Davon träumen viele Jugendliche: ausziehen und endlich tun und lassen, was man will. In einer eigenen Wohnung leben, selbständig sein.

Für Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung war diese Selbständigkeit noch vor 30 Jahren kaum ein Thema. Wenn sie nicht weiterhin bei ihren Eltern bleiben wollten, blieb ihnen bloss, in ein Behindertenwohnheim zu ziehen, wo sie weiterhin eng betreut wurden.

Heute gibt es auch für sie andere Möglichkeiten. Die Wohnformen in den Institutionen sind vielfältiger geworden, sie bieten etwa Aussenwohngruppen mit weniger Betreuung an. Für manche ist gar eine eigene Wohnung das Richtige. Sie können ihr Leben in grösstmöglicher Freiheit leben – Sicher­heit gibt eine Betreuung, die jede Woche oder alle 14 Tage vorbeischaut und dort Unterstützung anbietet, wo es gerade nötig ist.

Als Sprungbrett in ein solches Leben dient beispielsweise die Wohnschule der Stiftung Arkadis in Olten SO. Kerstin Duss, Pascal Meier und Patricia Hauert leben hier in einer betreuten Wohngruppe und üben all die Dinge, die den meisten so selbstverständlich erscheinen: ­putzen, waschen, einkaufen, kochen, den Abfall entsorgen. Sie lernen, wie man sich in der Stadt zurechtfindet, wozu eine Agenda nützlich ist und wie sie ihre Freizeit gestalten können, wenn sie später einmal auf eigenen Füssen stehen.

Schlafen nur mit offener Tür 

Kerstin Duss, 22, hat sich das kleinste Zimmer in der Wohnschule ausgesucht. Sonst fühlt sie sich verloren. Nein, ein Ordnungsfreak sei sie nicht, sagt sie, während sie sich einen Weg zwischen den am Boden ­liegenden Kleidern sucht, um schliesslich aufs Bett zu hüpfen.

«Warum braucht man ein eigenes Zimmer, wenn man darin nicht so leben kann, wie man möchte?» Sie lacht ihren Besuch herausfordernd an. Seit zwei Jahren ist sie in der Wohnschule. Eine eigene Wohnung Mietwohnungen Endlich eine eigene Wohnung! ? Das kann sie sich noch nicht so ganz vorstellen. Sie kann nur mit offener Tür schlafen, und auch dann nur, wenn das Licht im Gang brennt. «Mir würden die anderen Menschen fehlen.»

Mit Blick auf den grossen Ämtliplan Erziehung Darum sind Ämtli so wichtig im Gang erklärt sie, dass sie diese Woche Bad und WC ­putzen müsse. Den Ämtli sind Bilder zugeordnet, die symbolisch die verschiedenen Putz-, Koch- und Aufräumjobs zeigen, so dass auch diejenigen verstehen, die nicht so gut lesen können. Dort, wo die Arbeiten ausgeführt werden müssen, sind detaillierte Checklisten angebracht, die dafür sorgen, dass nichts vergessen geht. So wird Kerstin Duss im WC beispielsweise 14 fein säuberlich notierte Punkte von «Schüssel mit WC-Ente einsprühen» bis hin zu «Boden feucht aufnehmen» abarbeiten müssen. Die Ämtli sind quasi der praktische Teil der Wohnschule.

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Liebe und Sexualität gehören auch zum Unterricht

Der theoretische Unterbau wird – abgestimmt auf die kognitiven Fähigkeiten und den individuellen Wissensstand der Schüler – am Nachmittag in Kleingruppen erarbeitet.

Auch soziale Themen stehen auf dem Stundenplan. «Freundschaften, Gesundheit und die berufliche Eingliederung gehören auch zu einem selbständigen Leben», sagt Isabelle Häberli, die den Unterricht leitet. Heute wird das Thema Liebe, Freundschaft und Sexualität bearbeitet. Duss setzt sich mit Geschlechtskrankheiten auseinander. Sie hat ihre grossen Kopfhörer aufgesetzt. Akribisch notiert sie Symptome mit bunten Filzstiften.

