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LohnexzesseWie viel Lohn ist zu viel?

Manager, die Millionen kassieren, sorgen in der Bevölkerung für Unmut. Das freut die Befürworter der 1 : 12-Initiative.

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Zweihundertdreis­sig. Diese Zahl bringt Lindt-&-Sprüngli-Chef Ernst Tanner in Teufels Küche. Denn Tanner verdient 230-mal so viel wie der Lindt-&-Sprüngli-Mitarbeiter mit dem tiefsten Lohn. Knapp sieben Millionen trug der Chef für 2012 in der Lohntüte nach Hause, acht Millionen im Jahr davor. «Ich leite eines der ­erfolgreichsten Unternehmen und bin jeden Franken wert», rechtfertigte sich Tanner lächelnd vor der Kamera. Bei David Roth, dem forschen Chef der Jungsozialisten, kommen solche Auftritte nicht gut an: «Kein Mensch kann so viel mal mehr leisten. Solche Abzockereien hat das Volk satt» (siehe Interview).

Ernst Tanner, CEO Lindt & Sprüngli

Salär 2012: 6,9 Millionen Franken; Tanner verdient 230-mal so viel wie der Lindt-&-Sprüngli-Mitarbeiter mit dem tiefsten Lohn. «Ich erhalte seit über zehn Jahren das gleiche Salär. Die hohe Entschädigung ergibt sich aus der Wertsteigerung der Aktien.»
Foto: René Ruis/Keystone

Carl Elsener, CEO Victorinox

«Als Chef trage ich sicher eine höhere Verantwortung. Das rechtfertigt aber keine ungesunde Übertreibung.» Victorinox kommuniziert nur das ­Verhältnis, nicht den genauen Lohn.
Foto: Franca Pedrazzetti/Keystone

Preisbereinigtes Wachstum der Löhne nach Lohnklassen seit 1994. 1994 = 100% 

Anteil des obersten Prozents der Einkommen am Gesamteinkommen (in Prozent)

Ob Gewinn, ob Verlust: Bonus

Am 24. November wird sich zeigen, ob der 28-jährige SP-Vize mit seiner Einschätzung richtigliegt. Dann entscheidet das Volk über die von den ­Jusos lancierte 1 : 12-Initiative. Diese verlangt, dass der Unterschied zwischen dem tiefsten und dem höchsten Lohn das Zwölf­fache nicht übersteigen darf.

Tanner versteht sich keineswegs als Abzocker: «Ich erhalte seit zehn Jahren das gleiche Salär, den gleichen Bonus und dieselbe Anzahl Aktien.» Der Unterschied in der Bewertung resultiere lediglich aus dem Kurs der Aktien. Und der ist steil nach oben gegangen. Bei Tanners Amtsantritt 1993 lag der Wert einer Aktie bei 2800 Franken. Heute wird sie zu einem Kurs von rund 41'200 Franken gehandelt. «Davon habe nicht nur ich profitiert, sondern auch die Aktionäre und die weltweit über 8000 Mitarbeiter», so Tanner.

Doch längst nicht immer lassen sich ­exorbitante Managerbezüge mit dem erzielten Unternehmenserfolg begründen. Bestes Beispiel ist die UBS. Die Bank schüttete Managerboni in der Höhe von 2,5 Milliarden Franken aus – bei einem Verlust von ebenfalls 2,5 Milliarden.

Dass es keinen Zusammenhang zwischen Unternehmenserfolg und Entschädigungen für Firmenkader gibt, bestätigt eine Studie der Uni Zürich. Ökonomen haben die Entschädigungen von 44 börsenkotierten Schweizer Konzernen analysiert, von ABB bis Zurich. Fazit: Die ­Höhe der Vergütung lässt sich nicht mit Umsatz oder Gewinn erklären. Vielmehr sind sie von anderen, erfolgsfremden Faktoren abhängig, etwa von der Grösse der Firma. Die Wissenschaftler empfehlen, in wirtschaftlich schwachen Jahren «trotz dem enormen internationalen Druck» von Bo­nus­zahlungen abzusehen.

Völlig auf Boni verzichtet die Alternative Bank Schweiz (ABS). «Wir richten unsere Löhne an den Aufgaben aus, die eine Person zu erfüllen hat, nicht an der Person selbst. Das ist gerechter. Dennoch finden wir hochqualifizierte Mitarbeiter auf allen Stufen, auch im Kader», sagt Direktor Martin Rohner.

