«Ich wünsche mir mehr Respekt – auch vor meinem LKW»
Immer wieder kommt es zu tödlichen Unfällen zwischen Lastwagen und Kindern. Wie erlebt ein Chauffeur die Situation im Verkehr? Auf Tour mit Adil Shabani durch die Stadt Zürich.

Veröffentlicht am 26. Februar 2026 - 06:00 Uhr

«Ich rege mich ganz bewusst nie auf»: Adil Shabani vor seinem 12-Tonnen-LKW
Adil Shabani tritt leicht auf die Bremse. Eine Frau mit einem Kind an der Hand geht auf dem Trottoir, fängt dann plötzlich zu rennen an. «In solchen Situationen bin ich auf alles gefasst», sagt der Lastwagenchauffeur.
Es ist Mittwochmorgen, kurz nach halb neun und der 48-Jährige bereits auf seiner zweiten Liefertour in der Stadt Zürich. Sein zwölf Tonnen schwerer Volvo FH gehört nicht zu den Giganten unter den LKWs. In den Quartierstrassen des Stadtteils Altstetten wirkt er dennoch wie ein Duplo-Auto in einer Lego-Welt – eine Nummer zu gross.
Aus zwei Metern Höhe blickt Shabani auf die Fahrbahn hinunter. Vor einem Zebrastreifen warten Kinder mit Leuchtbändern, eine Frau kommt auf einem E-Trotti entgegen. Weiter vorne überquert ein Mann mit Kopfhörern die Kreuzung. Shabani steuert in Schlangenlinien an parkierten Autos vorbei. Oft beträgt die Marge nicht mehr als eine Unterarmlänge. «Es ist mir klar, dass ich hier eigentlich nur störe», sagt er. Wie aber sonst sollte man Stahlträger auf Baustellen liefern?

