Die erste Meldung über die Seuche, die Ruedi Lüthys Leben völlig verändern sollte, kam kurz vor Sommerbeginn fast 40 Jahre vor Corona. Die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC veröffentlichte eine ungewöhnliche Beobachtung: Bei fünf jungen homosexuellen Männern in Los Angeles war eine seltene Form einer tödlichen Lungenentzündung aufgetreten. Sie stellte die Mediziner vor ein Rätsel.

«Es war schnell klar, dass da etwas war, was wir noch nicht kannten», sagt Infektiologie-Professor Ruedi Lüthy rückblickend. Kurz darauf wurde auch das Unispital Zürich mit der Krankheit konfrontiert. «Wir wussten, sie betraf Lunge, Darm, Hirn, aber wir hatten die grösste Mühe, eine Diagnose zu stellen.» Die meisten Patienten waren jünger als Lüthy, damals 40, Leiter der Infektiologie-Abteilung. «Die Hoffnungslosigkeit hat mich erschüttert.»

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Es war der 5. Juni 1981. Europa war scheinbar unüberwindbar in West und Ost geteilt und US-Präsident Ronald Reagan kaum ein halbes Jahr im Amt. Lady Di und Prinz Charles heirateten. Und in der Schweiz flackerten ein Jahr nach den Opernhauskrawallen immer wieder Demonstrationen vor dem Autonomen Jugendzentrum Zürich (AJZ) auf. Die Botschaft: «Züri brännt».

Ruedi Lüthy im Gespräch mit einer Mutter in der Newlands Clinic in Simbabwe.

Sieht sich den Menschen in Not verpflichtet: Der 80-jährige Infektiologe Ruedi Lüthy.

Quelle: Ruedi Lüthy Foundation

Mitten in diesen Sommer hinein platzte diese neue Krankheit, die als Aids bekannt wurde und bis heute über 32 Millionen Menschenleben forderte. In erster Linie waren junge Männer betroffen, aus Subkulturen in Los Angeles, New York, aber auch aus dem für Homosexuelle als liberal geltenden Zürich.

Was kam hier auf die Welt zu? Den pragmatischen Mediziner Lüthy, der noch in seiner Antrittsvorlesung auf die baldige Eliminierung von Infektionskrankheiten gehofft hatte, traf es wie ein Schlag. «Wir waren konfrontiert mit einem exquisit raren Tumor, dem sogenannten Kaposi-Syndrom, einem Tumor, den man fast nie bei jungen Leuten sah. Und wir hatten kein Rezept, die Krankheit aufzuhalten.»

«Hilflos zusehen»

Erst zwei, drei Jahre später erkannte man, dass ein Virus die Immunabwehr der Betroffenen ausser Gefecht setzte und sich offenbar via Geschlechtsverkehr und über Blutaustausch verbreitete. Besonders betroffen: Homosexuelle und Heroinabhängige. Schnell begann man, mit dem Finger zu zeigen und die Seuche als Quittung für einen unsittlichen Lebenswandel zu deuten. «Die Opfer bekamen ein Brandmal», erinnert sich Lüthy, «und wir konnten nur hilflos zusehen, wie sie unglaublich schnell körperlich zerfielen und schliesslich starben.»

Für einen Mann wie Lüthy, einen Macher, überzeugt davon, dass sich mit Einsatz und Ehrlichkeit fast alle Probleme lösen lassen, war es eine «Zeit von Frustrationen und Trauer». Er sei in eine dunkle Phase geraten, rutschte in eine Depression, räumt er heute ein.

Nach 15 Jahren kam die Wende

Seine Aufgabe als Mediziner sah Ruedi Lüthy darin, alles zu geben, um gegen diese Krankheit anzukämpfen. Weil Aids zur damaligen Zeit einem Todesurteil gleichkam, konnte er den Menschen zwar keine Hoffnung auf Heilung geben. Aber er setzte sich zum Ziel, die Patienten in der schwierigen Zeit des Abschieds wenigstens zu begleiten. Ende der Achtzigerjahre gründete er zusammen mit dem damaligen Pfarrer Heiko Sobel das Lighthouse in Zürich, ein Pflegeheim für Aidskranke in der letzten Lebensphase.

1996 kam die Wende im Kampf gegen Aids. Eine Dreierkombination von Medikamenten eröffnete Aidspatienten die Aussicht, ein weitgehend normales Leben führen zu können. «Die Tatsache, dass sich eine einst tödlich scheinende Krankheit in ein chronisches Leiden verwandelt hatte, war ein einschneidendes Erlebnis.» Lüthy musste nicht mehr Sterbebegleiter sein, er konnte wieder Leben retten.

