Vor einem Jahr wog Mia Nauer* (Name geändert) 42 Kilo. 20 war sie da, seit kurzem fertig mit dem Gymi. Ausgehungert war sie da, erschöpft und traurig.

«Jeder Tag war Horror für mich», sagt sie heute. An vieles aus dieser Zeit erinnert sie sich nicht. Nur daran, dass sie ständig fror. Dass ihre Haare in Strähnen ausfielen, ihr Körper vor lauter Anspannung schmerzte. Dass sie einmal sogar sterben wollte.

«Das war eine schlimme Zeit für die ganze Familie», sagt Mias Mutter. Ihr Mann nickt, ihr Sohn nickt. Sie machen sich Vorwürfe. «Was hätten wir tun können, um das zu verhindern?» «Nichts», sagt Mia. Ihre Mutter weiss, dass sie recht hat.

Bis 16 isst Mia Nauer alles, denkt nicht darüber nach, mag Pizza und Burger. Dann werden Food-Trends ein Thema – in der Werbung, auf Instagram, an der Schule. Mias Freunde essen «gesunde» Vollkorn-Spaghetti, verzichten auf tierische Produkte oder Zucker. Mia macht mit, die Challenges machen Spass. Also definiert sie immer strengere Regeln: kein Fast Food, keine Süssgetränke, wenig Fett, noch mehr Sport.

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Orthorexie – ein Einstieg in die Essstörung?

Eine übertrieben starke Beschäftigung mit der eigenen Ernährung, das zwanghafte Vermeiden ungesunder Lebensmittel – später lernt sie, dass es dafür einen Begriff gibt: Orthorexie. Offiziell keine Essstörung, in manchen Fällen aber ein Einstieg. Die Grenzen sind fliessend.

In der Schweiz sind 3,5 Prozent der Bevölkerung im Lauf ihres Lebens von einer Essstörung betroffen. Am häufigsten kommen Magersucht, Bulimie (Ess-Brech-Sucht) und Binge-Eating (Essattacken) vor.

Oft beginnt ein ungewöhnliches Essverhalten in der Jugend. Gerade Teenager beschäftigen sich stark mit ihrem Körper und probieren gern etwas aus.

«Das kann eine Phase sein, muss noch nichts bedeuten. Wer mal eine Diät ausprobiert oder ein paar Kilo abnimmt, ist nicht gleich essgestört», sagt Iris Cook, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Ess-Störungen (AES). Es gebe aber Signale, auf die Eltern achten sollten (siehe Box weiter unten). Verhindern können sie Essstörungen aber nur schwer. In vielen Fällen werden diese durch genetische und biologische Einflüsse, so etwa Hormone oder Botenstoffe, begünstigt. «Kommen soziale Auslöser wie Mobbing, Leistungsdruck oder grössere Lebensumbrüche hinzu, kann das einen Menschen aus der Bahn werfen.»

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Mia verliert die Kontrolle

2019 hat Mia einen schweren Unfall, von dem sie sich psychisch nicht vollständig erholen kann. Kurz darauf erkrankt ein Familienmitglied, ihre erste Beziehung geht in die Brüche. Nach Abschluss der Matura zieht die 18-Jährige für ein Praktikum im Gesundheitsbereich von zu Hause aus. Eine Zeit, in der sie die Kontrolle verliert.

In ihrem Zimmer ist Mia unbeobachtet und kann essen, was sie will: nur Gesundes, nur wenig. Gleichzeitig ist sie im Praktikum rund um die Uhr aktiv. Mittags: Sport mit den Arbeitskollegen. Bei der Arbeit: Bewegung mit Patientinnen. Abends: Fitness im Zimmer. Ein Ziel hat sie keines. «Das war das Problem: Ich war nie gut genug, musste immer weitermachen.»