Pascal Meier, 26, sitzt unterdessen einen Stock weiter unten in seinem Zimmer vor dem Com­puter. Er bearbeitet eine Liste, in der er seine Lieblingslieder notiert. Am liebsten mag er die Filmmusik von «Heidi», aber auch Schlager und Weihnachtslieder finden sich darin.

Als Autist Autismus «Als würde man die Welt durch ein Mikroskop sehen» braucht er klare Strukturen – und Rituale: In der Unterrichtspause geht er oft in sein ­Zimmer, um Radio zu hören. Wenn dann zufällig eines seiner Lieblingslieder gespielt wird, dreht er die Lautstärke auf, «bis die Wände zittern». Seine Mitbewohner akzeptieren die musikalischen Erdbeben, zumal ihr Nachbar auch Rücksicht nehmen kann, wenn jemand krank ist.

Pascal Meier vor der Wohnschule in Olten

Pascal Meier vor der Wohnschule (gelbes Haus) in Olten.

Quelle: Joseph Khakshouri
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Ziele setzen ist wichtig

In der Wohn­gemeinschaft versucht man, Verständnis für die Besonderheiten der Bewohner zu schaffen und gemeinsam Lösungen zu suchen, wenn es zu Konflikten kommt Mediation Konflikte konstruktiv beenden . Auch das kann später bei einem selbständigeren Leben helfen.

An der Zimmerwand hängt ein Zettel, auf dem sich der Wohnschüler Ziele notiert hat: Pünktlichkeit Pünktlichkeit Das Ende einer Schweizer Tugend? überall, weniger Alkohol trinken, regelmässig duschen, Wohnmöglichkeit in Olten suchen. Meier möchte ­später in eine Aussenwohngruppe ziehen.

Eine eigene Wohnung ist nicht für alle das Ziel, wichtiger ist es, herauszufinden, welche Wohnform den eigenen Bedürfnissen am besten entspricht. Die können unterschiedlich sein – auch wenn in irgendeiner Form immer der Wunsch nach mehr Autonomie mitspielt. Wenn die Wohnschüler zuvor bei den Eltern gewohnt haben, sind auch diese gefordert: Für viele ist der Ablösungsprozess nicht ganz einfach. Sie müssen loslassen und bereit sein, die Verantwortung für Kleiderkauf, Zimmerordnung oder Taschengeld abzugeben.
 

«Mal schauen, ob die Wohnung in einem Jahr noch steht.»

Patricia Hauert, 22, Wohnschülerin


Beim Eintritt in die Wohnschule wird geklärt, für welche Bereiche die Eltern weiterhin zuständig sind, was in die Verantwortung ihres Kindes oder in diejenige des Beistands fällt und wo die Wohnschule unterstützen soll. Es könne schon mal vorkommen, dass ein Wohnschüler mitten im Sommer im Wintermantel bei seinen Eltern ­aufkreuze und sich diese dann entrüstet melden würden, erzählt Häberli lächelnd. Ihre Aufgabe sei es dann, den Eltern zu erklären, dass ihre Kinder nur mehr Selbständigkeit erlangen würden, wenn sie diese im Alltag auch aus­probieren könnten.

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Der Geschirrspüler will nicht

Patricia Hauert, 22, ist vorgestern in eine Probewohnung im Dachstock gezogen. «Mal schauen, ob die Wohnung in einem Jahr noch steht», scherzt sie, und man spürt, wie aufregend der Schritt für sie ist. Die renovierte, helle Wohnung, die sie teilweise möbliert übernommen hat, macht bereits einen recht wohnlichen Eindruck.