Um das Jahr 2000 kamen die ersten Generika auf den Markt, die eine Aidstherapie auch für das stark betroffene Afrika erschwinglich werden liessen. Nach einem Ärztekongress im südafrikanischen Durban stand für Lüthy fest: Er würde sich vorzeitig pensionieren lassen und vor Ort in Afrika helfen.

Die Newlands Clinic in Harare, Simbabwe.

Ruedi Lüthys Newlands Clinic in Harare: Weil es keine Generika für Kinder gab, zermahlten sie anfänglich Pillen, die für Erwachsene bestimmt waren.

Quelle: Ruedi Lüthy Foundation

7000 Behandelte pro Jahr

Zusammen mit seiner Frau Rosy, einer ehemaligen Pflegefachfrau, gründete der damals 62-Jährige in Harare in Simbabwe die Newlands Clinic. Anfangs war es nur ein kleines Haus. «Ein paar Zimmer, Brünneli, Pult, zwei Stühle, ein kleines Labor, eine kleine Apotheke. Fertig», so Lüthy.

Heute, 18 Jahre später, gibt es auch in Afrika, wo die Zahlen lange nur aufwärts zeigten, Hoffnung. Mehr als 7000 Menschen behandeln Lüthy und sein 75-köpfiges Team jedes Jahr in ihrer Klinik, die mit privaten Spendengeldern und mit Bundesbeiträgen der Direktion Entwicklung und Zusammenarbeit finanziert wird. Tausende Fachleute wurden in mehrwöchigen Kursen ausgebildet. Der Kampf gegen Aids dauert an – aber die Aufgabe ist lösbar geworden.

Dank Menschen, die alles dafür taten und keinen Einsatz scheuten, dank Medizinern wie Ruedi Lüthy, einem Pionier in der Entwicklung wirksamer Hilfe für Aidspatienten. Für sein Werk wurde der Infektiologe mehrfach ausgezeichnet. Unter anderem mit dem Schweizerischen Menschenrechtspreis und mir Ehrendoktortiteln der Universitäten Bern und Basel.

Doch Lüthy sieht sich deswegen nicht als besseren Menschen. «Was täglich unter schwierigsten Umständen läuft, das ist die Leistung des Teams», relativierte er seinen Beitrag kürzlich in einem Interview. Eine Ehrendoktorwürde sei zwar eine grosse Ehre, aber «lobende Worte brauche ich nicht». Lüthy ist ein Mensch, der das Leben als Aufgabe sieht, seine Fähigkeiten in einen grösseren Dienst zu stellen als nur in die Optimierung des eigenen Lebensentwurfs. Er sei ein «unglaublich bescheidener Mensch, der keinerlei Eitelkeiten kennt», sagt seine Tochter Sabine, die heute die Ruedi Lüthy Foundation leitet. Ihr Vater sei «sehr streng und protestantisch korrekt» erzogen worden. Der Vater war Pöstler, die Mutter wuchs auf einem Bauernhof im Kanton Aargau auf.

Arzt Ruedi Lüthy zeigt Fachleuten in Simbabwe, worauf sie bei der Behandlung achten müssen.

Kampf gegen Aids: Ruedi Lüthy und sein Team bildeten Tausende Fachleute aus.

Quelle: Ruedi Lüthy Foundation

«Ziviler Ungehorsam» zu Gunsten der Kinder

Ruedi Lüthy war das jüngste von vier Kindern. Dazu übernahmen seine Eltern die Verantwortung für zwei Pflegekinder. Die Lebensverhältnisse waren bescheiden und erlaubten keine Extravaganzen. «Brot ass man auch noch, wenn es hart war», sagt Sabine Lüthy. Diese bodenständige Einstellung, die Werte, die ihm seine Eltern mitgaben, hätten ihn geprägt. «Mein Vater war als Heranwachsender in einem Gehorsamskanal, immer korrekt und hilfsbereit, mit einem klaren Kompass für Gerechtigkeit und Ethik», sagt seine Tochter.

Doch wie immer, wenn Menschen sich grossen Zielen verschreiben, gehört ein aussergewöhnliches Mass an Kraft und Bestimmung dazu, sich auch gegen Widerstände durchzusetzen. Der Aufbau der Aidshilfe in Harare war Knochenarbeit, sagt Ruedi Lüthy. Denn seine Idee, in Simbabwe nicht zuerst Ärzte, sondern dringend benötigtes Pflegepersonal auszubilden, kam erst nicht gut an beim Gesundheitsministerium.

«Man muss wohl etwas verrückt sein, um an einem der kompliziertesten Orte der Erde eine Aidsklinik aufzubauen.»

