Auf Salarium.ch kann man sich orientieren, wie viel man in einem bestimmten Beruf verdient. Die Frauenlöhne sind auf dieser Website des Bundes stets tiefer als die Männerlöhne. Egal, welche Region oder Kaderstufe – der prozentuale Unterschied bleibt stets gleich.

Der Grund: Die Unterschiede werden vom Bundesamt für Statistik (BFS) «gesetzt». Sie haben keine direkte empirische Grundlage, sondern sind das Ergebnis eines komplizierten statistischen Modellverfahrens. Das aber erfahren die Nutzenden nur verklausuliert. «Das Modell berücksichtigt keine Interaktionen zwischen den erklärenden Variablen», steht auf der Website.

Damit stösst «Salarium» bei Experten auf Kritik. Ihre eigenen Resultate ergäben absolut nicht dieselben Tendenzen wie «Salarium», heisst es bei der Unternehmensberatung Cepec, einer auf Lohngleichheitsanalysen spezialisierten Firma. Die Informationen des Bundes seien unbrauchbar und gefährlich.

Auch aus akademischer Warte kommen Vorbehalte. «Ich frage mich, was da für eine Botschaft an die Nutzerinnen gesandt wird», sagt Christian Hoffmann, ehemaliger Forschungsleiter am Liberalen Institut in Zürich, heute Professor für Kommunikationsmanagement an der Universität Leipzig. «Wenn ich als Frau angezeigt bekomme, dass ich stets weniger verdiene als ein Mann , egal, in welcher Region, Branche oder mit welcher Ausbildung, so ist das doch eher entmutigend.» «Salarium» könne sogar dazu führen, dass Lohnunterschiede zementiert würden, wenn Frauen gestützt auf den Lohnrechner niedrigere Salärforderungen stellten.

Letztlich seien die Angaben auch irreführend, so Hoffmann. Nach aktuellen Studienergebnissen lägen die unerklärlichen Lohnunterschiede bei gleicher Arbeit erheblich tiefer als die vom BFS ausgewiesenen 7,7 Prozent.

Grenzen des Modells

Der Berner Statistikprofessor Lutz Dümbgen vermisst die Information, wie gut die tatsächlichen Löhne mit den Näherungswerten des Modells übereinstimmen. «Salarium suggeriert eine Präzision und Funktionalität, die es gar nicht hat.» Das verwendete Modell sei ungeeignet, um zuverlässige Aussagen zu machen.

Das sieht selbst das Bundesamt für Statistik so. Wie alle Modelle habe das Modell Vorteile, aber auch gewisse Grenzen, heisst es beim BFS. «Bei Salarium stehen nicht die Geschlechter, sondern die Branchen im Vordergrund. Wer sich für die Unterschiede zwischen Frauen- und Männerlöhnen interessiert, den verweisen wir auf unsere spezifische Studie dazu.»

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Quelle: Beobachter Edition

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