An den Wochenenden merken ihre Eltern, dass etwas nicht stimmt. «Sie war unglücklich, hat abgenommen. Nicht dramatisch, drei oder vier Kilo», erinnert sich ihre Mutter. «Wir stehen uns nahe, also habe ich sie darauf angesprochen.» Mia ist erleichtert. «Ich habe ja selbst nicht verstanden, weshalb meine Gedanken ständig um etwas so Banales wie Essen gekreist sind.»

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Vorwürfe schaden

Nicht immer kommt es so schnell zum Gespräch. Oft warten Eltern zu, Freunde sind verunsichert, Lehrer wollen sich nicht einmischen. So verstreicht wertvolle Zeit. «Wir raten Angehörigen immer zum Gespräch», sagt Iris Cook. Das «Wie» spiele eine entscheidende Rolle. «Hören Sie zu, zeigen Sie Verständnis. Machen Sie keine Vorwürfe und senden Sie sachliche Ich-Botschaften. Erklären Sie der betroffenen Person, dass sie Ihnen wichtig ist und dass Sie sich Sorgen machen.»

«Meine Freundinnen sprachen mich erst spät an. Ich war mir sicher, dass ich ihnen egal war.»

Mia Nauer*

Bei der AES können sich Betroffene und Angehörige kostenlos melden. Die Fachstelle informiert, berät und vernetzt. «Wir finden heraus, wo eine Person steht und wie wir sie am besten motivieren können», so Cook. Einen goldenen Weg gebe es nicht – mal helfe eine Ernährungsberaterin, mal ein Psychologe. In den meisten Fällen sei es sinnvoll, eine Essstörung von mehreren Seiten anzugehen.

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Und wenn die betroffene Person alles abstreitet? «Dann wird es schwierig. Ich würde raten, alle Register zu ziehen: Freunde, Verwandte, Vertrauens- und Fachpersonen. Wenn gar nichts hilft, ist manchmal leider eine Zwangseinweisung in die Klinik nötig.»

Mehr Anfragen wegen Corona

Mia Nauer besucht im Herbst 2019 eine Veranstaltung der AES und sieht wöchentlich eine Ernährungspsychologin. Diese rät zu einer Klinik, doch dafür ist Mia noch nicht bereit. Zwischen August und Dezember nimmt sie 10 Kilo ab, erst da sprechen sie ihre Freundinnen an. «Ich war enttäuscht, dass es so lange gedauert hat. Ich war mir sicher, dass ich ihnen egal bin», sagt sie. «Die waren hilflos, genau wie ich», sagt ihr Bruder. Ein paar Freundinnen fragen sogar Mias Mutter um Rat.

Im Januar 2020 ist das Praktikum fertig. Mias Plan, eine Asienreise zu machen, platzt wegen Corona. Ein zweites Praktikum kann sie wegen ihrer Krankheit nicht antreten. Sie fällt in ein Loch, wiegt 42 Kilo. Als sie ihren Alltag kaum noch bewältigen kann, entscheidet sie sich für einen Klinikaufenthalt.

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Zwei Monate müssen ihre Eltern kämpfen. Alle Plätze in der Klinik sind besetzt, da sich wegen Corona nur eine Person pro Zimmer aufhalten darf. Das sowieso schon knappe Angebot ist während dieser Zeit am Anschlag, das Fachpersonal fehlt. «Auch bei der AES erhielten wir im letzten Jahr 25 Prozent mehr Anrufe. Eine Essstörung fällt schneller auf, wenn Familien so eng aufeinandersitzen», sagt Iris Cook.

Wer in der Klinik bis Freitag nicht zunimmt, darf am Wochenende nicht nach Hause

An einem Tag im März ist Mia am Ende. «Ich will alles aus mir herausreissen», weint sie. Sie weiss nicht, wie ihr Leben weitergehen soll und ob sie überhaupt noch leben will. Ihre Eltern rufen die Klinik an. Am nächsten Tag darf Mia einrücken.

Als Hochrisikopatientin wird sie zwei Wochen isoliert. In dieser Zeit weint sie viel und isst kaum. «Dreimal täglich bekam ich normale Mahlzeiten, die mir gigantisch vorkamen. Ich liess alles stehen.»

