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Ferien im Ausland vs. KlimaschutzFür viele zählt nur der Preis

Fernreisen sind oft günstiger als Ferien zu Hause oder in Europa. Deshalb jetten viele Schweizerinnen ohne Flugscham um die halbe Welt.

Im Jahr 2030 wird es in der Schweiz 80 Millionen Flugpassagierinnen geben, so die Prognose des Bundesamts für Zivilluftfahrt. Das sind fast 40 Prozent mehr als 2018.
Von Veröffentlicht am 06. Juni 2019

«Fliegst du noch oder schämst du dich schon?» – Die Demos der Jugendlichen in ganz Europa haben die klimaschädigende Fliegerei zum medialen Dauerbrenner gemacht. In Schweden, dem Ursprungsland der Proteste, wählen inzwischen mehr Leute den Zug an­stelle des Flugzeugs für Inlandreisen. Den Schwedinnen werde bewusst, wie schädlich die Fliegerei sei, so der Tenor in vielen Zeitungen.

Auch hierzulande bejubeln viele den «Greta-Effekt», benannt nach dem 16-jährigen Aushängeschild der Klimaproteste. Sind Wochenend-Trips der Generation Easyjet Easyjet Für 8.95 Franken von Berlin nach Basel?! und gedankenloses Kurzferienmachen auf Bali bald passé?

Die Zahl der Passagierinnen, die ihre Reise in ­Zürich beginnen, sei im April zurückgegangen, meldete der Flughafen. Das deuten viele als Hinweis, dass sich endlich etwas bewegt. Aussagen von Reisebüros zu einem verhaltenen Sommergeschäft werden ebenfalls als Indiz für mehr Flugscham gewertet.

In 20 Jahren doppelt so viele Passagiere wie heute

Es gibt aber auch andere Zahlen. Die Swiss verzeichnete im April 3,2 Prozent mehr Passagierinnen als im Vorjahr – das bereits ein Rekordjahr war. Auch über den Flughafen Zürich sind von Januar bis April 2019 jeden Monat mehr Passagierinnen geflogen als im Vorjahr, wenn man Umsteigereisende hinzuzählt.

2018 gab es in der Schweiz 57,6 Millionen Flugpassagierinnen. Im Jahr 2030 werden es bereits 80 Millionen sein, sagt das Bundesamt für Zivilluftfahrt voraus. Weltweit soll sich die Zahl bis im Jahr 2037 sogar auf 8,2 Milliarden verdoppeln. Wachstum findet vor allem in Asien statt. China will bis 2035 über 200 neue Flughäfen bauen.

Eine Woche Lugano kostet 832 Franken mehr als eine Woche Hurghada

Selbst wenn Flugscham und Klimademos Erwachen einer Generation So hat die Klimajugend die Politik verändert die Lust auf Flugreisen mindern sollten und einige diesen Sommer mit dem Zug in die Ferien fahren, wird der Anreiz zum Abheben stark bleiben. Denn Airlines bieten Tiefstpreise, mit denen eine Zug- oder Autofahrt meist nicht mithalten kann. «Flugtickets sind objektiv gesehen viel zu billig, weil die Allgemeinheit die Klima- und Folgekosten trägt. Ein korrekter Preis müsste diese Kosten mitberücksichtigen», sagt Patrick Hofstetter, Klimaexperte beim WWF.

Hinzu kommt, dass neben der Anreise auch der Aufenthalt in Ferndestinationen oft massiv günstiger ist als Ferien in Europa. Das zeigt eine Auswertung der auf Ökobilanzen spezialisierten Firma ESU-Services, exklusiv für den Beobachter. Sie zeigt, was eine Auswahl von Reisen in den Sommerferien Ferien So finden Sie das beste Angebot kostet und welcher CO2-Ausstoss Mobilität Ist dieses Wachstum noch zu bewältigen? damit verbunden ist. (siehe Infografik)

Fernreisen mit dem Flugzeug sind demnach oft gleich teuer oder sogar günstiger als Ferien in der Schweiz oder im nahen europäischen Ausland – aber deutlich schädlicher für die Umwelt. Eine einwöchige Reise für zwei Personen nach Ägypten kostete bei der Stichprobe 1545 Franken – Transfer, Übernachtung und Verpflegung inklusive. Für eine vergleichbare Reise ins Tessin zahlt man 2377 Franken – 832 Franken mehr. Dafür ist der CO2-Ausstoss bei der Ägyptenreise um ein Vielfaches höher: 5,6 Tonnen kommen für den Badeort Hurghada zusammen, 0,7 Tonnen für die Reise ins Tessin. Jeder Franken, der für die Reise nach Ägypten ausgegeben wird, erzeugt 3,6 Kilo CO2; jeder Franken fürs Tessin 0,3 Kilo.

