Das ist ein heikles Thema, ich bewege mich auf dünnem Eis. Natürlich gibt es Krankheiten, die zu wenig ernst genommen werden. Menschen, die leiden und keine Diagnose haben. Von ihnen rede ich nicht. Ich rede von etwas anderem. Es gibt Leiden, die sich verstärken, je genauer man hinschaut. 

Zur Person

Ich habe eine Klientin, die ist jung, schön, unfassbar intelligent, humorvoll, sie ist toll. Und sie ist reflektiert. Sehr reflektiert.

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Reflektieren bis zum Gehtnichtmehr

Die Schriftstellerin Sylvia Plath hat mal geschrieben, dass sie ein Opfer ihrer Introspektion sei. Das gehört sich vielleicht für Schriftstellerinnen ein Stück weit so, denn man schreibt über Innenansichten, über Seelenlabyrinthe, da gehört es quasi zum Beruf, dass man jeden Winkel ausleuchtet. Plath hielt ihren Kopf eines Tages in den Backofen und vergaste sich. Introspektion ist gefährlich. Und das meine ich tatsächlich ernst, auch wenn es hier etwas tapsig daherkommt. 

Meine junge Klientin hat Diagnosen, es gibt Gründe für ihre Behandlung, auch die Spitex ist indiziert. Sie braucht Unterstützung. Und doch denke ich oft: Sie denkt zu viel nach. Manchmal wäre es hilfreich, wenn die Gedanken nicht nur um die eigene Person kreisen würden – und vor allem nicht um Probleme der eigenen Person. 

Eine Nichtdiagnose als Ungeheuer

Eine andere Klientin hat die Nichtdiagnose: Verdacht auf Parkinson. Das ist ein unangenehmer Vermerk in den Krankenberichten, denn: Er schürt Angst. Vielleicht, so denke ich manchmal, wäre es besser, sie hätte die Diagnose Parkinson. Dann gäbe es eine Therapie, und sie bräuchte weniger Angst vor dem lauernden Ungeheuer zu haben, denn dann wäre es da, vielleicht etwas greifbarer.

Aber vielleicht täusche ich mich. Sie liest und schaut alles zum Thema Parkinson, was ihr in die Hände und vor die Linsen kommt, und betreibt andauernd Introspektion, indem sie sich durchscannt und genauestens beobachtet: Ist mein Zittern schlimmer geworden? Ist mein Gangbild anders? Ihr Leidensdruck ist gross. Ihre Angst ist gross. Sehr gross.

Und wieder eine andere Klientin hat ein Burn-out. Und sie sah unglücklicherweise eine Doku über einen ME/CFS-Patienten. Daraufhin begann sie, ihre Symptome in diesem Licht zu sehen. Mit ihrer Erschöpfung kam auch die Überempfindlichkeit gegen Reize, und mit dieser Angst kamen Verspannungen, die so schmerzhaft waren, dass sie bald dachte: Alle Symptome treffen auf mich zu, ich habe diese Krankheit.

Glücklicher- und seltsamerweise verliebte sie sich dann – und ihre Angst vor dieser Krankheit nahm ab. Nicht dass sie heute ganz gesund wäre, sie ist noch immer erschöpft, aber es geht ihr besser. Sie ist mit Schönem abgelenkt.

Die schlimmste Krankheit ist die Angst davor

Nicht alles Leid kommt von der Krankheit selbst. Einiges entsteht im Umgang damit. Vielleicht liegt ein Teil der Heilung nicht im weiteren Nachdenken, sondern im vorsichtigen Wegsehen. Im Tun. Im Leben, das grösser ist als die eigene Innenwelt. 
 

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