Es ist Frühling. Und da treiben nicht nur die Magnolien, sondern auch Generalversammlungen ihre schönsten Blüten. Bei Novartis kassiert der CEO Vas Narasimhan einen Rekordlohn von 25 Millionen Franken. UBS-Chef Sergio Ermotti verdient zwar «nur» gleich viel wie letztes Jahr. Aber mit 14,9 Millionen Franken doch wieder ordentlich. Und mit der Partners Group, Nestlé und Swiss Re steht uns die Verkündigung von ein paar weiteren Lohnexzessen noch bevor

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Um fast einen Viertel sind die Löhne von Chefs der 30 grössten Schweizer Konzerne seit 2014 angestiegen, wie die Geschäftsberichte belegen. Die Bosse kassieren inzwischen bis zu 300-mal mehr als den Schweizer Medianlohn. Die Konzerne flüchten sich in ausschweifende Erklärungen und verweisen auf die Konkurrenz, um diesen Exzess zu rechtfertigen.

Was sagen sie da an diesen Generalversammlungen genau? Und was hat das, was sie sagen, wirklich zu bedeuten? Wir haben fünf häufige Phrasen zusammengetragen.

Aussage 1: Aber die anderen

Was sie sagen: Wir operieren in einem globalen Marktumfeld und konkurrieren direkt mit den USA um die klügsten Köpfe. Ein marktgerechtes Salär ist essenziell.

Was sie meinen: Abzockerinitiative? Schnee von gestern. Unsere Grossaktionäre wie der US-Investor Blackrock winken Topsaläre ohnehin durch, weil sich diese Player nicht um nationale Befindlichkeiten kümmern. Was sie interessiert, ist der Aktienkurs. 

Kontext: Der Headhunter Guido Schilling sagt zu SRF: «Ein CEO der grössten Schweizer Unternehmen wird global entlohnt, aber lokal wahrgenommen.» Das berge vor allem dann Konfliktpotenzial, wenn «breite Teile der Bevölkerung unter steigenden Lebenshaltungskosten leiden». Und Barbara Heller, Geschäftsführerin der Governance-Beratungsfirma Swipra, erklärt im «Tages-Anzeiger»: «Es ist wissenschaftlich belegt, dass Vergleiche die Vergütungsspirale nach oben treiben.»

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Aussage 2: Die «Pay for Performance»-Illusion

Was sie sagen: Ein Grossteil der CEO-Vergütung ist an klare Performance-Kriterien gekoppelt: Aktienkurs, Umsatz, strategische Ziele.

Was sie meinen: Wir haben die Messlatte so niedrig gehängt, dass der Chef nur stolpern muss, um drüberzukommen. Und wenns schiefgeht, zahlen wir trotzdem.

Kontext: Laut der Aktionärsvereinigung Ethos (Bericht 2025/2026) sind «Performance-Kriterien» oft so vage formuliert («Verbesserung der Markenwahrnehmung», «Fortschritt in der Diversität»), dass sie fast immer zu 100 Prozent erreicht werden – selbst wenn das Kerngeschäft stagniert. Das Paradebeispiel ist Nestlé: Unter dem Ex-CEO Mark Schneider verlor die Aktie in drei Jahren rund 40 Prozent an Wert. Trotzdem ging er 2024 nach acht Monaten Arbeit mit 9,6 Millionen Franken nach Hause.

Aussage 3: Kylian Mbappé verdient auch sehr viel Geld

Was sie sagen: Die Verantwortung für ein multinationales Topunternehmen ist wirklich enorm. Das Salär spiegelt das.

Was sie meinen: Unser CEO hat so viele Powerpoint-Folien von McKinsey-Beratern gesehen, dass er nachts davon träumt. Ausserdem muss er zu vielen Konferenzen fliegen und gelegentlich unangenehme Zoom-Calls mit Analysten machen. Es ist wirklich stressig. 

Kontext: UBS-Chef Sergio Ermotti hat sich immer wieder öffentlich über die Kritik an seinem Lohn gewundert: «Manchmal frage ich mich schon, warum hohe Löhne in der Wirtschaft so viel Aufmerksamkeit erhalten, während dieselben Summen in Sport und Entertainment kein Thema sind.» Die Ökonomin Margit Osterloh konterte in der NZZ: «Im Sport sind Erfolge klar zurechenbar, in Unternehmen hingegen nicht.»

Aussage 4: Die «Transparenz und Governance»-Floskel

Was sie sagen: Ihre Bedenken nehmen wir sehr ernst. Wir werden das im Vergütungsausschuss besprechen und prüfen, wie wir die Transparenz erhöhen können.

Was sie meinen: Nächstes Jahr machen wir genau dasselbe – mit noch ein paar zusätzlichen Tabellen im Vergütungsbericht, die niemand versteht.

Kontext: Transparenz und Mitbestimmung sind eine Illusion. Das System ist so designt, dass am Ende «das Aktionariat im Dunkeln tappt», wie Ethos bemängelt. Die Gremien schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu, während die Löhne weiter steigen.

Aussage 5: Nachhaltigkeit, LOL

Was sie sagen: Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und langfristiger Wert stehen im Zentrum unseres Handelns.

Was sie meinen: Wir haben eine ESG-Abteilung eingerichtet, die schöne Powerpoints macht. Und am Apéro gibt es jetzt auch vegane Häppchen – en Guete!

Kontext: Der Novartis-CEO verdient das fast 300-Fache des Schweizer Medianlohns, während der Konzern höhere Medikamentenpreise von der Schweizer Bevölkerung fordert und gleichzeitig Entlassungen im Fricktal vornimmt. Vincent Kaufmann, Direktor der Anlagestiftung Ethos, kritisiert in einem Gastbeitrag bei der NZZ scharf, dass es in den vergangenen Jahren genügend Unternehmenskrisen aufgrund schlechter Governance gegeben habe. 

Quellen