Steckbrief

In der zweiten Folge der Serie «Schöner scheiden – wenn die Liebe hinfällt» erzählt Manuel seine Geschichte mit Sarah. Die beiden lernten sich in einem kirchlichen Umfeld kennen. 20 Jahre später sind sie zwar kein Paar mehr, leben aber mit ihren drei Kindern weiter im selben Haus.

In fünf Kapiteln schildert der 43-Jährige, wie schwierig es war, als ihm die Beziehung langsam entglitt – und warum er trotzdem nicht in ein Loch fiel:

I. Aus und vorbei: «Es war halt einfach Trauer und Traurigkeit»

Beobachter-Format Schöner scheiden: Herz , das in zwei Hälften zerbricht.

Angaben wie Namen und Orte wurden teilweise verfremdet – die Gefühle sind echt.

Quelle: Joël Borter - Fotos: Freepik

Vor eineinhalb Jahren sagte Sarah, sie brauche eine Auszeit – was schwierig ist, verheiratet, mit Kindern. Wir versuchten trotzdem, uns einen Monat lang aus dem Weg zu gehen.

Sie organisierte sich eine Wohnung, schlief manchmal dort und kam wieder zu den Kindern, wenn ich arbeiten ging. Ich habe geschaut, dass ich Programm hatte, aber wir haben uns trotzdem mehr oder weniger täglich gesehen.

Kapitelübersicht

Dann sagte sie bei einer Sitzung mit unserer Therapeutin, sie habe während der Auszeit gemerkt, dass sie nicht mehr wolle, was vorher war – fertig. Und dann ging es darum, wie wir das organisieren. Das war schon heftig. Emotional.

Es war gut, dass das alles im Rahmen einer Therapiesitzung stattfand. Man redet ganz anders, weil man es jemand anderem erzählt und der andere zuhört – und umgekehrt.

«Wir haben uns nie beschimpft oder so.»

Am Abend waren wir dann trotzdem wieder beide zu Hause, auf uns allein gestellt. Wir hatten aber auch in dieser Zeit eigentlich nie Krach.

Es war halt einfach Trauer und Traurigkeit. So dass man manchmal vor lauter Weinen kaum mehr sprechen konnte. Aber wir haben uns nie beschimpft oder so. Selbst unsere Therapeutin fand, dass wir als Paar in all dem stets einen sehr würdevollen Umgang bewahrten.

Die Trennung war im Sommer vor einem Jahr. Wir hatten für den Herbst Familienferien geplant, und die haben wir dann auch trotzdem durchgezogen.

In meinem Umfeld konnte das niemand verstehen, aber irgendwie war es trotz allem schön. Auch als Abschluss als klassische Familie.

II. Wie alles begann: «Aus Sarahs Sicht ging es viel zu lange, bis ich um ihre Hand anhielt»

Beobachter-Format Schöner scheiden: Ein Falter bewegt seine herzförmigen Flügel.
Quelle: Joël Borter - Fotos: Freepik

Wir haben uns 2005 in einer christlichen Schule kennengelernt. Wir waren beide Anfang zwanzig, sie ist zwei Jahre jünger als ich.

An dieser Schule wohnte man die Hälfte der Woche mit der Klasse zusammen, und so haben wir dort im Alltag oft Zeit zusammen verbracht.

Wir haben viel geredet. Mir ist wichtig, dass man gute Gespräche führen kann. Irgendwann wurde mir bewusst, da ist mehr. Ich glaube, alle um uns herum habens vor mir gemerkt.

Wir wohnten als Paar aber noch nicht zusammen. In unserem christlichen Umfeld war das nicht angezeigt. Wir wollten das auch nicht. Heute würde ich das vielleicht anders machen.

Zuerst führten wir eine Fernbeziehung, sahen uns am Wochenende. Sie lebte noch in der Ostschweiz bei ihren Eltern. Wenn ich dort übernachtete, schliefen wir nicht im gleichen Zimmer. Klassisch.

«Alte Schule, aber das stimmte für mich.»

Aus Sarahs Sicht ging es viel zu lange, bis ich um ihre Hand anhielt. Ich war unsicher vor der Heirat. Ob es das Richtige ist. Ob sie die Richtige ist. Weil es für mich keine Option war, einfach mal zu schauen.

