sondern die des Staates.
Bis die Bundes-Hotline steht – oder endgültig versenkt wird –, müssen Betroffene mit dem bestehenden Angebot vorliebnehmen. Diese Stellen informieren und beraten:
- Opferhilfe: Die richtige Adresse, wenn man durch die Online-Tat körperlich, psychisch oder sexuell beeinträchtigt wurde (etwa Cyberstalking oder Erpressung)
- Beratung beim Beobachter: Direkte und unkomplizierte juristische Beratung per Telefon oder E-Mail
- Bundesamt für Cybersicherheit (Bacs): Für das Melden von Cybervorfällen
- Bundesamt für Polizei (Fedpol): Die nationale Koordinationsstelle bei schwerer Internetkriminalität
- Polizei (117): Für eine direkte Strafanzeige bei Cyberdelikten
- Cybercrimepolice: Die Plattform der Kantonspolizei Zürich, um die Bevölkerung vor aktuellen Gefahren aus dem Internet zu warnen
Spezielle Anlaufstellen für Kinder und Jugendliche
Kinder und Jugendliche sind im Netz oft besonders verletzlich. Für sie gibt es spezialisierte Hilfsangebote:
- Pro Juventute: Beratung via Telefon (Notruf 147), Whatsapp, Mail oder Chat bei allen Sorgen
- Clickandstop.ch: Die Schweizer Meldestelle gegen sexuelle Ausbeutung im Internet. Hier können Jugendliche und Bezugspersonen online oder per Telefon Vorfälle melden und Hilfe holen
- Take It Down: Eine internationale Plattform, die Jugendlichen hilft, die Verbreitung von eigenen intimen Bildern oder Videos im Internet zu verhindern oder diese löschen zu lassen
- Medienmitteilung des Schweizer Parlaments: Nationalrat fordert neue Hotline für Opfer von Cyberangriffen
- Motion Jacqueline de Quattro: Cybersicherheit: Hotline für Opfer von Cyberangriffen
- Amtliches Bulletin: Motion Jacqueline de Quattro – Protokoll der Debatte im Nationalrat
- Verein Netzcourage