Sieben tote Kinder in den vergangenen Jahren
Unfälle mit LKWs passieren zum Glück selten, zeigt die Statistik des Bundesamts für Strassen (Astra). Kommt es aber zu einer Kollision mit Fussgängern, sind die Folgen meist schlimm. Oft trifft es die Schwächsten. Seit 2019 starben sieben Kinder unter den Rädern eines LKWs – vier davon auf dem Weg in die Schule.
Adil Shabani blickt auf die Fotos seiner drei Töchter über der Windschutzscheibe. «Ich weiss nicht, wie ich damit umgehen könnte, einen Menschen getötet zu haben.» In seinen 26 Jahren als Chauffeur hat er nur einen leichten Auffahrunfall gehabt.
Doch Shabani braucht nicht lange, um zu zeigen, wo die Gefahr lauert. Als er vor einer Ampel in der Kolonne steht, schlüpft eine Velofahrerin rechts an ihm vorbei. Auf der Höhe der Beifahrertür verschluckt sie der tote Winkel. Bei einem LKW gibt es drei davon: vorne rechts, direkt unter der Windschutzscheibe und hinten am Heck.
Als seine Töchter ins Schulalter kamen, habe er sie in seinen Lastwagen mitgenommen. «Damit sie einen Eindruck davon bekommen, wie die Situation für mich als Fahrer ist.» Auch viele Schulen führen heute solche Schulungen durch.
Sekunden entscheiden über Leben und Tod
«Bei einem Unfall kommen häufig verschiedene Faktoren zusammen», sagt Bettina Zahnd, Unfall- und Sicherheitsexpertin bei der Mobilitätsberatungsfirma EBP. Der Lenker ist unaufmerksam. Das Kind abgelenkt. Nebel oder Dämmerung schlucken die Sicht.
So entschärfen Sie die Gefahren auf dem Schulweg Ihrer Kinder. Auf der neuen Plattform Schulweg.ch melden Eltern brenzlige Stellen auf dem Schulweg ihrer Kinder. Die interaktive Karte macht das Problem sichtbar. Und das Beratungszentrum des Beobachters hilft dabei, es zu lösen.
Darum gebe es auch nicht die Massnahme, um Risiken zu minimieren. Alle sollen tun, was sie können, sagt Zahnd. Die Kinder Leuchtwesten tragen. Die Fahrer sich regelmässig weiterbilden. Hersteller und Fuhrunternehmen müssen in die Technik investieren, in Kameras und Abbiegeassistenten. Beides ist seit 2024 obligatorisch bei neu zugelassenen LKWs.
Auch das richtige Temporegime ist überlebenswichtig. Wo ein Fahrzeug mit Tempo 30 nach einer Vollbremsung steht, hat dasselbe Fahrzeug bei Tempo 50 immer noch 50 Stundenkilometer auf dem Tacho. «Klingt unglaublich, ist aber Physik», sagt Zahnd.
«Der Stau macht viele verrückt.»
Adil Shabani, Chauffeur
Adil Shabani arbeitet viel mit Kommunikation. Ständig versucht er, Kontakt aufzunehmen – über Gesten und Blicke. «Ich sehe dich», zeigt er einer Velofahrerin mit einem Nicken an. «Achtung, ich fahre jetzt», macht er mit der Hand einem Mann klar, der unschlüssig auf dem Trottoir wartet. Kameras oder Abbiegeassistenten hat er nicht installiert. Die Geräte in seinen Lastwagen mit Baujahr 2015 einzubauen, sei kaum machbar und zu teuer. Er arbeitet als selbständiger Fahrer für die Firma Planzer. So ist die Realität auf Schweizer Strassen.
Eine andere ist der Stau. «Er macht viele verrückt», sagt Shabani, während er in einer Kolonne auf eine Kreuzung zutuckert. Als er vor dem Zebrastreifen hält, wechselt ein Auto hinter ihm auf die Abbiegespur links. Gerade noch rechtzeitig sieht der Fahrer die Fussgänger, die Shabani durchgewunken hat. Lösungen gegen den Stau? Shabani seufzt. Für mehr Strassen in den Städten habe es keinen Platz. «Vielleicht würden mehr Leute den ÖV benutzen, wenn die Tickets günstiger wären», mutmasst er. Ansonsten setzt er auf seine Gelassenheit, die für ihn den Profi ausmacht. «Ich rege mich ganz bewusst nie auf. Nehme nie etwas persönlich. Auch nicht, wenn mir ein Velofahrer den Finger zeigt.»
Kinder können Gefahr nicht erkennen
Spricht der gebürtige Kosovare über den Stadtverkehr, fällt immer wieder das Wort Respekt. Respekt vor den anderen und deren Bedürfnissen. Tempo 30? Für den Chauffeur kein Problem. Schwellen? «Sind für mich mühsam, machen aber Sinn.» Den gleichen Respekt wünscht er sich aber auch vor seiner Situation als Chauffeur und vor seinem Gefährt. Wie gross es ist. Wie schwer. «Respekt vor der Gefahr, die davon ausgeht.»
Von Kindern könne man diesen Respekt nicht erwarten, sagt Sicherheitsexpertin Bettina Zahnd. Bis sie etwa acht Jahre alt seien, würden sie Gefahren nicht von sich aus erkennen. Sie könnten nicht abschätzen, wie lange ein Auto braucht, bis es den Zebrastreifen erreicht. Oft nähmen sie ein Fahrzeug mit seinen Kuller-Leuchten und der Schnauze als Person wahr, die sie doch sehen müsse. «Diese entwicklungsbedingte Unreife von Kindern muss den Erwachsenen immer bewusst sein – im Verkehr, aber auch bei der Planung von Strassen, Trottoirs und Schulwegen.»
Die Zahl der Unfälle mit Lastwagen ist in den letzten zehn Jahren gleich geblieben, obwohl deutlich mehr Fahrzeuge und Menschen auf den Strassen unterwegs sind. Schwere Unfälle nehmen sogar leicht ab. Dennoch fährt die Angst bei Shabani immer mit. Er sieht das als Schutzschild. «Unvorsichtigkeit kann sich im Verkehr niemand leisten.» Sagts, beugt sich nach vorne, schaut in alle Spiegel, checkt die Umgebung und fährt langsam rückwärts in die nächste Liefereinfahrt hinein.
- Bundesamt für Strassen (Astra): Unfalldaten Schweiz