Rund 11'000 Grossverdiener

Doch Guido Schilling ist alarmiert. Der Zürcher Head­hunter rekrutiert Topkader für Firmen in der Schweiz. Deren Salärforderungen sind happig: Viele Führungskräfte verdienen über eine Million Franken im Jahr, etwa die Hälfte kommt aus dem Ausland. «Wir ­werden uns weltweit aus dem Wettbewerb um Topmanager katapultieren, sollte die 1 : 12-Initiative angenommen werden.»

In Standortranglisten belegt die Schweiz zwar regelmässig noch Spitzenplätze. Imposante Berge, saubere Seen, tiefe Steuern machen das Land attraktiv. Davon profitieren Firmen auch bei der ­Suche nach ausländischen Kadern. Würden diese also auch für weniger Geld hier arbeiten? «Eine schöne Umgebung ist ­sicher nett, macht radikale Einkommensbeschränkungen aber nicht wett», sagt Headhunter Schilling. «Spitzenmanager sind ja nicht zum Vergnügen in der Schweiz. Sie arbeiten zwölf und mehr Stunden am Tag und sitzen 40 Prozent der Zeit im Flugzeug. Nach ein paar Jahren wechseln sie die ­Stelle und damit vielleicht auch das Land.»

Rund 11'000 Grossverdiener mit einem Salär von einer halben Million und mehr leben in der Schweiz. Das weckt Begehrlichkeiten. «Nehmt den Reichen das Geld weg»: Mit diesem Motto tourte SP-Nationalrat und Ex-Juso-Chef Cédric Wermuth für die 1 : 12-Initiative durchs Land. Dass Linke mehr von den Reichen wollen, überrascht nicht. Die Verteilungsfrage ist der politische Klassiker. Nur wurde er bisher über die Steuerpolitik gespielt: Steuerprogression, gegen Pauschalbesteuerungen, das Wiedereinführen der Erbschaftssteuer.

Severin Schwan, CEO Roche

Der Österreicher verdiente 2012 über 12,5 Millionen Franken in Basel. Damit sei er zufrieden – obwohl sein Konkurrent Joseph Jimenez mehr kassierte.
Foto: PD

Brady Dougan, CEO Credit Suisse

2012 verdiente der Amerikaner 7,8 Mil­lionen Franken. Seit er das Steuer der Bank 2007 übernommen hat, ist der Aktienkurs um 72 Prozent gefallen.
Foto: Arnd Wiegmann/Reuters

Verhältnis der Löhne des bestverdienenden Zehntels zu denen des am wenigsten verdienenden Zehntels, in %

Lesebeispiel: In Schweden verdienen die obersten 10% mindestens das 2,23-Fache von dem, was die untersten 10% maximal verdienen.

Paul Bulcke, CEO Nestlé

Der Belgier arbeitet seit 34 Jahren für Nestlé. 2012 wurde er mit 9,97 Millionen Franken in Form von Geld und Aktien ­entlöhnt.
Foto: PD

Martin Rohner, CEO Alternative Bank Schweiz

Salär 2012: 202'000 Franken. «Wir bezahlen prinzipiell keine Boni und finden trotzdem hochqualifizierte ­Mit­arbeiter. Unser Lohnsystem orientiert sich an den Aufgaben, die jemand zu erfüllen hat, nicht an den einzelnen Personen.»
Foto: Mara Truog

Kassenkampf auf neuer Bühne

Mit ihrer Initiative aber haben Jusos und Gewerkschaften eine neue Bühne eröffnet: Den Reichen soll nicht mehr abgeknöpft werden, sie sollen schlicht weniger erhalten. Das ist eine neue Qualität im Kassenkampf. Bisher stritt die Linke vor allem für Mindestlöhne.

Der Angriff auf die Spitzeneinkommen bringt Wirtschaftsliberale in eine Zwickmühle. Sonntagsreden für die freie Marktwirtschaft sind ohne Beigeschmack der Kumpanei mit zügellosen Managern kaum mehr möglich. Staatliche Eingriffe aber ausgerechnet in der Lohngestaltung zuzulassen wäre eine liberale Todsünde.

