BeobachterNatur: Hal Herzog, wir sprechen von einem sündigen Genuss, wenn es ums Schokoladeessen geht. Warum plagen uns keine ähnlichen Gewissensbisse, wenn wir ein Kotelett verspeisen?
Hal Herzog: Der Versuch, den Fleischkonsum zu moralisieren, ist weitgehend gescheitert. Und das, obschon es etliche Gründe gibt, auf Fleisch zu verzichten: ethische, öko­logische, gesundheitliche, um nur drei davon zu nennen.

BeobachterNatur: Warum tun wir es trotzdem?
Herzog: Wir stammen von fleischfressenden Affen ab. Deshalb besteht das ­natürlichste menschliche Verhalten gegenüber dem Tier im Wunsch, es zu essen. Fleisch fällt psychologisch betrachtet in die ­Kategorie, die Al Pacino im Film «Im ­Auftrag des Teufels» als «Niemandsland im Kampf zwischen Geist und Körper» ­bezeichnet.

BeobachterNatur: Warum essen wir dann nicht alle Tiere?
Herzog: Die Fleischindustrie lebt von der Massentierhaltung, und die Konsumenten gehen von der ständigen Verfügbarkeit gewisser Produkte aus. Verglichen mit der Anzahl der Tiere, die wir essen könnten, ist die Liste jener, die wir tatsächlich essen, sogar sehr kurz. Denken Sie an Tausendfüssler, Ameisenbären, Flamingos. Die eignen sich allerdings nicht für die Landwirtschaft im gros­sen Stil.

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BeobachterNatur: Heisst es nicht: je rarer, desto begehrter? Demnach müsste doch ein Restaurant mit einer Hausspezialität wie Wombat­ragout von Gourmets überrannt werden.
Herzog: (Lacht) Überrannt schon, aber wohl eher von Tierschützern. Wir Menschen sind Meister der Klassifikation. Von unseren ausgeklügelten Wertesystemen hängt nicht nur ab, was für Fleisch wir essen, sondern auch, in welcher Form wir es essen.

BeobachterNatur: Haben Sie ein Beispiel?
Herzog
: Als ich noch ein Kind war, hätte jeder vor Ekel das Gesicht verzogen bei der Vorstellung, rohen Fisch zu essen. Heute zählt ­Sushi zu den beliebtesten Speisen in den USA und gilt als gesund. Oder es gibt Leute, die nur Geflügel essen, und andere, die kein Fleisch, aber Fisch essen und sich trotzdem als Vegetarier bezeichnen. ­Eigentlich müsste gelten: Ein Fisch ist ein Huhn ist eine Kuh …

BeobachterNatur: … ist ein Wombat, ist ein Flamingo, ist ein Hund?
Herzog: Genau. Und warum ist dem nicht so? Weil sich kein Nahrungsmittel so leicht mit Tabus belegen lässt wie Fleisch. Diese Tabus sind kulturell, oft religiös bedingt und meistens vollkommen willkürlich, ja sogar unsinnig. Den Massai in Afrika zum Beispiel ist es verboten, Fisch zu essen.

BeobachterNatur: Fisch in der Wüste?
Herzog: Eben. Hindus essen keine Kühe, Muslime und Juden bekanntlich kein Schweinefleisch, und für Katholiken steht freitags Fisch auf dem Menüplan. Rational lässt sich keine dieser Vorschriften erklären.

BeobachterNatur: Wie denn sonst?
Herzog: Der Unterschied zwischen Mensch und Tier zeigt sich nirgends so deutlich wie beim Essen. Kein Löwe schaut einer Gazelle in die Augen und überlegt sich, ob es moralisch vertretbar ist, sie zu verzehren. Anderseits halten auch nur Menschen Haustiere, denen sie Namen geben und die sie als Familienangehörige betrachten. Als sein Hund überfahren wurde, schlug ein Freund von mir vor, ihn zu braten und zu essen. Hundefleisch steht schliesslich in manchen Kulturen auf dem Speise­zettel. Seine Frau und seine Kinder waren entsetzt. Für sie wäre das schierer Kannibalismus gewesen.

BeobachterNatur: Wie schaffen es die Koreaner, Hunde ­sowohl als Haustiere zu halten als auch zu essen?
Herzog: Auch die Koreaner haben Kategorien kreiert: Fleischhunde, sogenannte Nureongi, werden speziell zum Konsum gezüchtet. Auf den Märkten bringt man sie weit weg von den Schosshunden in separaten Käfigen unter. In den USA essen die Oglala-­Indianer in South Dakota bei gewissen religiösen Zeremonien einen Hundeeintopf. Daneben halten sie auch Haushunde. Die bekommen als Welpen einen Namen. Der Rest landet in der Pfanne. Unterscheidung ist alles, so künstlich diese sein mag. Übrigens hat mir neulich jemand gesagt, auch in der Schweiz habe man einst Hundefleisch gegessen. Stimmt das?

