Beobachter: Tobias Straumann, die Inflation ist zurück. Wie ist es dazu gekommen?
Tobias Straumann: Die wichtigste Ursache ist die Corona-Pandemie. Viele Länder, vor allem die USA, haben sehr grosszügige Hilfspakete geschnürt. Die Leute hatten dadurch mehr Geld zur Verfügung als vor der Krise und haben es auch ausgegeben. Auch Firmen haben mehr Güter nachgefragt, weil sie ihre Lagerbestände massiv ausgebaut haben. Gleichzeitig ist es wegen der Quarantänepolitik in China und des Krieges in der Ukraine immer wieder zu Lieferproblemen gekommen. Mit anderen Worten: Eine besonders starke Nachfrage ist letztes Jahr auf ein besonders knappes Angebot gestossen. Das führt automatisch zu Preissteigerungen.

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Die Art und Weise, wie die Inflation gemessen wird, stösst immer wieder auf Kritik. So wird etwa moniert, dass die Krankenkassenprämien nicht Teil des Warenkorbs sind. Bildet die Inflationsrate überhaupt die reale Situation ab?
Ich denke schon. Krankenkassenprämien sind Abgaben, nicht Preise. Insofern ist es richtig, dass sie nicht im Warenkorb enthalten sind, der die Veränderung der Preise abbildet. Wir müssen auch sehen: Die Inflationsrate soll vor allem Informationen für die Nationalbank liefern. Sie hat den Auftrag, mittels der Zinsraten und der Regulierung der Geldmenge die Preise stabil zu halten.


Inflation bedeutet realen Kaufkraftverlust. Mit anderen Worten: Für gleich viel Lohn kann ich mir weniger kaufen. Ist das gefährlich für die Volkswirtschaft?
Auf jeden Fall. Wenn alles immer teurer wird, wird weniger eingekauft. Das wirkt sich negativ auf das Gesamtwachstum der Wirtschaft aus. Bereits bei einem gesamtwirtschaftlichen Wachstum von unter ein Prozent sind Arbeitsplätze gefährdet. Der Kaufkraftverlust ist aber primär auf individueller Ebene schmerzhaft. Inflation ist wie eine unsichtbare Steuer.


Trifft Inflation alle Einkommensschichten gleich?
Grundsätzlich ja. Die Auswirkungen sind aber für Einkommensschwächere viel spürbarer, da viele keine finanziellen Reserven haben. Vor allem wer aufs Auto angewiesen ist und knapp bei Kasse ist, muss den Gürtel enger schnallen. Aber auch die gestiegenen Heizöl- und Gaspreise Gemeinden erhöhen Preise Wie stark darf der Preis für Gas steigen? verursachen deutliche Einbussen im Budget.

«Die Inflation sollte durch Lohnerhöhungen in der Grössenordnung zwischen zwei und drei Prozent ausgeglichen werden.»

Tobias Straumann, Wirtschaftshistoriker, Universität Zürich

Was muss jetzt getan werden?
In der Schweiz finden im Herbst die Lohnverhandlungen statt. Ich denke, die Inflation sollte voll ausgeglichen werden. Das bedeutet Lohnerhöhungen in der Grössenordnung zwischen zwei und drei Prozent. Der Wirtschaft geht es gut, die Auftragsbücher der Unternehmen sind gefüllt, wir haben fast Vollbeschäftigung. Es gibt keinen Grund, vom Ausgleich der Teuerung abzusehen.


Sollen einkommensschwache Haushalte zusätzlich vom Staat Unterstützung erhalten?
Das kann man sich durchaus vorstellen. Wichtig aber ist, dass dabei auf das Giesskannenprinzip verzichtet wird. Denn solche flächendeckenden Massnahmen sind extrem teuer und kommen doch nicht dort an, wo finanzielle Hilfe am stärksten gebraucht wird. Die Unterstützung sollte individuell nach Abklärung der effektiven Bedürftigkeit erfolgen. Das ist aufwendig, wir haben aber die nötige Zeit.


Arbeitgeber warnen vor einer Lohn-Preis-Spirale: Höhere Löhne führen über die gestärkte Nachfrage zu höheren Preisen, und die wiederum legitimieren Forderungen nach Lohnerhöhungen. Sind die Warnungen berechtigt?
Sie sind nicht unbegründet. Allerdings braucht es einige Jahre mit breitem und konsequentem Teuerungsausgleich, bis die Spirale in Gang kommt. Noch sind wir weit davon entfernt. Es würde sich ja erst mal um einen einmaligen Ausgleich im kommenden Herbst handeln.

Zur Person

Tobias Straumann

Tobias Straumann, 55, ist Professor am Historischen Seminar der Universität Zürich.

Quelle: Privat
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