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StraftatenWir alle sind Verbrecher

Vielleicht haben auch Sie sich schon strafbar gemacht – ohne es zu wissen. Bild: Felice Bruno

Wir kommen schneller mit dem Gesetz in Konflikt, als wir glauben. Nur merkt es meist niemand.

von Nicole Mülleraktualisiert am 2017 M08 11

Kennen Sie einen Straftäter? Gut möglich! Wahrscheinlich sind Sie ja selbst einer. Denn dazu braucht es nicht viel. Auch ganz alltägliche Handlungen können zu erheblichen Strafen führen, wie Beispiele zeigen.

Zu Ihrer Beruhigung: Diese Straftaten bleiben meist ohne Folgen – da der Staat nie davon erfährt. Wo kein Kläger, da kein Richter.

Und selbst wenn: Falls mal eine Strafe ausgesprochen wird, bleiben die Richter meist unter dem mög­lichen Höchstmass.

17 Straftaten, die Sie vielleicht auch schon begangen haben

  1. Batterie im Abfall entsorgen
    K. wirft eine Batterie kurzerhand in den Haushaltsmüll.

    Delikt: Verletzung der Vorschriften über Abfall → Busse bis 20'000 Franken Art. 61 Abs. 1 Umweltschutzgesetz

     
  2. Die Neue des Ex abduschen
    B. ist bekannt für ihre aufbrausende Art. Bei einer Party wird sie ihrem Ruf wieder einmal gerecht und giesst der neuen Freundin ihres Exfreunds ein Glas Prosecco über den Kopf.

    Delikt: Tätlichkeit → Busse, auf Antrag
    Art. 126 Strafgesetzbuch (StGB)
     
  3. Den Schaden aufpolieren
    M. wird das Auto aufgebrochen. Radio, Navi und 300 Franken Bargeld werden gestohlen. M. listet zusätzlich eine Kamera im Wert von 500 Franken auf, die in Wahrheit zu Hause im Schrank liegt. Denn er weiss, dass die Hausrat­versicherung gestohlenes Bargeld bei einem «einfachen Diebstahl auswärts» nicht ersetzt. So kann er sich gleich noch für den Selbstbehalt von 200 Franken schadlos halten. Die Hausrat­versicherung bezahlt alles.

    Delikt: Betrug → Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe Art. 146 StGB
     
  4. Den Früchtepreis korrigieren
    L. ist immer knapp bei Kasse. Dank einem Trick spart sie seit Jahren beim Einkauf ein paar Franken. Beim Wägen von Früchten und Gemüse hebt sie den Sack ein bisschen an, damit weni­ger Gewicht verrechnet wird.

    Delikt: Betrug → bei Deliktsumme unter 300 Franken: geringfügiges Vermögens­delikt, Busse, auf Antrag; bei Delikt­summe über 300 Franken: Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe
    Art. 146 StGB Art. 172ter StGB
     
  5. Den Aschenbecher verfehlen
    C. sitzt am Ufer des Bielersees und lässt seine ausgedrückte Zigarette dort liegen – obwohl er damit rechnen muss, dass der Stummel spätestens mit dem nächsten Regen im Wasser landet.

    Delikt: widerrechtliches Einbringen von verunreinigenden Stoffen in ein Gewässer → Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe Art. 70 Gewässerschutzgesetz
     
  6. Mit dem Hintern schimpfen
    K. findet die Polizei generell daneben. Darum zeigt er bei der 1.­-Mai-­Demo dem Korps seinen nackten Po.

    Delikt: nicht Exhibitionismus, sondern Beschimpfung → Geldstrafe bis zu 90 Tagessätzen, auf Antrag
    Art. 177 StGB
     
  7. Ein Geschenk vorbeibringen
    F. steigt über die Hecke und geht durch den Garten seiner Tante, um ihr ein «Osternestli» vor die Tür zu legen – ob­wohl er genau weiss, dass es die Tante nicht ausstehen kann, wenn man unangemeldet in ihren Garten geht.

    Delikt: Hausfriedensbruch → Freiheits­strafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe, auf Antrag
    Art. 186 StGB
     
  8. Einen Telefonstreich spielen
    J. und K., beide 18, sind in Schulkame­rad Z. verliebt – doch der will von bei­den nichts wissen. Viermal rufen die Mädchen den Angebeteten mit unterdrückter Nummer an und schweigen.

    Delikt: Missbrauch einer Fernmelde­anlage → Busse, auf Antrag
    Art. 179septies StGB
     
  9. Zum Abstimmen motivieren
    C. ist politisch sehr engagiert, ihr Freund H. jedoch überhaupt nicht – er nimmt aus Prinzip nicht an Abstim­mungen teil. Bei einer Initiative droht C., ihm ein Darlehen nicht zu geben. H. gibt nach und stimmt ab.

    Delikt: Eingriff ins Stimmrecht → Freiheits­strafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe
    Art. 280 Abs. 2 StGB
     
  10. Die Post öffnen
    B.s 21-­jähriger Sohn wohnt noch zu Hause, ist aber länger in den Ferien. B. entdeckt in der Post einen Brief an ihn und befürchtet eine Mahnung – es wäre nicht das erste Mal. Obwohl der Sohn sie nicht damit beauftragt hat, öffnet B. den Brief, ohne zu fragen.

    Delikt: Verletzung des Schriftgeheim­nisses → Busse, auf Antrag
    Art. 179 StGB
     
  11. Mit dem Beobachter drohen
    M. findet es eine Frechheit. Er hat im Internet Velolichter bestellt und dafür 20 Franken vorausbezahlt. Geliefert wird nichts, zurückbezahlt auch nicht, obwohl er mehrere eingeschrie­bene Briefe hinterherschickt. M. mailt dem Geschäftsführer des Online­shops: «Wenn ihr mir nicht innert sieben Tagen mein Geld zurück­bezahlt, melde ich es dem Beobachter. Der plant nämlich gerade eine Story zu unseriösen Onlineshops – dann könnt ihr schauen, wo ihr bleibt!»