Die Klinik setzt auf Eigenverantwortung, doch wer bis Freitag nicht zunimmt, darf am Wochenende nicht nach Hause. Eine Lektion, die Mia zuerst lernen muss. Erst als sie langsam zunimmt, vertraut sie der Psychologin und dem Ernährungsberater, lässt sich ein auf Körper-, Entspannungs- und Kunsttherapie.

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Im Sommer verbringt sie drei Wochen zu Hause. Ihre Freundinnen gehen schwimmen und wandern, Mia hingegen darf nicht einmal allein ins Dorf gehen. Sie vermisst ihr altes Leben und entscheidet sich freiwillig für einen zweiten Klinikaufenthalt.

Im Herbst 2020 wird dann alles ein wenig einfacher. Mia erinnert sich: «Ich konnte einen Film schauen, ohne dabei einzuschlafen, und schloss Freundschaften mit anderen Betroffenen. Oft lachten wir, weil wir alle dieselben blöden Gedanken hatten. Manchmal tanzten wir sogar ein wenig, draussen in der Sonne.»

Der Weg zurück zur Unbeschwertheit ist ein ­langer

Auf die Klinik folgt ein Anschlussprogramm, in dem Mia Alltagssituationen üben kann: am Bahnhof ein Sandwich kaufen, beim Bäcker etwas Süsses. «Als ich wieder ohne Schmerzen auf einem Stuhl sitzen konnte, wusste ich nicht, ob ich mich freuen oder weinen sollte», sagt sie. Die gestörte Wahrnehmung ist hartnäckig, der Weg zurück zur Unbeschwertheit ist ein langer.

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Wer einmal an einer Essstörung leidet, wird sie nie mehr ganz los, heisst es. «Die Gefahr, in alte Muster zurückzufallen, ist gross – wie bei ehemaligen Rauchern, die an eine Zigarette denken, sobald sie gestresst sind», sagt Iris Cook. Menschen mit Erfahrung seien aber auch sensibilisiert: «Im Idealfall holen sie aktiv Hilfe, sobald das schädliche Verhalten beginnt.» Sie wissen, was auf dem Spiel steht.

«Die Stimme im Kopf wird leiser. Ich habe gelernt, die Kontrolle zu übernehmen.»

Mia Nauer*

Mia Nauer arbeitet seit Februar Teilzeit, im September will sie mit einem Studium beginnen. Noch immer besucht sie eine Psychologin und eine Kunsttherapeutin. Ein Personal Trainer hilft ihr, Muskeln aufzubauen, ohne dass sie Gewicht verliert.

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«Überwunden habe ich meine Essstörung nicht, aber die Stimme im Kopf wird leiser. Ich habe gelernt, die Kontrolle zu übernehmen», sagt Mia. Langsam kommen der Hunger und das Sättigungsgefühl zurück. Vielleicht ist auch bald der Appetit wieder da.

Essstörungen erkennen

Angehörige und Freunde sollten genau hinschauen, wenn der/die Betroffene:

  • sein Essverhalten ändert, etwa viel mehr oder weniger isst,
  • sehr kontrolliert isst, beispielsweise bestimmte Mengen oder zu bestimmten Uhrzeiten,
  • Mahlzeiten auslässt und Ausreden findet, um nichts essen zu müssen,
  • Lebensmittel in «gut» und «schlecht» einteilt,
  • Schwierigkeiten hat, in sozialen Situationen zu essen,
  • sich nach dem Essen zurückzieht, eventuell auf die Toilette,
  • sich stark mit anderen vergleicht,
  • allein sein möchte, deprimiert, müde oder geschwächt ist,
  • exzessiv Sport treibt.


Beim Verdacht auf eine Essstörung melden sich Angehörige am besten bei der Arbeitsgemeinschaft Ess-Störungen (AES). Die Fachstelle berät kostenlos und vermittelt den Kontakt zu Fachpersonen.

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Jasmine Helbling, Redaktorin

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