Der Ursprung des Dilemmas war ein simpler Zettel. Darauf hatte sich der Glarner Jungsozialist und Landrat Marco Kistler «1 : 10» notiert. Den Zettel legte er in eine Sammelkiste für Ideen. Vor fünf Jahren brachte der damals 23-Jährige den Vorschlag an einer Retraite ein. Die Idee gefiel. Aus Marketinggründen machten die Jusos daraus 1 : 12. Keiner solle in einem Monat mehr verdienen als andere in einem Jahr.

«Ein Gesetz, das den obersten Lohn beim Zwölffachen des untersten Lohns ­deckelt, würde dem Wirtschaftsstandort Schweiz enorm schaden», warnt der Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands, Hans-Ulrich Bigler. Je stärker der Arbeitsmarkt reguliert sei, umso stärker würden Wachstum und Entwicklung behindert. Das ­zeige der Blick auf ein Nachbarland. Der französische Arbeitsmarkt gelte als unflexibel, die Firmen zögerten deshalb sogar in Zeiten des Aufschwungs, Vollzeitstellen zu schaffen. «Resultat der Regulierung ist eine Arbeitslosenquote von zehn Prozent. Betroffen sind vor allem ältere Arbeitnehmer und Junge.»

Bigler rechnet bei Annahme der Initiative mit Steuerausfällen in Höhe von einer Milliarde Franken, weil die Einkommenssteuern der Spitzensaläre wegbrechen dürften. «Gerade die KMU-Wirtschaft und der Mittelstand müssten sich auf zusätz­liche Steuerbelastungen gefasst machen.»

Nicht nur beim Gewerbeverband stösst die Initiative auf Ablehnung. Bisher haben sich nur SP, Grüne und der Gewerkschaftsbund für ein Ja ausgesprochen. Bürger­liche Politiker und Ökonomen sind sich einig, dass die Annahme der Initiative ­negative Folgen hätte. Selbst Unternehmer, die vom neuen Gesetz nicht betroffen wären, lehnen die Initiative ab. Etwa Adrian Pfenniger, Chef der Trisa in Triengen LU.

Die Firma produziert im Surental mit 1100 Mitarbeitenden täglich mehr als eine Million Zahnbürsten. Die Trisa gilt selbst in Gewerkschaftskreisen als vorbildhaft, die Angestellten besitzen 30 Prozent der Aktien, das Lohnverhältnis beträgt 1 : 6. Trotzdem kann Pfenniger der 1 : 12-Regelung nichts abgewinnen: «Dank einer ­liberalen Wirtschaftsordnung hatte unser Land in der Vergangenheit Erfolg. Wir müssen auf der Hut sein, dass wir wegen weniger Übertreibungen nicht gleich unser erfolgreiches System durch noch mehr Staat, Kontrollen und Bürokratie torpedieren.» Die grosse Mehrheit der über 300'000 Firmen habe sehr vernünftige und nachhaltige Lohnsysteme.

Würden Firmen die Schweiz verlassen?

Zu ihnen zählt auch der Messerproduzent Victorinox. Wie bei der Trisa beträgt hier das Lohnverhältnis 1 : 6. «Der Erfolg jedes Unternehmens ist letztlich immer auch ­eine Teamleistung. Und für die braucht es alle Mit­arbeitenden», sagt Victorinox-Chef Carl Elsener. Als Chef trage er sicher eine höhere Verantwortung, das rechtfertige aber keine ungesunde Übertreibung beim Lohn. Doch auch Elsener wird die Initia­tive ablehnen. Exzessive Löhne und ­Boni ­seien zwar eine Gefahr für den Arbeitsfrieden in der Schweiz. 1 : 12 sei aber der falsche Weg. «Die Initiative ist eine Art Gegen­exzess zu ­exorbitanten Entschädigungen. Das bringt uns nicht weiter», sagt er. Vielmehr seien jetzt Aktionäre und Verwaltungsräte gefordert, vermessene Entschädigungen zu verhindern.

«Head-Office-Unternehmen ohne operative Tätigkeit werden wegziehen, wenn sie hier ihre Geschäftsleitungen nicht mehr besetzen können», sagt Headhunter Schilling. Andere könnten sich für Umgehungsstrategien entscheiden, etwa indem sie das Management in eine eigene Firma auslagerten, zum Beispiel mit einer Chefsekretärin mit 10'000 Franken Monatslohn als untere Grenze. Ob das rechtlich allerdings noch möglich sein wird, ist fraglich. Bereits mit der Annahme der Abzockerinitiative ist es gemäss Verfassung untersagt, die Führung eines Unternehmens in eine andere Firma auszulagern.

