Schöner scheiden, Folge 3
«Obwohl gerade die Welt zusammengebrochen ist, geht der Alltag einfach weiter»
Sandras Ehemann verliebte sich in eine Arbeitskollegin. Trotzdem haben es die beiden geschafft, gute Eltern zu bleiben.

Veröffentlicht am 11. Januar 2026 - 06:00 Uhr

Steckbrief
Sandra und Thomas leben heute wenige Hundert Meter auseinander und kümmern sich abwechslungsweise um ihre drei Kinder – das ist alles andere als selbstverständlich, wenn man Sandras Geschichte liest. In der dritten Folge unserer Serie «Schöner scheiden – wenn die Liebe hinfällt» erzählt die 47-Jährige, wie sie es während – und trotz – der schwierigen Trennung geschafft haben, einander wohlwollend und respektvoll zu begegnen:
I. Der Anfang vom Ende: «Sie und ihr Mann waren an unserer Hochzeit»

Angaben wie Namen und Orte wurden teilweise verfremdet – die Gefühle sind echt.
Es war ein Sonntagmorgen im Herbst 2018. Ich sass im Wohnzimmer mit den Kindern, Thomas kam rein und fragte, ob es möglich wäre, die Kinder für den Tag zu meinen Eltern zu bringen. Es war ihm deutlich anzumerken, dass ihn etwas beschäftigte. Ich sagte: «Ja, wieso?» Und er: «Wir müssen reden.»
Dann fuhr er die Kinder zu meinen Eltern, und ich sass allein da und wartete – im Wissen, dass etwas Schlimmes auf mich zukommt.
Kapitelübersicht
Als er wiederkam, erzählte er mir, dass er am Geschäftsanlass am Vorabend eine Arbeitskollegin geküsst habe. Und dass er sich verliebt habe und nicht wisse, was er machen solle.
Ich kannte die Frau, Vera. Thomas hatte zu einer anderen Firma gewechselt und dort schon länger mit ihr zusammengearbeitet. Sie war auch verheiratet. Sie und ihr Mann waren an unserer Hochzeit.
«Rückblickend war in diesem Moment eigentlich schon alles entschieden.»
In diesem Moment hat es mir den Boden unter den Füssen weggezogen. Man fällt wirklich in ein schwarzes Loch, wie man so sagt. Rückblickend war in dem Moment eigentlich schon alles entschieden. Aber ich wollte es noch nicht wahrhaben. Thomas auch nicht, denke ich. Wir waren beide noch nicht so weit.
Ich habe diese Gefühle dann einfach blockiert und in den Funktionsmodus gewechselt, instinktiv. Am Abend waren die Kinder wieder da. Ich weiss nicht mehr, wer sie wieder zurückgebracht hat. Das ist alles im Nebel. Ich weiss noch, wie schwer es war, die Kinder an jenem Abend ins Bett zu bringen, als wär nichts. Aber ich wollte sie unbedingt schützen, und so blieb mir nichts anderes übrig.
Obwohl eigentlich gerade die Welt zusammengebrochen war, ging das Leben einfach weiter. Eigentlich ist es unfassbar. Es müsste doch alles stillstehen? Dieser Widerspruch zerreisst einen.
II. Wie alles begann: «Wir konnten zusammen reden, hatten dieselben Werte»

