Frage einer Leserin: «Ich bin 26 und lebe noch bei den Eltern. Ist das schlimm?»

Ich kann Ihr Dilemma nachvollziehen. Sie schreiben, dass Sie schon immer etwas scheu und ängstlich waren, es immer allen recht machen wollten. Schon in der Schule waren Sie eher die stille Beobachterin, die zwar mit dabei war, aber nicht mittendrin. Dafür waren Sie immer fleissig und gewissenhaft.

Auch in der Ausbildung brachte es Ihre Gewissenhaftigkeit mit sich, dass Sie wenig Zeit für sich hatten. Sie lernten viel, da doch immer die Angst im Nacken sass, dass Sie den Ansprüchen anderer nicht genügten.

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Sie hatten aber auch immer wenig Zeit für sich selbst, weil Ihre Hilfsbereitschaft gross ist. Ihre Grossmutter war Ihnen sehr wichtig, und Sie halfen gern bei der Pflege, als sie hochbetagt war. Und irgendwie sind plötzlich die Jahre so schnell vorbeigezogen. So sind Sie nun 26, leben noch bei den Eltern und hatten noch nie eine Beziehung.

Phase ins Erwachsenenleben dauert heute länger

Eigentlich stört Sie das alles gar nicht so gross, und doch spüren Sie diesen Druck von aussen. Sie haben immer das Gefühl, versagt zu haben, wenn eine Person merkt, dass Sie noch bei den Eltern leben – und Sie dann einen erstaunten, oft auch kritisch-wertenden Gesichtsausdruck sehen.

«Unsere Gesellschaft gewichtet Individualisierung und Selbstbestimmung sehr hoch.»

Thomas Ihde, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH

In der Psychologie spricht man von Entwicklungsschritten, die es im Leben zu meistern gilt. Früher ging man dabei von einer klaren Abfolge aus. Heute sind Bandbreite und Ablauf recht offen. Früher gab es eine klar definierte Kindheitsphase mit einem sehr raschen Übertritt ins Erwachsenenleben. In gewissen Naturvölkern geschieht das rituell, noch immer praktisch über Nacht. In der westlichen Welt dagegen gibt es eine Zwischenphase, und die wird immer länger. Die Pubertät beginnt Pubertät Das verflixte elfte Jahr mit jeder Generation früher, der vollumfängliche Schritt in die Unabhängigkeit von den Eltern erfolgt später – wie auch die Gründung einer eigenen Familie.

Diese Entwicklungen bedeuten, dass Sie sich etwas zurücklehnen können. Bei einigen kommt der Schritt in die Unabhängigkeit Checkliste Die erste gemeinsame Wohnung als Paar früher, bei einigen eben später. Der Druck von aussen hat mit etwas anderem zu tun. Unsere Gesellschaft gewichtet Individualisierung und Selbstbestimmung sehr hoch.

Ihr Wertesystem scheint aber anders. Sie nehmen sich zurück, Ihnen ist das Wohl anderer wichtig. Nicht auf einer abstrakt-politischen Ebene im Sinne von Menschen im brasilianischen Regenwald, sondern auf der Ebene der Menschen, mit denen Sie zusammenleben und die Ihnen wichtig sind.

Was kann ich Ihnen also raten?

Lassen Sie sich Zeit. Entwicklung geht unterschiedlich vor sich. Wir sind alle verschieden, und das ist völlig okay.

Überprüfen Sie die Motive für Ihre Entscheidungen. Idealerweise sind Motive positiv ausgerichtet. Ungünstiger ist es, wenn es bei einem Motiv um die Vermeidung von etwas Negativem geht. Leben Sie noch zu Hause, weil Ihnen Familie weiterhin so wichtig ist und Sie Ihre Eltern unterstützen möchten? Oder trauen Sie sich den Schritt in die Unabhängigkeit nicht zu und vermeiden die damit verbundene Angst? Im zweiten Fall wäre es wichtig, die Ängste anzugehen. Wenn die Ängste kleiner sind, können Sie freier entscheiden, was Sie wirklich möchten.

Raus aus der Komfortzone

Gönnen Sie sich einen Aussenblick auf Ihr Leben. Sie schreiben, die Zeit vergehe einfach so, Sie seien sehr mit der Routine des Alltags beschäftigt. Zudem haben Sie bisher Ihre Komfortzone kaum verlassen. Daher kann eine Auszeit sinnvoll sein, eine Sprachschule oder ein humanitärer Einsatz an einem fremden Ort. So etwas erlaubt, anderen Facetten von uns mehr Raum zu geben. Es lässt uns wichtige Lebensfragen mit etwas Distanz einfacher klären.

Falls Sie dann entscheiden, vorerst bei den Eltern zu bleiben, können Sie beim nächsten Gespräch über das Thema selbstbewusster entgegnen Selbstbewusstsein «Ich zweifle sofort an mir» , dass das für Sie eben so passt.

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