Marcel Stutz, früherer Schweizer Botschafter in Simbabwe

Als sie kurz nach dem Start feststellen mussten, dass sie zwar Erwachsenen helfen konnten, aber von HIV betroffenen Kindern nicht, weil es keine günstigen Generika für Kinder gab, mussten Lüthy und sein Team auf «zivilen Ungehorsam» setzen. «Wir zermahlten Erwachsenenmedikamente für kindergerechte Dosierungen.» Ruedi Lüthys Frau Rosy stellte das Pulver mit Mörsern der Armeeapotheke aus der Schweiz her und füllte es in Kapseln ab. Die örtliche Arzneimittelkommission kritisierte das Vorgehen als illegal. Doch Lüthy setzte sich durch.

Beim Ministerium unbeliebt

Das fremde Land und die komplett andere Lebenseinstellung der Leute in Simbabwe erforderten jemanden, der an Widerständen wächst und niemals resigniert. «Ich denke, Ruedi Lüthy ist auch ein wenig verrückt», sagt Marcel Stutz, ehemaliger Schweizer Botschafter in Simbabwe. «Aber man muss wohl ein bisschen verrückt sein, um ausgerechnet an einem der kompliziertesten Orte der Erde eine HIV-Klinik aufzubauen.»

Eine Mitarbeiterin – heute Klinikmanagerin – eröffnete Lüthy schon nach drei Monaten, sie halte es nicht länger aus, mit ihm zusammenzuarbeiten. Und der Leiter Ausbildung und Forschung erinnert sich in einem Videobeitrag: «Er war im Gesundheitsministerium kein beliebter Mann. Alle waren erleichtert, wenn er bei Sitzungen nicht dabei war.»

Wanduhren aus der Schweiz wollte niemand

Offenbar, schmunzelt Lüthy heute, sei er mit einer so afrikafremden Haltung aufgetreten, dass das nicht goutiert wurde. «Für mich war acht Uhr acht Uhr – und nicht irgendwann.» Für ein effektiveres Zeitmanagement brachte er zwei Wanduhren aus der Schweiz mit. «Das haben sie mir dann ausgeredet.» Auch ohne Wanduhr läuft der Betrieb heute effizient und strukturiert.

Lüthys Plan, elektronische Patientendossiers einzuführen, entwickelte sich zu einer Geduldsprobe. Denn niemand war für diese Arbeit ausgebildet. Lüthys Sohn Philipp, ein EDV-Spezialist, sprang ein und übernahm die Schulung der Mitarbeitenden. Doch nach vier Jahren musste er zurück in die Schweiz. «Er bekam keine Aufenthaltsbewilligung», berichtet Lüthy nüchtern.

Ruedi und seine Tochter Sabine Lüthy.

«Mein Vater ist immer korrekt und hilfsbereit, mit einem klaren Kompass für Gerechtigkeit und Ethik»: Sabine Lüthy, Geschäftsleiterin der Ruedi Lüthy Foundation.

Quelle: Ruedi Lüthy Foundation

Menschen in Not verpflichtet

Heute ist Lüthys Newlands Clinic ein Vorzeigeprojekt. Ihr Chef wird nicht nur respektiert, sondern geliebt, wie aus zahlreichen Berichten der Mitarbeitenden hervorgeht. Er sei «eine Vaterfigur», einer mit einem «grossen Herz für die Armen», «eine grosse Inspiration für uns alle». Die Leitung der Klinik hat Ruedi Lüthy vor einiger Zeit abgegeben, auch wenn ihm – wie allen Machern – das Loslassen, der Umgang mit der Vergänglichkeit, lange schwerfiel. Aber wenn er, wie jedes Jahr, für ein paar Monate nach Simbabwe reist, lege sich seine Unrast. «Ich war vielleicht noch nie in meinem Leben so zufrieden wie heute, wo ich sehe, wie gut das läuft ohne mich.»

Der Beitrag, den seine Klinik in Afrika leistet, sei zwar nur ein «Tropfen auf einen heissen Stein». Aber: «Für all jene, denen wir helfen konnten, hat es sich gelohnt. Wir haben aus Respekt vor dem Leben eine Verpflichtung für andere Menschen, die in Not sind.»

Für Lüthys Lebenswerk zeichnet die Redaktion des Beobachters den grossen Aidspionier mit dem Prix Courage Lifetime Award 2021 aus.

Prix Courage 2021 – Die Nominierten im Porträt

 

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Die Gewinnerin des diesjährigen Prix Courage wurde am Freitag, 29. Oktober 2021 bekanntgegeben: Cindy Kronenberg

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