Wir sind uns 2006 im Geschäft begegnet und merkten rasch, dass wir Gefühle füreinander entwickelten. Wir führten stets eine Beziehung auf Augenhöhe, konnten miteinander reden und hatten dieselben Werte: dass man ehrlich ist, den anderen respektiert und auch im Streit nicht ausfällig wird. Und da war einfach dieses Grundvertrauen, dass man es gut meint miteinander.
2011 reisten wir nach Australien. Irgendwo im Outback machte mir Thomas den Antrag. Und ich bin dann auch schwanger nach Hause gekommen. Wir haben 2012 geheiratet, im April, bevor im Juni die Tochter auf die Welt kam. Und drei Jahre später kamen die Zwillinge.
«Es heisst ja: in guten wie in schlechten Zeiten.»
Wir hatten keine Beziehungsgeschichte, die kontinuierlich schlechter geworden wäre. Insofern kam das Ende für mich aus heiterem Himmel. Im Nachhinein sehe ich schon, dass es Herausforderungen gab.
Im Jahr, als unsere Tochter zur Welt kam, ist sehr viel passiert: Wir haben geheiratet, ein Haus gekauft, und dann ist auch noch Thomas’ Mutter schwer erkrankt und gestorben. Meinen Mutterschaftsurlaub habe ich bei ihr auf der Intensivstation verbracht.
Sandras Lied zum Leid ist Passenger – «Let Her Go».
Welcher Song hat dich durch eine Trennung oder bittersüsse Zeiten begleitet? Erzähls uns!
Und nach der Geburt der Zwillinge blieb es schwierig, Zeit für uns als Paar zu finden. Unsere Tochter war erst drei Jahre alt, Thomas hat damals Vollzeit gearbeitet, und in seiner leitenden Position waren das stets mehr als 100 Prozent. Ich hatte die Kinder und war daneben zu 40 Prozent berufstätig. Wahrscheinlich haben wir uns da schon etwas auseinandergelebt.
Hinzu kam, dass ich nach der Geburt der Zwillinge in eine postnatale Depression schlitterte und dadurch für seine emotionalen Bedürfnisse wohl auch weniger erreichbar war. Trotzdem hatte ich eigentlich nie daran gedacht, dass wir uns einmal trennen könnten – es heisst ja: in guten wie in schlechten Zeiten.
III. Aus und vorbei: «Auf dem Display im Auto konnte ich sehen, wie sein Telefon ihre Nummer wählte»

Ein halbes Jahr nachdem er mir den Kuss gestanden hatte, ist Thomas ausgezogen – zufälligerweise an unserem Hochzeitstag. Ich glaube nicht, dass es ihm bewusst war.
Die Monate davor waren ein ständiges Auf und Ab. Wir sagten uns schon, dass wir zusammen versuchen wollen, unsere Beziehung zu retten. Wir haben auch eine Paarberatung besucht in dieser Zeit. Und ich spürte, dass er kämpfte. Oder haderte. Für mich war es eine sehr schwierige Zeit.
Schwierig war halt, dass er im Geschäft mit Vera zusammenarbeitete. Er war ihr Vorgesetzter und hat sie dort jeden Tag gesehen – mehr als mich. Einer der beiden hätte die Firma umgehend verlassen müssen, damit es für uns eine echte Chance gegeben hätte. So kämpfte ich eigentlich auf verlorenem Posten.
«Eine richtige Seifenoper, das Ganze.»
Es gab diesen Moment, kurz nach Neujahr. Wir waren mit den Kindern aus den Bergen zurückgekommen, weil ich wieder arbeiten musste. Thomas sollte zu Hause zu den Kindern schauen. Ich bin ins Auto gestiegen, und weil sein Handy via Bluetooth mit dem Auto verbunden war, konnte auf dem Display sehen, wie sein Telefon ihre Nummer wählte.
Wie es halt ist, wenn man verliebt ist. Solche Gefühle kann man nicht einfach beiseiteschieben. Und Vera hatte sich damals, glaube ich, bereits von ihrem Mann getrennt – der übrigens auch in der gleichen Firma arbeitete wie Vera und Thomas. Eine richtige Seifenoper, das Ganze.
Irgendwann habe ich realisiert, dass sich Thomas eigentlich längst gegen uns entschieden hatte, aber sich nicht traute, den Schritt zu machen. Ich bin zu einem Restaurant bei seinem Geschäft gefahren und habe ihn angerufen. Ich sagte: «So kann es nicht weitergehen. Jetzt holst du sie hier an diesen Tisch, und wir reden zu dritt.» Das wollte er natürlich nicht – bis ich sagte: «Dann gehe ich selbst rein und hole sie.» Dann sassen wir zu dritt an diesem Restauranttisch. Und mit ihr an seiner Seite konnte er mir schliesslich sagen, dass er mich verlässt.
IV. Das neue Miteinander: «Er hat seine leitende Position aufgegeben. Das habe ich ihm sehr hoch angerechnet»