«Preise für Fernreisen sind meist sehr attraktiv und dürften für viele entscheidender sein als Umweltüberlegungen», sagt Tourismusexperte Urs Wagenseil von der Hochschule Luzern. Die meisten hätten ein begrenztes Budget für ihre Ferien. «Wir haben vier bis sechs Wochen Ferien im Jahr. Für viele sind sie gleichbedeutend mit einem Ausbruch aus dem Alltag. Man will weg, braucht eine Luft­veränderung. Nur ins Nachbardorf zu fahren, reicht vielen nicht.» ­Wagenseil bestätigt die Erkenntnis aus der Stichprobe des Beobachters: Ferien im Inland sind oft teurer als ein Trip in die Ferne.

Infografik-Teaser: Wie wir das Klima schädigen

Man hat sich an die tiefen Flugpreise gewöhnt

Wer nur aufs Geld schaut, wird die Umwelt besonders stark belasten. Auf langen Strecken sind Flugreisen mit Umsteigestopps meist günstiger als Direktflüge. «Die Start- und Aufstiegsphase fällt beim Flug besonders stark ins Gewicht», sagt Christoph Meili von ESU-Services. Am klimaschädlichsten sei es darum, längere Distanzen mit mehreren Flügen zurückzulegen. Über die tiefen Preise solcher Gabelflüge würden sogar Bedürfnisse geschaffen. Sprich: Auch wer nicht unbedingt fliegen möchte, wähle ­wegen des tiefen Preises diese Variante. Das Flugverhalten Umfrage FDP-Wähler fliegen am häufigsten zu ändern, ist schwierig. Durch die tiefen Preise hätten sich viele daran gewöhnt, mehrmals im Jahr zu fliegen, sagt Tourismusfachmann Christian Laesser von der Universität St. Gallen.

Dass Fliegen so billig ist, hat mehrere Gründe: Zum einen ist der Markt seit den achtziger Jahren in den USA und seit den neunziger Jahren in Europa liberalisiert worden. Das Angebot an Verbindungen und Flugzeugen ist explodiert – auch wegen Billig-Airlines, die Preisdruck auf die etablierten Fluglinien ausüben. Insgesamt sind die Passagierzahlen erheblich gestiegen, die Preise gesunken.

Hinzu kommt, dass die Flugbranche steuerlich massiv begünstigt wird. Airlines zahlen keine Steuern auf Kerosin, und internationale Flüge sind von der Mehrwertsteuer befreit. Wenn sich das änderte, würden auch die Preise steigen. Die Sendung «Kassensturz» berechnete, dass ein Flug nach New York und zurück – inklusive Mehrwertsteuer, Kero­sinsteuer und CO2-Abgabe – CHF 1228.90 kosten würde statt CHF 585.50.

Zögerliche Politik

Dass nach wie vor keine Steuer­ auf Kerosin erhoben wird, liegt am Chicagoer Abkommen, das 1944 von 52 Staaten unterzeichnet wurde. Es verbietet eine Kerosin­steuer Klimakiller Flugzeug Wieso es keine Kerosinsteuer gibt . Weltweit halten Länder an dem völkerrechtlichen Relikt fest. Auch die Schweiz will eine Kerosinsteuer nicht im Alleingang erheben. Sie tut es nur auf Inlandflüge – das betrifft aber lediglich 4,2 Prozent des Flugtreibstoffs. Die Politik ist mit Forderungen nach einer Ausweitung auf alle Flüge zurück­haltend. Denn wer eine Verteuerung des Flugverkehrs fordert, macht sich unbeliebt und ­kassiert den Vorwurf, Fliegen zum Privileg für Reiche zu machen.

Im Parlament wird immerhin eine CO2-Abgabe auf Flugtickets diskutiert. Der Nationalrat lehnte sie im Dezember noch ab. Damals ging es um Beträge zwischen 12 und 50 Franken, die für jedes Ticket zusätzlich gezahlt werden müssten.

Inzwischen sind die Chancen gestiegen, dass die Abgabe doch noch kommt. Im Bundesrat hat der Wind gedreht. SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga sagte im Mai zur «Sonntagszeitung»: «Will das Parlament eine solche Abgabe im Rahmen des CO2-Gesetzes Klimaschutz CO2 reduzieren – in der Schweiz oder im Ausland? einführen, wird der Bundesrat diese Arbeit wohlwollend begleiten.» Die Regierung sei zum Schluss gekommen, dass eine «klug ausgestaltete Flugticket­abgabe zum Klimaschutz beitragen kann».

Zuvor hatte der Bundesrat mehrere entsprechende Vorstösse abgelehnt. Das Dossier liegt nun beim Ständerat und bei der vorberatenden Kommission. Entscheidend wird sein, wie sich die bürgerlichen Parteien zur Klimapolitik ­positionieren.

Europäische Lösung gefordert

Es ist umstritten, wie sinnvoll zusätzliche Steuern und Abgaben sind – und wie hoch sie sein müssten, um das Flugverhalten zu ändern. Eine geleakte Studie im Auftrag der EU-Kommission zeigte, dass eine europäische Steuer auf Flugbenzin die Tickets im Schnitt um 10 Prozent verteuern würde. Die Nachfrage der Passagiere könnte so um 11 Prozent, der CO2-Ausstoss ­ebenfalls um 11 Prozent gesenkt werden.

