Beobachter: Sie sind sehr aktiv auf Twitter, im Moment häufig mit dem Hashtag #CoronaEremit. Was soll das bedeuten?
Pater Martin Werlen: Zurückgezogen zu leben und nicht ständig in der Öffentlichkeit unterwegs zu sein, gehört ganz wesentlich zum Leben eines Mönchs oder einer Nonne dazu. Unsere Idee ist, dass gerade wir als Ordensleute aus eigener Erfahrung Impulse geben können, wie man mit der momentanen Situation umgehen kann.


Kann man mit Twitter, Livestreams und anderen sozialen Medien die momentane Situation besser ertragen?
Social Media sind nur Instrumente, um Impulse weiterzugeben, aber ich bin sehr froh, dass wir sie zur Verfügung haben. Vor 50 Jahren war es noch nicht einmal selbstverständlich, dass man jederzeit telefonieren konnte. Heute können wir einander sogar am Bildschirm sehen oder miteinander chatten. Das bringt in vieles eine ganz andere Dynamik hinein.


Wir sehen einander aber bloss auf dem Bildschirm. Der Mensch braucht doch den direkten, körperlichen Kontakt.
Meiner Meinung nach sind auch Kontakte über Medien wie Twitter oder Skype richtige Kontakte, schliesslich kommuniziere ich mit realen Menschen. Wenn man früher mit Rauchzeichen Nachrichten weitergab, dann war auch das ein Kontakt von Mensch zu Mensch. Ich glaube, die Einteilung in virtuelle und reale Kontakte ist falsch. Es sind alles reale Kontakte, aber wir müssen sie pflegen. Auf Twitter erlebe ich das immer wieder. So sind ja auch Sie dazu gekommen, mich anzurufen. In der momentanen Situation entdecken wir neu, wie es uns freut, wenn man Kontakt aufnimmt.


Als Mönch sind Sie es gewohnt, nach strikten Regeln und mit einem beschränkten Bewegungsradius zu leben. Haben Sie Verständnis für Leute, die mit diesen Einschränkungen Mühe haben?
Selbstverständlich! Gerade in solchen Situationen ist es wichtig, dass man eine Struktur in den Tag bringt. Als Benediktiner können wir dazu vielleicht ein paar Impulse geben. Wenn wir Zeit haben, sie aber nicht strukturieren, kann es sehr leer werden. Indem ich eine Struktur schaffe, gibt diese mir Halt und bringt eine Dynamik in den Tag.


Und wie soll man das anpacken?
Nehmen wir uns ein Beispiel am evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer Glauben «Die Bibel ist voll von Versagern» . Während seiner Einzelhaft durch die Nazis gab er sich ein klares Tagesprogramm mit Lektüre, Beten und Singen, Schreiben, Ruhe und Essen. In unserer heutigen Situation ist das ebenfalls sehr wichtig. Eine Zeit zum Alleinsein und eine Zeit zum Miteinandersein. Als Familie kann man zum Beispiel Spiele wiederentdecken «Kampf gegen das Bünzlitum» & Co. Gesellschaftsspiele boomen wie nie oder sich miteinander austauschen, auch über die Dinge, die einem Mühe machen. So erhält der Tag eine Dynamik. Eine Tagesstruktur hilft uns, die Zeit als Familie gut zu bewältigen. Wir verlieren nichts, wenn wir eine Ordnung in unsere Tage hineingeben, sondern wir gewinnen alle.

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«Wenn wir ‹üs em Hüsli› sind, sind es andere bald einmal auch. Gerade wenn wir wie jetzt öfter zu Hause sind, ist es wichtig, das zu vermeiden.»

Pater Martin Werlen

Viele Menschen haben Mühe mit dem Alleinsein. In Ihrem Leben gehört das aber fest dazu. Können wir das heute nicht mehr?
Alleinsein war schon immer eine grosse Herausforderung für die Menschen. Im Religionsunterricht Schule Ist der Religionsunterricht obligatorisch? habe ich eingeführt, dass wir in jeder Doppelstunde während zehn Minuten einfach da sind, in vollkommener Stille. Wir haben mit zwei Minuten angefangen und dann langsam gesteigert. Die Schülerinnen und Schüler merken: Ich darf einfach sein, ich muss nichts leisten. Und das gibt ihrem ganzen Tag eine andere Farbe. Ich stelle fest, dass das uns als Klasse zusammenschweisst, wenn wir einfach miteinander da sein können. Das verbindet uns viel mehr, als wenn wir miteinander tratschen und immer die Gleichen zusammenstehen.


Im Moment hört man überall, dass man die Gesellschaft herunterfahren muss. Das hat oft einen negativen Touch…
Die Frage ist, welche Qualität wir diesem Runterfahren geben. Wir können uns darüber beklagen, dass nichts mehr ist, wie es einmal war, wir können uns darüber aufregen, aber da gehen wir nur kaputt, das baut nicht auf. Wenn ich entdecke, dass dieses gesellschaftliche Herunterfahren mich dazu bewegt, selber herunterzufahren und einfach zu sein, und dass ich nicht ständig etwas leisten muss, dann ist das eine wertvolle Erkenntnis.

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Sie haben auf Twitter einen Satz des heiligen Benedikt zitiert, man solle «in schwierigen Situationen die Geduld gleichsam bewusst umarmen». Wie umarmt man die Geduld?
Wenn mich etwas wahnsinnig aufregt, versuche ich, die Geduld bewusst zu umarmen. Ich entscheide bewusst, jetzt nicht auszurasten, sondern ich ziehe mich zurück, setze mich allein irgendwohin und trage das vor Gott. Und nicht dem Impuls folgen, dem anderen etwas ins Gesicht zu werfen. In solchen Situationen sind wir «üs em Hüsli». Für den heiligen Benedikt war es wichtig, dass wir bei uns selber daheim sind. Und wenn wir «üs em Hüsli» sind, sind es andere bald einmal auch. Gerade wenn wir wie jetzt öfter zu Hause sind, ist es wichtig, das zu vermeiden.
 

Zur Person

Pater Martin Werlen, 58, lebt als Benediktinermönch im Kloster Einsiedeln. Von 2001 bis 2013 war er Abt des Klosters. Sein Twitter-Name lautet @MoenchMartin.

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