Für mich war klar: Es muss klappen, «bis dass der Tod euch scheidet». Und das hat mich extrem gestresst. Denn wie wir zu zweit funktionieren, konnten wir eigentlich gar nie ausprobieren.

Kein Sex vor der Ehe war auch schwierig. Ich wollte das zwar auch so, aber es ist schon fordernd. Und am Ende ist das doch auch mit ein Grund, zu heiraten.

Nach vier Jahren Beziehung habe ich ihr den Heiratsantrag gemacht. Ich habe ihren Vater angerufen. Er sagte, wir müssten schon mal zusammen reden. Dann gingen wir einen Tag lang wandern. Alte Schule, aber das stimmte für mich. Es ging einfach ums Kennenlernen. Nach der Heirat sind wir zusammengezogen.

III. Der Anfang vom Ende: «Sie war mit den drei Kindern immer zu Hause – da fiel ihr oft die Decke auf den Kopf»

Beobachter Schöner scheiden: Zwei Herzen mit Fliegen
Quelle: Joël Borter - Fotos: Freepik
Manuels Lied zum Leid

Curse mit Silbermond: «Bis zum Schluss»

Eigentlich liefs lange gut. Meine anfänglichen Ängste hatten sich gelegt, ich war entspannt und konnte die Beziehung geniessen. Wir haben unsere Beziehung auch immer gepflegt und gingen von Anfang an viermal im Jahr in kirchliches Paar-Coaching.

Natürlich gings auch mal hoch und runter. Aber ich hatte das Gefühl, dass wir da eigentlich genug machten.

Dann kamen nach und nach die drei Kinder. Kinder zu haben, war schon ein happiger Wechsel. Man weiss ja nicht, was einen erwartet. Und wir hatten keine Unterstützung in der Nähe, keine Familie im Dorf. Das war recht streng. Sarah hat auch immer gesagt, dass halt viel an uns selber hing.

Wir lebten wirklich das ganz klassische Familienmodell: Ich arbeitete mehr oder weniger 100 Prozent, und sie war mit den drei Kindern immer zu Hause. Da fiel ihr oft die Decke auf den Kopf.

«Ich denke, sie sehnte sich danach, gesehen zu werden.»

Irgendwann brachte sie bei einem unserer Beratungsgespräche diese Bedürfnisse zur Sprache – dass sie sich mehr Abwechslung wünschte. Darauf rieten uns unsere Coaches, wir sollten uns eine professionelle Paartherapie suchen, bei einer Psychologin.

Diese Paartherapeutin fand dann anfangs, das sei keine grosse Sache, das hätten wir in drei Mal durch – mehr würde die Krankenkasse auch nicht bezahlen. Aber nach drei Mal war davon auf einmal keine Rede mehr. Denn ab da dann ging es mit unserer Beziehung bergab.

Sarah war unser Familienleben zu eintönig. Sie wollte neue Leute kennenlernen, Ausgang, sich auch mal mit einem Mann treffen. Ich denke, sie sehnte sich danach, gesehen zu werden. Und ich bin halt ein bisschen konservativ. So blieb das immer ein Streitpunkt.

Eine Zeit lang hat sie mit anderen Männern abgemacht – einfach was trinken und so. Ich kann vertrauen, aber es hat mich trotzdem belastet. Und ich konnte es ihr ja nicht verbieten. Man will die Partnerin ja nicht einsperren.

«Meinen Eltern von der Trennung zu erzählen, war schwierig.»

Mittlerweile denke ich, dass das Ganze auch mit unserer Jugendzeit im kirchlichen Umfeld zusammenhängt, wo man sich nicht so auslebt. Wo das irgendwo fehlt. Oder das Einengende, wenn man verheiratet und jemandem verpflichtet ist. Vielleicht spielt auch eine Vierziger-Krise mit rein. Schwierig zu sagen.

Sarah hat sich dann auch von der Freikirche abgewandt, die wir besuchten. Damit geriet unsere gemeinsame Basis, unser Fundament ins Wanken. Das Ganze hat auch bei mir viel ausgelöst. Mittlerweile hinterfrage ich dieses starre System auch teilweise. Aber der Glaube ist mir immer noch sehr wichtig.