Doch reicht es, einfach die Preise zu erhöhen, um Schweizerinnen von Flugreisen abzuhalten? Manche Fachleute bezweifeln das. «Schöne Gewohnheiten und die Erfüllung von Sehnsüchten gibt man nicht so schnell auf», sagt etwa Tourismus­fachmann Urs Wagenseil. Neben dem Preis spielten auch Zeit und Bequemlichkeit eine Rolle. «Reisen mit dem Flugzeug Flugreisen Das gilt beim Fliegen werden immer angenehmer. Mehr Reiseziele, mehr Direktflüge, dichtere Flugpläne locken uns.»

Christian Laesser von der HSG ist ebenfalls skeptisch: «Die Leute interpretieren das Fliegen schon fast als demokratisches Grundrecht. Steigen die Preise, würden sie vermutlich anderswo sparen.» Hinzu komme, dass Flugtickets trotz Kerosinsteuer, Mehrwertsteuer und Flugticket­abgabe immer noch relativ günstig blieben.

Airline tricksen mit den Zusatzkosten

Aviatikdozent Andreas Wittmer verweist auf einen weiteren Aspekt: die Werbung. Bereits heute seien die Preise gar nicht so tief, wie viele meinten. Viele fielen auf klassische Lockvogel­angebote herein. «Kunden sehen auf Plakaten Spottpreise – am Ende zahlen sie bei der Buchung aber mehr Flugbuchung Wann sind Flugpreise verbindlich?

Die beworbenen Angebote seien begrenzt und schnell nicht mehr zu diesem Preis buchbar, oder beim Buchungsvorgang, beim Check-in oder während des Flugs fielen dann weitere Kosten an. Dieser psycho­logische Effekt werde weiter bestehen, auch wenn neue Abgaben erhoben würden. Die Airlines könnten diese zusätzlichen Kosten an die Kundinnen weitergeben und dennoch sehr günstige Tickets vorgaukeln. Die Kundin weiss davon nichts – und zahlt bei der effektiven ­Buchung wieder mehr.

Das vielleicht grösste Problem aber sehen Fachleute in der internationalen Konkurrenz: Wenn nur Inlandflüge höher besteuert würden, wichen Passagierinnen wohl auf angrenzende Flughäfen im Ausland aus. Tessinerinnen könnten ab Mailand fliegen, Ostschweizerinnen ab München. Und der Euro-Airport in Basel liegt ohnehin auf französischem Staatsgebiet – ob und wie er von einer neuen schweizerischen Regelung betroffen wäre, ist unklar.

Für Aviatikfachmann Wittmer ist daher sicher: Damit wir weniger fliegen, braucht es eine gesamteuropäische oder globale Lösung. Denkbar wären europaweite Mindestgebühren. Alle Reisenden würden dann eine fixe Abgabe auf ihr Ticket zahlen – unabhängig vom bezahlten Flugpreis. Für diese Option setzen sich die Niederlande ein. Einige EU-Länder kennen bereits eine nationale Flug­ticketabgabe. Sie hat aber gemäss Wittmer wenig Wirkung gezeigt.

Zugstrecken verbessern

Tourismusexperte ­Laesser sieht noch eine andere Möglichkeit: ­bessere Alternativen. «In China wählen bereits viele Reisende Highspeed-Züge. Denn die teuerste Klasse im Zug kostet etwa gleich viel wie das billigste Flugticket, und die Reise dauert oft nicht länger.» In Europa gebe es nur regional vergleichbare Highspeed-Netze. In Spanien ­seien Reisende auf gewissen Strecken nur noch mit dem Zug unterwegs. Und auch auf vielen Strecken in Frankreich fliege kaum mehr jemand – der Zug sei schneller. In den meisten Ländern fehlten aber noch entsprechend schnelle Verbindungen.

Die scheitern oft daran, dass Bahnlinien nach Rentabilitätskriterien ausgebaut werden. «In China geht die Regierung beim Bau neuer Linien radikaler vor und investiert deutlich mehr.»

Das wäre auch in Europa nötig, um die Leute für Kurz- und Mittelstrecken auf die Schiene zu bringen. Auf Langstrecken könnten die umweltbelastenden Umsteigeverbindungen durch einen Mix aus Zug und Flug ersetzt werden. Statt in Frankfurt auf einen Langstreckenflug umzusteigen, könnte der Flug von Zürich nach Frankfurt durch einen schnellen Zug ersetzt werden.

Bis sich die Politik in diese Richtung bewegt oder Airlines und Bahnen selber bessere Lösungen anbieten, dürfte es dauern. Die einfachste Lösung, schnell etwas fürs Klima zu tun, bleibt bis dann der schwedische Ansatz: der freiwillige Verzicht aufs Fliegen Klimawandel Warum handeln wir nicht? .

Infografik: So viele Kilogramm Treibhausgase werden je nach Reise pro Franken ausgestossen
Quelle: ESU 2019 / Jungbluth & Meili 2019 / Keller u.a. 2014 / VSE – Infografik: Anne Seeger
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Veröffentlicht am 04. Juni 2019