Schilling würde es nicht verstehen, wenn die prosperierende Schweiz ihre Stellung aufgeben würde für eine Regelung, die es sonst nirgends auf der Welt gibt. Die Reise gehe in eine andere Richtung. «Wir stellen fest, dass Verwaltungs­räte und Aktionäre viel umsichtiger mit Kompensationsfragen um­gehen.» So hätten Aktionäre von Julius Bär und Actelion ja kürzlich übertriebene Managerlöhne abgelehnt. Und kritische Aktionärsvertreter wie Ethos würden künftig an Be­deutung gewinnen, prophezeit Schilling.

Durchschnittliche Bonuszahlung im Verhältnis zum gesamten Lohn für das oberste Kader und die Beschäftigten ohne Kaderfunktion für ausgewählte Branchen im Jahr 2010

Joseph Jimenez, CEO Novartis

Der US-Amerikaner war ein Vertrauter von Daniel Vasella, seinem Vorgänger bei Novartis, und strich für das Jahr 2011 15,7 Millionen Franken ein.
Foto: PD

Sergio Ermotti, CEO UBS

Der ehemalige Investmentbanker bei Merrill Lynch ist seit 2011 bei der UBS. Im vergangenen Jahr zahlte ihm die UBS 8,9 Millionen Franken für seine Dienste.
Foto: PD

Beim Kader ist die Schweiz beliebt

Für die Gewerkschaften sind solche Selbstregulierungen pures Wunschdenken. Die Lohnschere erklären sie zu «einem der grössten wirt­schaft­s­poli­tischen Probleme der Schweiz». «Im Jahr 2011 lag das durchschnittliche Salär eines Direktors in einem der gros­sen Börsenkonzerne bei durchschnittlich 4,77 Millionen Franken. Normale Arbeitnehmende müssten dafür 66 Jahre arbeiten. Ab Mitte der neunziger Jahre explodierten die Direktorengehälter», schreibt der Gewerkschaftsbund in einer Analyse.

Ein Blick auf die Statistik relativiert den dramatischen Gewerkschaftsbericht. Zwar trifft es zu, dass die absoluten Spitzen­verdiener, deren Saläre im obersten Lohnprozent angesiedelt sind (durchschnitt­licher Monatslohn: 23'300 Franken), stark zulegen konnten. Ihre Löhne stiegen in den letzten 20 Jahren um einen Drittel. Bei den zahlenmässig viel bedeutenderen hohen Gehältern (durchschnitt­licher Monatslohn: 10'800 Franken) fiel der Anstieg mit 15 Prozent allerdings deutlich moderater aus.

Für den St. Galler Ökonomen Reto Föllmi hat der überproportionale Anstieg der hohen Löhne zwei Gründe: Globalisierung und technologischer Fortschritt. Immer mehr Firmen operierten international. Die Ansprüche an Mitarbeiter stiegen, was sich wiederum in höheren Löhnen bemerkbar mache. «Internetboom und mobile Kommunikation begünstigen Berufe mit hohem Ausbildungsstandard», sagt Föllmi. In den Firmen seien es beispielsweise Informatiker und Mathematiker, die für Produktivitätsgewinne sorgten. Deshalb würden sie auch besser entlöhnt.

Insgesamt sieht er die Schweiz nach wie vor als «Hort der stabilen Einkommens- und Vermögensverhältnisse». Sein Fazit: «Die richtige Ausbildung macht sich heute erst recht wieder bezahlt.»

Profitiert von der positiven Wirtschaftsentwicklung der letzten beiden Jahrzehnte haben auch tiefere Lohnklassen. Die mittleren (durchschnittlicher Monatslohn: 6000 Franken) mit sieben Prozent, die tiefen (durchschnittlicher Monatslohn: 3950 Franken) mit neun Prozent sogar etwas mehr. «In der Schweiz ist zwischen den ­tiefen und mittleren Löhnen keine Schere aufgegangen – im Gegensatz zu anderen Ländern», räumen selbst die Gewerkschaften ein. Internationale Studien bescheinigen der Schweiz denn auch eine hohe ­Verteilungsgerechtigkeit. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln sieht die Schweiz bei den OECD-Ländern im vorderen Drittel. Und die Bertelsmann-Stiftung platziert die Schweiz auf ihrem Index der Gerechtigkeit gleich hinter den skandinavischen Ländern und den Niederlanden.