Meinen Eltern von der Trennung zu erzählen, war schwierig. Ich habs vor mir hergeschoben und wartete auf einen passenden Moment, weil ich es nicht vor den Kindern besprechen wollte. Dann, auf einem Spaziergang, sagt der Kleinste auf einmal zu meiner Mutter: «Weisst du, Mama und Papa sind nicht mehr zusammen.» Und dann wars draussen.

An Weihnachten hiess es dann: «Vielleicht ist es besser, wenn Sarah nicht kommt.» Aber unterdessen ist das verflogen – vielleicht auch, weil wir so gut miteinander umgehen. Womöglich haben sich die anderen gedacht, wenn ich das kann, dann sollten sie es auch können.

Den Kindern hatten wir es in den Herbstferien gesagt. Die Älteste war perplex und wollte es nicht wahrhaben, die Kleinste rannte weg und warf sich heulend ins Bett. Das war wirklich hart. Aber es hat sicher geholfen, dass es für die Kinder in dem Moment keine grosse  Veränderung gab. Und nun sie sind auch in einem Prozess.

IV. Das neue Miteinander: «Ich kanns mir auch nicht ganz erklären, aber irgendwie ist es uns gelungen, die Familie zu erhalten»

Beobachter-Format Schöner scheiden: Zwei Hälften eines gebrochenen Herzens werden mit einem Pflaster zusammengeflickt.
Quelle: Joël Borter - Fotos: Freepik

Dann mussten wir überlegen, wie es weitergeht, organisatorisch. Sarah hat von Anfang an gesagt, dass sie nicht einfach ausziehen und weg wolle. Und weil ich im Herbst eine Ausbildung beginne, wars auch eine finanzielle Überlegung, zusammen wohnen zu bleiben.

Manche Leute in unserem Umfeld dachten gar, vielleicht renke sich das mit uns beiden ja wieder ein. Aber ich nicht. Es war ja ein Prozess – keine spontane Entscheidung im Moment und tschüss.

Nach den Herbstferien zügelte ich in ein eigenes Zimmer. Zum Glück leben wir in einem grossen Haus, und unsere Zimmer sind auf unterschiedlichen Stockwerken. Das gibt ein bisschen Distanz.

Hin und wieder hab ich mir schon überlegt, obs nicht einfacher wäre, einen richtigen Schlussstrich zu ziehen. Aber ich merke, was wir aneinander haben – ich profitiere auch von dieser Lösung. Sofern man über dem Emotionalen stehen kann, ist es einfach praktischer.

«Ich wäre auch offen, jemanden Neues kennenzulernen.»

Wir wechseln uns in der Kinderbetreuung meistens ab. Zu zweit sind wir höchstens mal an einem Sonntagnachmittag oder so. So haben beide auch Zeit für sich.

Aber man schaut trotzdem noch füreinander, macht zum Beispiel die Wäsche oder trinkt mal zusammen einen Tee. Ich kanns mir auch nicht ganz erklären, aber irgendwie ist es uns gelungen, die Familie zu erhalten.

Und wie geht deine Trennungsstory?

Wir sammeln inspirierende Beispiele von Ex-Paaren, die trotz Beziehungsende gemeinsam weiter kutschieren. Erzähl uns deine Geschichte!

Sarah hat seit einigen Monaten einen neuen Partner, aber er war noch nie hier bei uns zu Hause. Als sie vor zwei, drei Monaten mal angetönt hat, es wäre schön, wenn er mal sehen könnte, wo sie wohne, fand ich das noch recht schwierig. Mittlerweile bin ich da auch schon an einem anderen Punkt. Ich muss ja nicht dabei sein, also warum nicht?

Ich bin ihm sogar schon einmal zufällig begegnet, ohne es zu realisieren, wer er ist. Vielleicht war das ganz gut so. So hab ich ihn einfach ganz normal kennengelernt.

Ich wäre auch offen, jemanden Neues kennenzulernen, und ich merke, wie schwierig es ist, Zeit dafür zu organisieren. Wenn ich jemanden nach Hause nehmen könnte, würde es einfacher. Man kann ja schauen, dass der andere dann weg ist.

Mein Ziel wär schon, wieder etwas Längerfristiges zu finden – weniger, mich auszuleben oder so. Aber ob ich wieder heiraten würde, weiss ich nicht.