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BeobachterNatur: Vor 50 Jahren bot man es in gewissen Gegenden noch auf dem Markt an. Pferdefleisch wird bei uns noch immer gegessen.
Herzog: Sehen Sie! In Amerika ist der Verzehr von Pferdefleisch verpönt. Sicher ist nur eines: Menschen essen kein Fleisch von Tieren, die sie verachten, und keines von Tieren, die sie mögen.

BeobachterNatur: Inwieweit haben sich die Tierschutzkampagnen auf den Fleischkonsum ausgewirkt?
Herzog: Gar nicht. Im Gegenteil: Der Fleischkonsum wächst weltweit. Ein Grund ist die steigende Nachfrage in Ländern wie China und Indien, wo sich die meisten bis vor kurzem kein Fleisch leisten konnten. Fleisch gilt als Symbol des Wohlstands.

BeobachterNatur: Ach, deshalb liegt Luxemburg an der Spitze, was den Fleischkonsum pro Kopf betrifft?
Herzog: (Lacht) Na ja, mit über 120 Kilo Fleisch pro Kopf und Platz zwei stehen die Vereinigten Staaten auch nicht schlecht da. Derselben Uno-Statistik zufolge isst ein Schweizer übrigens jährlich 72 Kilo Fleisch – fast so viel wie ein Deutscher oder ein Franzose.

BeobachterNatur: In diesen Ländern geht es aber nicht mehr bloss darum, seinen Wohlstand auszuleben.
Herzog: Der Wohlstand ist nur ein Faktor. Gerade in Ländern wie den USA und der Schweiz hat uns der Tierschutz den Verzehr von Fleisch nämlich erleichtert.

BeobachterNatur: Wie das?
Herzog: Wir brauchen kein schlechtes Gewissen mehr zu haben: Wir können uns einreden, das Schwein, dessen Schwarte vor uns auf dem Teller liegt, habe sich bis zum letzten Atemzug glücklich im Schlamm ­gewälzt, in den Himmel geguckt und ein wunderschönes Leben genossen. Der Trick funk­tioniert hervorragend, obwohl wir tief drinnen wissen, dass all die Etiketten der «artgerechten Tierhaltung» in erster Linie raffinierte Vermarktung sind. Inzwischen machen selbst Fastfood-Ketten wie McDonald’s und Kentucky Fried Chicken mit Tierschutz Werbung und haben eigene Tierschutzgremien gegründet.

BeobachterNatur: Ein «Happy Meal» von einer happy Kuh schmeckt besonders gut.
Herzog: Zweifellos. Der andere Trick der Fleisch­industrie besteht darin, das Fleisch ­möglichst nicht so aussehen zu lassen wie das Tier, das es einmal gewesen ist.

BeobachterNatur: Sie meinen die vakuumverpackte, haut- und knochenlose Hühnerbrust in der Tiefkühlabteilung des Supermarktes?
Herzog: Richtig. Wir tun alles, um uns von der Vorstellung zu distanzieren, dass wir ein Wesen verspeisen, das mal geatmet hat. Dass uns das bei Geflügel besonders leicht­fällt, ist, zumal hier in den USA, auch einer gezielten Werbekampagne zu verdanken.

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BeobachterNatur: Wie wurde die Kampagne geführt?
Herzog: Als das Gesundheitsministerium in den 1970er Jahren auf die Gefahren hinwies, die mit dem übermässigen Verzehr von «rotem Fleisch» verbunden sind, erkannte die Geflügelindustrie ihre Chance und begann, ihr «weisses Fleisch» als gesunde Alternative zu preisen. Seither ist der Konsum von Geflügel um 200 Prozent gestiegen. Dabei gehört die industrielle Geflügelhaltung zum Grausamsten, was es gibt. Zudem ist sie ineffizient: Eine einzige Kuh liefert so viel Fleisch wie 230 Hühner!

BeobachterNatur: Basierte die «Esst Wale»-Kampagne der Tierschutzorganisation Peta auf ­diesem Effizienzgedanken?
Herzog: Die Kampagne war ironisch gemeint, aber die Grundidee stimmt: Wenn man schon Tiere schlachtet, um sie zu essen, dann sollte man sich an die halten, die den grösstmöglichen Ertrag bringen.

