Frau Berger erkämpft sich das Leben zurück – dann geht sie shoppen
Meine Klientin hatte eine kleine Krise. Das schrieb sie mir per Whatsapp. Ich dachte schon an das Schlimmste. Dann ging ich zu ihr und musste schmunzeln. Sie auch.
Veröffentlicht am 27. August 2026 - 05:00 Uhr

Ein ungutes Gefühl im Kleidergeschäft – und schon kauft man unpassende Kleider (Symbolbild).
Frau Berger ist Mitte 40, wohnt an guter Lage, in einer schönen Wohnung in einem schönen Haus. Auch sie selbst ist schön. Als ich sie zum ersten Mal sah, ging es ihr gar nicht gut. So gar, gar nicht gut. Sie war nach einem längeren Klinikaufenthalt erst seit ein paar Tagen wieder zu Hause. Und sie fühlte sich verloren. Es war, als lauerte die nächste Panikattacke hinter der Ecke.
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Die Anspannung sprang auf mich über. Ich kann das: so tun, als wäre ich ruhig. Aber ich litt mit ihr. So eine übergrosse Angst ist kaum in Worte zu fassen: Sie ist schlimm.
Nicht mehr leben können
Anfangs besuchte ich sie zweimal wöchentlich bei ihr zu Hause. Es ging ihr besser, aber noch nicht gut. Und dann schlich es sich ein, wie ein junges Büsi auf samtenen Pfoten: das gute Leben. Wobei – das stimmt gar nicht. Das Leben schlich sich nicht ein, Frau Berger erkämpfte es sich zurück – mutig und lustvoll. Sie stellte sich ihren Ängsten – und machte die Dinge einfach trotzdem. Das hilft gegen Angst: Dinge trotzdem machen.
Frau Berger ist interessiert am Weltgeschehen, und es machte Freude, mit ihr darüber zu reden. Manchmal auch über Mode. Oder Fernsehsendungen. Oder Trends. Oder Stars. Nicht immer war alles «tief».
Kleine Krise im Kleidergeschäft
Und so kam es, dass ich eines Tages eine Whatsapp-Nachricht erhielt. Sie habe gerade eine kleine Krise, meinte sie. Unser Termin war ohnehin schon vereinbart, also fuhr ich am nächsten Tag zu ihr. Ich war etwas in Sorge, weil ich wusste, dass diese Frau tiefe, tiefe Abgründe kennt.
Sie habe einen Fehler gemacht, erzählte sie aufgebracht. Und zwar einen multiplen. Sie habe drei Kleidungsstücke gekauft: einen Blazer und zwei Paar Hosen. Nichts passe. Die Hosen seien zu gross, und der Blazer gefalle ihr nicht. Sie war in einem Kleiderladen, der bekannt ist für seinen offensiven Verkaufsstil. Frau Berger wollte die Sachen zurückbringen, bekam aber nur eine Gutschrift. Das empörte sie gleich nochmals.
Wie trifft man richtige Entscheidungen?
Ich war erleichtert, dass es ihr gut ging. So prinzipiell. Denn was sie am meisten beschäftigte, war: «Was sagt das über meine Persönlichkeit aus? Ich habe in der Therapie gelernt, Grenzen zu setzen, für mich einzustehen. Dann gehe ich in diesen Laden und vergesse mich völlig.» Wir fanden das beide irgendwie amüsant und meinten, dass ein Besuch in diesem spezifischen Kleidergeschäft der Persönlichkeitstest schlechthin sei.
Aber das Thema an sich ist ein grosses: Entscheidungen treffen. Wie trifft man sie richtig? Wenn man verunsichert ist, entscheidet man sich oft falsch. Und Angst macht unsicher. Sie meinte, sie habe sich nicht wohlgefühlt im Laden, ja, sie hatte auch ein diffuses Angstgefühl. Ab und zu ein Fehlkauf ist egal. Aber: Wie stabilisiert man sich denn? Wie findet man Boden? Wie bleibt man bei sich?
Ich kenne die Lösung nicht. Es ist ein Prozess, ein Suchen. Sie ist auf bestem Weg.
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