Als er das Lied vom Tod abspielte
Herr Kreis liebt Musik. Er sagt, sie halte ihn, sie tröste ihn, sie mache ihn traurig und oft auch glücklich. Er zeigte mir ein Lied – und ich erschrak. Nein, es erschütterte mich geradezu. Einer Katharsis gleich. Teil 6 der Beobachter-Serie.
Veröffentlicht am 7. August 2026 - 15:00 Uhr

Ein kleines, musikalisches Gefühlserdbeben wird zu einem Beziehungskitt.
Es war an einem Freitagnachmittag im November. Wir sassen an seinem Küchentisch, liessen seine letzte Woche Revue passieren und schauten voraus auf die nächste. Und dann sagte er plötzlich, dass er mir gern ein Lied vorspielen würde. Es habe ihn sehr berührt.
«Klar», dachte ich. Kurz mal nicht sprechen, einfach nur ein bisschen hören, ist auch gut.
Zur Person
Wir sassen also in seiner Küche, und er liess ein Lied von einem Chansonnier namens Tim Fischer laufen. Ich war entspannt. Er schien ein bisschen aufgeregt zu sein. Vielleicht hätte mich das schon stutzig machen müssen. Das Lied schlich sich gemächlich an – aber dann war es da: «Komm, grosser schwarzer Vogel, komm zu mir! Spann deine weiten, sanften Flügel aus und legs auf meine Fieberaugen. Bitte, hol mich weg von da!»
Mitten in den Himmel, mitten ins Herz
Sang er da tatsächlich vom Tod? «Mama, Papa, bitte, vergesst mich nicht.» Ich erstarrte. «Auf gehts, mitten in den Himmel hinein, nicht traurig sein! Ich werd singen, ich werd lachen, ich werd glücklich sein!»
Anfangs versuchte ich meine Tränen noch verlegen wegzulächeln, es gelang mir nicht lange. Wie peinlich. Und das vor dem Klienten! Dann sah ich, dass auch er feuchte Augen hatte. Und zusammen ergriffen sein, das verbindet.
Doch ich machte mir auch Sorgen: Ist Herr Kreis suizidal? Er hat eine bipolare Störung, ist aber medikamentös gut eingestellt und seit längerem stabil. Ich musste nachfragen, das ist meine Aufgabe. Er konnte sich, wie man in der Psychiatrie so schön sagt, glaubhaft von Suizidalität distanzieren. Ihn tröste dieses Lied.
Am späten Abend lag ich im Bett und las – nein, das ist keine gute Schlafhygiene – über dieses Lied nach: Es stammt ursprünglich von Ludwig Hirsch. Nochmals eine Wucht, denn dieser nahm sich im November 2011 65-jährig das Leben.
Er hatte Lungenkrebs und stürzte sich aus dem Fenster seines Spitalzimmers in Wien.
Hilfe in persönlichen Krisen
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Ist das Kunst? Ist das das Leben? Es ist beides. Und es ist der Tod. Das Lied vermittle eine Leichtigkeit, schreibt das Magazin «Zeitlupe», die den Tod nicht als Feind, sondern als Freund anerkenne. Und genau das war es, was ich spürte. Zuerst ein Schock: Es geht um den Tod. Wie brutal, wie traurig! – Und wie schön! Das löste die Tränen, aber auch das Lachen aus. Es war nicht nur ein Verlegenheitslachen, es war auch ein Lachen, weil es so wunderschön war.
Lebendig sein, alles fühlen
Als Pflegefachfrau bei einer psychosozialen Spitex ist man tatsächlich mit allen Sinnen dabei. Das ist es auch, was man in der Ausbildung lernt: beobachten, aufmerksam sein. Und es geht in der Pflege um Beziehung. Es ist auch die Nähe, die beim Genesen hilft.
Seit jenem Freitagnachmittag ist die Beziehung zwischen Herrn Kreis und mir tiefer, vertrauensvoller, näher. Das kleine, musikalische Gefühlserdbeben war ein Beziehungskitt.