Martin Senn, CEO Zurich

Augenmass behalten und auf dem Boden bleiben hält er laut Aussagen in Medien für besonders wichtig. 2012 kassierte er bei der Zurich 7,6 Millionen Franken.
Foto: Gaetan Bally/Keystone

Zum Ergebnis tragen die Steuerprogression und die Umverteilung der Sozialwerke entscheidend bei. Die einkommensstärksten zehn Prozent zahlen drei Viertel des Ertrags der direkten Bundessteuer. Die ­untere Hälfte trägt lediglich 2,5 Prozent bei – die einkommensschwächsten zehn Prozent zahlen 0,006 Prozent. Bei den Kantons- und Gemeindesteuern dürfte der Umverteilungseffekt aber geringer sein, weil die Steuerpflicht in den meisten Kantonen bei tieferer Einkommenshöhe einsetzt und die Progress­ion weniger steil ­verläuft. Die Sozialwerke sind ebenfalls ­eine riesige Umverteilungsmaschine: Der oberste Fünftel zahlt rund 70 Prozent aller Beiträge.

Die Besteuerung nach wirtschaftlicher Kraft ist ein in der Bundesverfassung verankertes Prinzip, das eine gerechte Finanzierung des Staatswesens ermöglichen soll.

Schwieriger ist es, in einer Firma für ausgewogene Saläre zu sorgen. Was ist überhaupt ein gerechter Lohn? «Man kann Gerechtigkeit auf zwei Arten definieren. Spannend daran ist, dass die beiden Arten nicht kompatibel sind», sagt Matthias Mölleney aus Uster ZH. Der Human-Resources-Experte verdeutlicht das mit einer Geschichte: Eines Morgens geht ein Mitarbeiter zum Personalchef und verlangt mehr Lohn. «Die Saläre in unserem Betrieb sind extrem unterschiedlich. Das ist unfair. Sorgen Sie für ein gerechteres Lohnsystem.» Am Nachmittag geht ein anderer Mitarbeiter zum Personalchef. Auch er will mehr. «Seit Jahren mache ich einen guten Job und verdiene gleich viel wie die anderen. Das ist unfair. Sorgen Sie für ein gerechteres Lohnsystem.»

«So stehen zwei Prinzipien im Widerstreit: ‹Jedem das Gleiche› und ‹Jedem das Seine›. Eine gute Lohnpolitik besteht da­rin, ein Gleichgewicht zwischen den Prinzipien herzustellen. Deshalb ist Lohnpolitik so schwierig», sagt Mölleney.

Studien zeigen, dass Arbeitnehmer nicht nur daran interessiert sind, wie stark die Löhne in der Firma variieren, sondern auch daran, wie diese zustande kommen – auch beim Kader. «Fast wichtiger als die Frage nach der Grösse des Kuchenstücks sind für die Zufriedenheit der Mitarbeitenden die Prinzipien, nach denen er verteilt wird», sagt die Ökonomin Antoinette Weibel. ­Dazu gehöre, dass für alle Mitarbeiter in vergleichbaren Situationen dasselbe Verfahren angewandt werde und der Chef unvoreingenommen entscheide. Ausserdem müsse der Mitarbeiter die Möglichkeit haben, sich zu wehren, wenn er mit seinem Lohn nicht einverstanden sei. «Es ist wie beim Gericht: Ein ungünstiger Urteilsspruch wird umso eher akzeptiert, je fairer das Verfahren empfunden wurde.»

Das grösste Interesse an einem fairen Lohnsystem haben die Firmen selber. Untersuchungen zeigen, dass über­gros­se Lohnspreizungen bei den Mitarbeitern zu Frustration führen. «Der Ärger entlädt sich oft dort, wo der Chef nicht so genau hinsehen kann», sagt Weibel. Die Mitarbeiter fangen etwa an, schlecht über das Unternehmen zu reden, kündigen innerlich – oder verlassen die Firma gleich ganz.

Veröffentlicht am 14. Mai 2013

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