Herzrasen, Schlaflosigkeit, Burn-out und ein Alkoholproblem: Cindy Bracchi erzählte schonungslos, wie ihr Beruf als Pflegefachfrau sie krank gemacht hat. Erzählt hat sie das in der letzten Ausgabe des Beobachters Alarmierende Burn-out-Zahlen Das Pflegepersonal brennt aus aus Überzeugung: Die Schweiz müsse endlich genauer hinschauen, wenn es um die Arbeitsbedingungen in der Pflege gehe. Dafür hat sie auf dem Bundesplatz in Bern demons­triert, mit Pflegenden aus der ganzen Schweiz. Die Forderungen: mehr Zeit, mehr Mitsprache, mehr Schutz, mehr Lohn.

Es sei fast zynisch, wenn Pflegefachkräfte jetzt für mehr Lohn protestieren, sagte daraufhin Ruth Humbel, Präsidentin der nationalrätlichen Gesundheitskommission. Der Verdienst sei nicht so miserabel. Zudem sei die Situation von der Politik längst erkannt.

Dann verschickte die CVP-Gesundheitspolitikerin eine Standardmail an alle, die sich wegen ihrer Äusserungen persönlich bei ihr gemeldet hatten. Sie habe grosse Wertschätzung gegenüber der Arbeit der Pflegefachpersonen. Die Forderung nach mehr Lohn sei aber nicht angebracht. Pflegende hätten immerhin einen sicheren Job, während andere Branchen um ihre Existenz bangen. Es sei eine Frage des Stils.

26 Minuten pro Patient

Sibylle Blust war eine der vielen, denen Humbel so antwortete. Die Pflegefachfrau aus der Nordwestschweiz hatte vorgerechnet, dass sie auf ihrer alterspsychiatrischen Abteilung gerade mal 26 Minuten pro Patient zur Verfügung hat. Und das, obwohl ihr Arbeitgeber mehr Pflegestellen finanziert als vom Kanton vorgesehen. 26 Minuten, in denen sie alles unterbringen muss: sich um die Patientin kümmern, mit Familienmitgliedern und Ärztinnen telefonieren, Rapporte schreiben, Medikamente vorbereiten.

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Wenn es gut komme, könne sie eine Viertelstunde davon am Bett verbringen. Eine Ganzkörperpflege dauere aber eine halbe Stunde. Damit die Patienten nicht zu kurz kommen, rennt sie von Zimmer zu Zimmer, am Schluss bleibe trotzdem ein schlechtes Gefühl. «Wenn Frau Humbel unsere Mails richtig durchgelesen hätte, würde sie verstehen, dass sich bessere Arbeitsbedingungen nicht über den Lohn definieren.»

Auch für Cindy Bracchi ist Humbels Reaktion ein Affront. «Wenn wir jetzt nicht kämpfen, wann dann?» Ihr Beruf habe schon vor der Krise gekränkelt. Die Pflegenden seien bereits an der Grenze der Belastbarkeit gewesen und forderten seit Jahren bessere Bedingungen. «Wenn Corona dann durchgestanden ist, heisst es wieder: Wo ist das Problem? Hat ja alles funktioniert.»

Enorme Belastung

Es funktioniert, irgendwie. Auch unter schlechten Bedingungen. Die ­Pflegenden bekommen ungenügendes Schutzmaterial und zu wenig Desinfektionsmittel. Sie werden zu Überstunden verpflichtet und erleben enorm belastende Situationen. Jetzt sollen sie arbeiten gehen, selbst wenn sie positiv getestet wurden. Danach sollen sie sich bis zur nächsten Schicht strikt isolieren. Und dann ist da noch die Angst vor einem möglichen Impfobligatorium.

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«Die Schweiz steuert auf einen massiven Pflegenotstand hin», sagt Yvonne Ribi vom Berufsverband der Pflegefachfrauen. Die Politik mache wenig dagegen. «Was nützt es, eine Milliarde in die Ausbildung zu investieren, wenn die Hälfte wegen emotionaler Erschöpfung aus dem Beruf aussteigt?» Und die, die bleiben, arbeiteten nur Teilzeit, weil die Belastung zu gross ist.

Pflegende wollen kein zweites Mal als Heldinnen gefeiert werden, sie wollen bessere Arbeitsbedingungen, sagt Ribi. Zur Lohnforderung sagt sie an die Adresse von Nationalrätin Humbel: «Mehr als die Hälfte der Pflegenden arbeitet sich seit Monaten im Tiefstlohnbereich durch die Krise. Auf ihre schwer verdiente Corona-Prämie warten sie aber bis heute.»

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Anina Frischknecht, Redaktorin

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