Herr Stephan, weltweit wird derzeit Babymilchpulver zurückgerufen. In den Produkten wurde Cereulid gefunden, ein Bakteriengift. Wie kommt eine solche Substanz in die Nahrung für Säuglinge?
Das Babymilchpulver enthält Ara-Öl, ein biotechnologisch hergestelltes Öl, das reich an Omega-6-Fettsäuren ist. In der Muttermilch kommt diese Fettsäure natürlicherweise vor, weshalb man sie dem Pulver zusätzlich beimischt. Sie fördert die Entwicklung von Augen und Gehirn. Doch bei der Herstellung dieses Öls geschah eine Verunreinigung: Es bildete sich das Gift Cereulid.

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Ob Nestlé, Danone, Hochdorf oder Vitagermine: Viele Abnehmer verkauften das verunreinigte Babymilchpulver. Weshalb?
Weltweit gibt es nur wenige Betriebe, die Ara-Öl herstellen. Viele Abnehmer beziehen Babymilchprodukte vom selben Lieferanten, das ist ein Risiko. Das zeigt sich nun in diesem Fall.

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Wie gefährlich ist das Gift für Babys?
Säuglinge sind vulnerabel und können bereits bei kleinen Dosen reagieren. Bei Erwachsenen braucht es grössere Mengen von diesem Gift. Ein erstes Anzeichen für eine Vergiftung ist Übelkeit, häufig zusammen mit Durchfall.

Eltern sind nun verunsichert. Können wir den Produkten im Supermarktregal noch trauen?
Es ist wichtig zu betonen, dass lediglich gewisse Lieferungen an Babymilchpulver von einer Verunreinigung betroffen sein können. Man kann davon ausgehen, dass die Hersteller die betroffenen Produkte zurückrufen. Und: dass die Produkte, die weiterhin auf dem Markt verkauft werden, unbedenklich sind.

Zur Person

Müssen wir nun damit rechnen, dass auch andere Lebensmittel verunreinigt sind?
Das ist eher unwahrscheinlich. Die betroffene Fettsäure kommt in diversen Lebensmitteln wie Fleisch und Eiern natürlicherweise vor. Auch unser Körper kann aus Linolsäure selber Omega-6-Fettsäuren bilden. Daher ist eine zusätzliche Zugabe dieser Fettsäuren in Lebensmitteln üblicherweise nicht erforderlich. Abgesehen von Babymilchpulver findet man Ara-Öl zum Teil in Nahrungsergänzungsmitteln. Und zwar in solchen für Extremsportlerinnen- und Sportler, die es als spezielles Muskelaufbauprodukt einnehmen. Für die breite Masse also gilt das nicht.

Das Gift wurde erst kürzlich entdeckt. Hat die Kontrolle der Behörden versagt?
Diese Frage kann ich so nicht beantworten. Grundsätzlich ist der Lebensmittelhersteller für die Lebensmittelsicherheit verantwortlich, nicht die Behörde. Dass Ara-Öl eine Gefahr für die Entstehung von Cereulid in Lebensmitteln ist, hatten die wenigsten auf dem Radar.

Das Ara-Öl wird mit neuen Technologien gewonnen und zählt zum sogenannten Novel Food, genau wie Insektenprotein oder Laborfleisch. Wie sicher sind solche neuartigen Lebensmittel?
Die Lebensmittelsicherheit ist unser höchstes Gut. Bei der Kontrolle sollten wir nicht zwischen Novel Food und anderen Lebensmitteln unterscheiden. Nehmen Sie das Beispiel der Pasteurisierung von Milch: Dieses Verfahren gibt es seit der Tuberkulose-Zeit, die Hersteller beherrschen es seit Generationen. Neue Technologien zur Nährstoffgewinnung sind jedoch weitaus komplexer. Sie fordern von den Produzenten eine völlig neue Beurteilung der Risiken.

Ihre Meinung ist gefragt

Sind Sie Eltern und von den verunreinigten Babymilchprodukten betroffen? Soll Ihrer Meinung nach Novel Food strenger kontrolliert werden? Teilen Sie Ihre Meinung in der Kommentarspalte.