Für die Pelze der Mutter bezahlte Frau Leu mit ihrem Körper
Diese Geschichte erzähle ich ungern. Weil sie so hässlich ist. Und doch drängt sie sich mir auf. Es geht um zwei Pelzmäntel. Es sind sehr schöne. Sehr elegante. Sie wurden mit einem Kinderkörper bezahlt. Teil 8 der Beobachter-Serie.
Veröffentlicht am 20. August 2026 - 05:00 Uhr

Die Mutter von Frau Leu mochte Pelz und Schmuck (Symbolbild).
Frau Leu ist Ende dreissig, hat drei Kinder, sie hat blaue Augen, blonde Haare. Sie ist hübsch. Und sie ist die stärkste Frau der Welt. Was sie in ihrer Kindheit erlebt hat, ist grauenhaft. Nein, nicht im Sudan oder im Gazastreifen hat sie das erlebt, sondern in unserem Land. In guter Familie. Gegen aussen gut, die Fassade stimmte.
Zur Person
Sie lebten in Saus und Braus, mit Pool und grossem Garten, und immer war alles hübsch hergerichtet. Sie hat auch einen Bruder, dieser lebt heute von einer IV-Rente. Und sie hatten einen Hund. Dieser Hund hat sie vielleicht gerettet. Jedenfalls erzählt sie gern von den Spaziergängen, die sie allein mit dem grossen Hund gemacht hat. Eine schöne Erinnerung.
Ihr Vater war alt, ihre Mutter viel jünger, sie kam irgendwo aus dem Osten. Und sie mochte Pelz und Schmuck. Ich gehe einmal wöchentlich zu Frau Leu – und helfe ihr beim Haushalt. Und während des Putzens und Waschens und Aufräumens erzählt sie mir aus ihrem Leben.
Das erste Mal, als ich bei ihr war, sagte sie noch, dass sie nicht reden wolle, sie habe genug geredet in ihrem Leben bei Therapeuten. Ich solle ihr einfach helfen.
Unschönes Tauschgeschäft
Einmal stiessen wir beim Aufräumen auf zwei Pelzmäntel. «Oha», meinte ich. Und sie sagte trocken: «Ich habe mit meinem Körper dafür bezahlt.» Ihr Vater hat sie jahrelang sexuell missbraucht, ihre Mutter wusste es – und schaute weg. Und wurde von ihrem Mann dafür beschenkt, zum Beispiel mit diesen Pelzmänteln. Nicht direkt, aber indirekt.
Was tun mit diesen Pelzen, jetzt? Verkaufen? Verschenken? Spenden? Sie schiebt es hinaus, zu gross ist dieses Thema, zu hart die Wucht.
Ich lasse ihr Zeit. So viel sie haben will.
Und ausserdem: Ich weiss auch nicht, was man mit so einem Erinnerungsstück macht. Vielleicht erst mal im Schrank verstauen. Und erst hervornehmen, wenn man parat ist. Nicht immer muss alles sofort geschehen.
Innere Kraft finden
Frau Leu stolperte als junge Frau immer mal wieder. Sie rutschte auch mal in die Drogensucht ab, aber sie befreite sich wieder davon, vom Gift, von jeglichem Gift, von ihrer Vergangenheit, so gut das eben geht. Nur der Pelz ist noch da. Sie hat sich für das Positive entschieden – und gibt ihren Kindern all das, was sie nicht gehabt hat: ein Zuhause.
Alle Welt spricht von Resilienz, von der psychischen Widerstandsfähigkeit. Frau Leu lebt das. Ich habe sie mal gefragt, wie sie das denn eigentlich macht. Sie sagte, sie habe so viele Therapien gehabt, aber einen sehr wahren Satz habe sie in einer Schweizer Fernsehserie gehört. Dort sagte einer der Protagonisten: «Entweder wir finden in uns die Kraft, weiterzumachen, oder wir finden sie nicht.» Eigentlich sei es ganz simpel.
Ist das so?
Ich schaue mir diesen Pelz an, weich, warm, kuschelig, und ich weiss, er bedeutet das Gegenteil davon: kalt, rau, einsam. Und ich schaue Frau Leu an und finde: Sie ist die stärkste Frau der Welt.
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