V. Wie weiter: «Wir möchten weiterhin ein Modell leben, bei dem die Kinder nicht hin und her müssen»

Beobachter-Format Schöner scheiden: Zwei herzförmige Wegweiser zeigen in unterschiedliche Richtungen.
Quelle: Joël Borter - Fotos: Freepik

Die Trennung war eine schwierige Zeit. Am schwierigsten war das letzte halbe Jahr, bevor es vorbei war. Als ich merkte, dass mir alles entgleitet.

Deshalb war die eigentliche Trennung eine Erleichterung. Ab da wusste ich wenigstens wieder, wohin es geht. Und ich habe gelernt, mehr im Moment zu leben. Das hat mir den Kick gegeben, die neue Ausbildung anzufangen – so: «Machs einfach, wer weiss, was in einem Jahr ist?»

Wir haben besprochen, ob wir ein Haus mit zwei Wohnungen suchen sollen, wo es räumlich mehr Möglichkeiten gibt. Oder dass sich einer von beiden ein Tiny House oder ein kleines Studio sucht. Jedenfalls möchten wir weiterhin ein Modell leben, bei dem die Kinder nicht hin und her müssen.

Wir hatten keinen Ehevertrag, es gibt auch keine Trennungsvereinbarung – wir haben alles noch zusammen, auch die Finanzen. Ich denke, die formelle Scheidung wird nach meiner Ausbildung ein Thema.

Sarah und ich haben zusammen gemacht, was wir konnten.

Ich bin stolz, dass ich es irgendwie geschafft habe, nicht in ein Loch zu fallen. Sicher dank meinen Freunden, auch in der Kirche. Ich teile meine Probleme sonst nicht gerne so mit allen, aber wir haben eine kleine Gruppe, einen Männerabend, und dort habe ich das alles immer erzählt.

Manche Leute haben mich überrascht, indem sie das Ganze nicht bewerteten oder verurteilten. Geholfen hat mir auch das Tanzen in dieser Zeit, da konnte ich viel rauslassen. Und trotzdem auch Gott und mein Glaube, irgendwie.

Ich hatte nie ein schlechtes Gewissen, weil ich dachte, ich hätte was verbockt oder so. Schliesslich gibts verschiedene Faktoren, die auf eine Beziehung einwirken, und du kannst nur einen Teil davon beeinflussen – dich. Dann hast du eine Partnerin und dann noch das Schicksal, Glück oder Gott oder wie man es nennen will.

Sarah und ich haben zusammen gemacht, was wir konnten. Wir haben immer zusammen geredet, waren stets offen und ehrlich. Und nun ist es, wie es gekommen ist.

Sie hat auch stets gesagt, dass es einfach nicht mehr gehe, weil bei ihr eine Veränderung stattgefunden habe. Sie hat sich auch äusserlich verändert, hat sich die Haare kurz geschnitten. Vielleicht hilft mir das jetzt auch beim Zusammenleben – weil sie tatsächlich ein bisschen ein neuer Mensch geworden ist.

Aus der letzten Folge

Q&A: Was ihr von Hannah aus Folge 1 noch wissen wolltet

Wann hast du gemerkt, dass du schwanger bist?
Als ich wieder zu Hause war und meine Tage eine Weile nicht kamen. Ich habs erst mal auf den Jetlag geschoben und einfach mal zur Sicherheit getestet.

Habt ihr ausdiskutiert, ob du die Schwangerschaft abbrichst oder nicht?
Tim sagte einfach: «You do what’s good for you.» Einerseits war das sehr schön, es ist ja mein Körper – andererseits wars es eine riesige Entscheidung, die ja dann schon uns beide betraf. Rückblickend habe ich mich damals zum ersten Mal in unserer Beziehung ein bisschen einsam gefühlt.

Wart ihr während der Schwangerschaft gar nie zusammen?
Doch, Tim hat mal extra an irgendeiner Konferenz teilgenommen, damit er mich besuchen konnte. Und es hat immerhin geklappt, dass er zur Geburt in Kopenhagen sein konnte.

Du wolltest nie Kinder und dann plötzlich trotzdem – wie geht das?
Das hatte schon damit zu tun, dass Tim und ich so verliebt waren. Zudem hatte ich damals Frauen um mich herum, die langsam gegen die vierzig gingen und bei denen es einfach nicht klappen wollte. Ich dachte: Was, wenn ich jetzt abtreibe, wo ich so verliebt bin, und in ein paar Jahren möchte ich dann vielleicht doch und es geht nicht?