Hauert bietet ihrem Besuch gekonnt einen Stuhl und ein Glas Wasser an. An einer Wand hat sie ein Plakat mit Fotos von Familie, Freunden und ihrem Freund aufgehängt. «Mini Lüt», hat sie in grossen Buchstaben darübergeschrieben. Das Plakat gebe ihr Halt in der neuen Lebenssituation. Am meisten freut sie sich darauf, «alles allein machen zu können» und niemanden um Erlaubnis fragen zu müssen, wenn der Freund vorbeikommen wolle.

Dennoch hat sie Respekt vor dem Alleinwohnen. «Was ist, wenn ich vergesse, den Herd auszuschalten?», fragt sie. «Werde ich mich nur noch von Teigwaren ernähren, wenn mir niemand mehr auf die Finger schaut?» Doch das drängendste Problem ist heute die Abwaschmaschine, die partout nicht laufen will. Isabelle Häberli liest mit ihr die Anleitung neben dem Geschirrspüler: Nach der Programmwahl muss auch der «Start»-Knopf gedrückt werden. «Solche Sachen machen vielen Wohnschülern Mühe.»

Direkt unter dem Dach haben sich Claude Kuhn, 47, und Rosmarie Strahm, 44, in der zweiten Probewohnung eingerichtet. Sie üben hier das Zusammenleben als Paar. Die beiden haben sich vor fünf Jahren an einem Arkadis-Fest verliebt. Strahms Beiständin Beistandschaft Ein Beistand nach Mass war skeptisch, als sie erfuhr, dass die zwei in eine gemeinsame Wohnung ­ziehen wollten. Würde sich die zurückhaltende Rosmarie dem eher hemdsärmligen Claude nicht zu sehr anpassen? Man kam überein, dass Kuhn die eigene Wohnung behält, bis klar ist, wie das Experiment «gemeinsame Wohnung» verläuft.

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Rosmarie Strahm und Claude Kuhn in der Küche beim gemeinsamen kochen

Claude Kuhn, 47, und Rosmarie Strahm, 44, üben das Zusammenleben in der Probewohnung.

Quelle: Joseph Khakshouri

Drum prüfe, wer sich ewig bindet

In einem «Vertrag» haben sie die Eckdaten ihres Zusammenlebens definiert: Er übernachtet jeweils ­Montag und Donnerstag in der Arkadis-Wohnung, sie am Dienstag bei ihm. Heute Abend bereiten sie gemeinsam einen griechischen Salat zu. Ihre Betreuerin Livia Niggli ist «zu Besuch», en passant hilft sie bei alltäglichen Herausforderungen: Wann muss der Karton entsorgt werden Recycling Das gehört nicht in den «Güsel» ? Wie kommt man mit dem Wäschekorb die steile Treppe in die Waschküche hinunter?

Rosmarie Strahm erzählt von ihrem Arbeitstag in einer geschützten Werkstatt: Sie hat Tablettenmuster abgepackt, man merkt, dass ihr die Arbeit viel bedeutet. Der Haushalt macht ihr keine Mühe. Die Bauerntochter aus dem bernischen Schalunen kann anpacken.

Das Kochen ist eher die Domäne ihres Partners, der tagsüber in einem Café der Stiftung Arkadis arbeitet. «Wir ergänzen uns gut», sagt er strahlend. Manchmal hat er trotzdem Angst, die Beziehung könnte auseinandergehen, weil sie zu sehr «aufeinanderhocken». Doch bislang läuft es gut. Mehrmals sagt er: «Streit? Das kennen wir nicht!»

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Die Probewohnung dürfen sie rund ein Jahr nutzen – dann wird es Zeit, die nächsten Schritte zu planen. Für die beiden ist eins schon klar: Sie wollen dereinst ganz zusammenziehen. In eine bezahlbare, moderne Wohnung. So, wie sich das viele Paare wünschen Gemeinsame Wohnung So klappts mit dem Zusammenziehen

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Julia Hofer, Redaktorin

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