BeobachterNatur: Wie erklären Sie sich den Trend, dass es in den USA seit einigen Jahren immer mehr Hobbymetzger gibt?
Herzog
: Interessanterweise waren viele dieser Hobbymetzger ehemalige Vegetarier. Sie sind zum Schluss gekommen, dass es moralisch vertretbarer ist, Fleisch von einem Tier zu essen, das sie selber geschlachtet haben, als sich mit Sojawürstchen zu trösten, für die man die Wälder im Amazonas ab­holzt. Statt sich vor dem Töten des Tiers zu drücken, nehmen sie das Messer selber in die Hand. Und sie essen das ganze Tier, nicht nur die Filet­stücke. Sie finden, dass sie das dem Tier schulden. «Nose-to-tail eating» wird das genannt.

Herzog: Inzwischen gibt es ja auch zahlreiche Restaurants mit dem Motto «Genuss von der Schnauze bis zum Schwanz».
Herzog: Das sind sogar sehr erfolgreiche Restaurants. Apropos ehemalige Vegetarier: In den Vereinigten Staaten ist der Klub der Exvegetarier dreimal grösser als jener der Vegetarier.

BeobachterNatur: Und die sind alle Hobbymetzger?
Herzog: Vermutlich nicht. Aber die Zahl der echten Vegetarier liegt in den USA ohnehin unter 0,1 Prozent.

BeobachterNatur: Warum geben Vegetarier ihren Lebensstil auf?
Herzog: Wir haben dazu einmal eine Umfrage gemacht. Die meisten von ihnen gaben an, aus gesundheitlichen Gründen wieder mit dem Fleischessen angefangen zu haben. «Lieber eine tote Kuh als Blutarmut», so formulierte es jemand. Andere fanden das Leben als Vegetarier zu kompliziert. Nur wenige konnten dem Geruch von gebratenem Speck einfach nicht widerstehen.

BeobachterNatur: Was halten Sie davon, Haustieren eine vegetarische Diät zu verschreiben?
Herzog: Wir zwingen unseren Haustieren immer unsere Weltanschauungen und Lebensweisen auf. Das prägt unser Verhältnis zu ihnen. Wir stecken Vögel in Käfige, kas­trieren Hunde und machen Raubtiere zu Hauskatzen. Hunde kommen mit einer ­vegetarischen Ernährung ganz gut zurecht. Katzen nicht. Ich besitze selber eine.

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BeobachterNatur: Und die bekommt natürlich Fleisch?
Herzog: Ja. Und ich muss gestehen, dass mir ihr Fleischkonsum mehr Kopfzerbrechen bereitet als mein eigener. Nicht wegen dem Futter, das ich ihr gebe, sondern weil sie gerne tötet. Mäuse, Vögel – laut Schätzungen bringen unsere lieben Kätzchen in den USA jährlich eine Million Kleintiere um. Aber soll, darf ich darum den natürlichen Jagdinstinkt meiner Katze unterdrücken? Ich glaube nicht. Wohl ist mir allerdings nicht dabei.

BeobachterNatur: Wie steht es mit Ihrem Fleischkonsum?
Herzog: Ich habe mich damit ausgesöhnt. Ich ­bevorzuge die mediterrane Küche und esse viel weniger Fleisch als früher, hauptsächlich Fisch und Geflügel.

BeobachterNatur: Wie war das mit den Tricks der ­Fleischindustrie und den willkürlichen Klassifikationen?
Herzog: (Lacht) Sie haben ja recht, ich bin nicht immun. Ich erliege aber auch den Verlockungen eines Hotdogs. Neulich habe ich am Flughafen von Chicago ein saftiges Exemplar aus Schweinefleisch genossen, mit Senf, frischen Tomaten, Chili, Sellerie, Relish und Dillgurken – hmmmm! Dieser Hotdog war fast so gut wie das ­Dessert, das ein Freund in seinem veganen Restaurant zubereitet: Ahornsirup-Speck-Glace – ganz ohne Speck und Milchprodukte.

Der US-Amerikaner Hal Herzog ist Professor für Psychologie an der Western Carolina University und hat die Beziehung zwischen Mensch und Tier zu seinem Spezialgebiet gemacht. Davon handelt auch sein Buch «Wir streicheln und wir essen sie. Unser paradoxes Verhältnis zu Tieren»; Carl-Hanser-Verlag, 2012, 316 Seiten, CHF 29.90

Quelle: Thinkstock Kollektion
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