    Delikt: Nötigung → Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe
    Art. 181 StGB
     
  12. Einen Grenzstein versetzen
    Für seine Modelleisenbahn gräbt G. im Garten ein Loch, um das Fundament einer Nachbildung des Land­wasserviadukts zu betonieren. Dabei kommt ihm ein alter Grenzstein in den Weg, der die Grenze zum Nachbars­grundstück markiert. Kurz entschlos­sen verrückt er den Stein um ein paar Zentimeter Richtung Nachbar, damit er seine Pläne nicht ändern muss.

    Delikt: Grenzverrückung → Freiheits­strafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe
    Art. 256 StGB
     
  13. Ein geklautes Velo kaufen
    R. ersteht auf dem Flohmarkt ein Occa­sionsvelo für 350 Franken, das deutlich teurer aussieht. Sie verdrängt den Gedanken, dass es der offensichtlich drogenabhängige Verkäufer kaum von Mama zum Geburtstag bekommen hat.

    Delikt: Hehlerei → Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe
    Art. 160 StGB
     
  14. In der Schule krankfeiern
    Die 16­-jährige Gymnasiastin N. lässt sich von einer Mitschülerin überreden, zu schwänzen und shoppen zu gehen. Damit niemand etwas merkt, schreibt sie «Krankheit» ins Absenzenheft und fälscht die Unterschrift der Mutter.

    Delikt: Urkundenfälschung, wohl ein «besonders leichter Fall» → Verweis, persönliche Leistung oder Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Busse bis zu 2000 Franken (Höchstmass)
    Art. 251 StGB, Jugendstrafgesetz
     
  15. Streifenlos sonnenbaden
    F. gefällt es, nackt auf der Zürcher Werdinsel auf einer Wiese zu stehen, sodass Jogger ihn sehen.

    Delikt: Exhibitionismus → Geldstrafe bis zu 180 Tagessätzen, auf Antrag
    Art. 194 StGB
     
  16. Einen auf volljährig machen
    F. ist noch keine 18 Jahre alt und geht liebend gern in den Ausgang. Damit er bei seinem aktuellen Lieblings­-Hip-­Hop-­Klub am Türsteher vorbei­kommt, leiht ihm sein älterer Bruder jeweils seine Identitätskarte.

    Delikt des Lehrlings: Fälschung von Aus­weisen → Verweis, persönliche Leistung oder Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Busse bis 2000 Franken (Höchstmass)
    Art. 252 StGB, Jugendstrafgesetz
    Delikt des Bruders: Gehilfenschaft zur Fälschung von Ausweisen → Freiheits­strafe unter drei Jahren oder Geldstrafe
    Art. 252 StGB, Art. 25 StGB
     
  17. Spur wechseln, aufschliessen
    Auf der Autobahn beginnt der Verkehr zu stocken. L. wechselt von der momen­tan langsameren linken auf die rechte Spur, wo es bis zum nächsten Wagen eine beträchtliche Lücke gibt. Er be­schleunigt und fährt zügig an der lin­ken Kolonne vorbei, um den Abstand möglichst schnell zu schliessen und den Verkehrsfluss zu unterstützen.

    Delikt: Rechtsüberholen, grobe Verkehrs­regelverletzung → Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe sowie Aus­weisentzug für mindestens drei Monate
    Art. 90 Strassenverkehrsgesetz

    Nicht zu verwechseln: Seit kurzem ist das «Rechts vorbeirollen» in dieser Situation erlaubt, sofern nicht beschleunigt wird. Mehr dazu finden Sie in diesem Artikel.

Glossar:

Was ist das Delikt?

  • Verbrechen: Taten, die mit Frei­heitsstrafe über drei Jahre bedroht sind. Die Höchstdauer beträgt in der Regel 20 Jahre. 
  • Vergehen: Taten, die mit Freiheits­strafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bedroht sind.
  • Übertretungen: Taten, die mit Busse bedroht sind.

     

Wann wird es verfolgt?

  • Antragsdelikt: Bei verschiedenen Taten setzt das Gesetz voraus, dass das Opfer innert drei Monaten Strafantrag stellt – sonst wird die Tat nicht verfolgt. Beispiele: einfache Körperverletzung, Sachbeschädigung, Zechprellerei.
  • Offizialdelikt: Wenn im Gesetz nichts von Antragspflicht steht, handelt es sich um ein Offizialdelikt. Das bedeutet: Falls die Strafverfolgungsbehörden von der Straftat erfahren, müssen sie von sich aus tätig werden – unabhängig davon, ob jemand das Delikt angezeigt hat.

     

Wie wird es bestraft?

  • Freiheitsstrafe: Ihre Dauer bemisst sich vor allem nach dem Verschulden des Täters: objektive Schwere des Delikts, Beweggründe, Vorleben, persönliche Verhältnisse. Auch die «tätige Reue» spielt eine Rolle – wenn der Täter also aus eigenem Antrieb versucht, das Unrecht wiedergutzumachen.
  • Geldstrafe: Sie beträgt in der Regel maximal 360 Tagessätze. Die Anzahl Tagessätze bestimmt sich nach dem Verschulden, die Höhe des Tages­satzes nach der finanziellen Situa­tion des Täters.
  • Busse: Sie beträgt in der Regel zwischen 1 und 10'000 Franken. Die Höhe bestimmt sich nach dem Verschulden und der finanziellen Leistungsfähigkeit des Täters. 
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