Thomas hat dann rasch eine Wohnung gefunden – nur 300, 400 Meter von unserem Haus. Dann kam die Frage auf, wie wir die Kinderbetreuung organisieren. Heute teilen wir uns Obhut und Sorgerecht. Aber im ersten Moment hatte er schon die Idee, dass sie vor allem bei mir wären und er sie quasi alle zwei Wochen mal hat – also quasi das klassische Modell.
Aber das stimmte für mich nicht. Ich wollte, dass die Kinder ihren Papi auch im Alltag haben. Ausserdem war ich es, die bisher immer geschaut hatte, während er 100 Prozent gearbeitet hatte. Das hätten wir auch umkehren können, wir verdienen ja gleich viel ... Ich wollte das gar nicht, aber ich habe ein bisschen provoziert.
Anfangs waren die Kinder Freitag, Samstag, Sonntagvormittag bei ihm. Er hat aber sehr schnell gemerkt, dass ihm das zu viel ist – die Mental Load, mit Haushalt, Kindern und Vollzeit arbeiten … ist ja klar. Darum hat er nach ein paar Monaten seine leitende Position aufgegeben und in eine Stabsstelle gewechselt. Das habe ich ihm sehr hoch angerechnet.
«Ich habe bei den Kindern nie ein schlechtes Wort über ihren Papi gesagt.»
Aber eine gewisse Ironie hat es schon. Denn nach der Geburt der Zwillinge war es schon einmal Thema, ob er im Job reduzieren könnte – da ging es für ihn nie. Aber nach der Trennung ging es dann plötzlich. Mittlerweile hat er noch einmal reduziert, auf irgendwo zwischen 60 und 75 Prozent. Ich glaube, er ist sehr happy damit.
Dass wir zu dieser gemeinsamen Lösung gefunden haben, hat vor allem einen Grund: Für uns beide kamen die Kinder immer an erster Stelle. Ich habe bei den Kindern nie ein schlechtes Wort über ihren Papi gesagt. Auch nicht über seine neue Freundin. Das war für mich ganz wichtig, bei aller Emotionalität.
Ich glaube, dafür war er mir dankbar, denn er fürchtete wohl schon, dass ich ihm die Kinder entfremden könnte. Aber es ist meine Aufgabe als erwachsene Person, mich von meinem Lebensentwurf zu verabschieden, ohne dass die Kinder in Mitleidenschaft gezogen werden. Diese tiefe Überzeugung hat mit Kraft gegeben. Und eine Handlungsanleitung.
Dass ich von Anfang an in diesen Funktionsmodus fiel, hat sicher auch geholfen. Allerdings war es auch ein Coping-Mechanismus, aus dem ich dann nicht mehr herausfand. Dann kam die Pandemie, der Lockdown mit Homeoffice und drei Kindern zu Hause – und irgendwann wars zu viel, und ich wurde mit einer Erschöpfungsdepression fünf Monate krankgeschrieben.
Seit der Pandemie sind wir dank Homeoffice beide flexibler, und die kurzen Wege erleichtern alles wesentlich. Wir arbeiten beide in der Nähe, und die Kinder können auch von ihm aus zur Schule gehen.
Am Donnerstagabend kommt er immer her und packt, was die Kinder brauchen. Ich hatte Thomas bei der Trennung gesagt: «Du musst selber wissen, was du für die Kinder brauchst.» Und das haben wir bis heute beibehalten. Manchmal kommen die Kinder halt noch mal vorbei, wenn sie etwas vergessen haben.
V. Wie weiter: «Es ist eine Freiheit, die auch wehtut oder einsam macht»

Wir sind noch nicht geschieden, einfach getrennt. Wir hatten keinen Ehevertrag, aber wir haben uns auch nie um Materielles oder Geld gestritten. Kurz nach der Trennung sind wir zusammen zu einem Rechtsanwalt gegangen, haben eine Trennungsvereinbarung gemacht und alles aufgeteilt.
Ich hatte von Anfang an einiges mehr ins Haus gesteckt, und als 2022 die Hypothek verlängert werden musste, habe ich Thomas ausbezahlt. Mit diesem Geld hat er sich dann wiederum die Wohnung gekauft, in der er jetzt lebt.
Es macht viel aus, wenn die Existenz nicht auch an der Beziehung hängt. Wir haben das Glück, dass wir beide eine gute Ausbildung haben. Ich wusste, wenn es hart auf hart käme, könnte ich die Kinder auch allein durchbringen.
«Man hat die viel zitierte Me-Time, aber die ist zweischneidig.»
Meine Freunde waren vor allem am Anfang da, als ich emotionale Unterstützung brauchte. Das war wichtig. Heute wird nicht mehr gross nachgefragt. Aber für mich dauert diese andere Lebenssituation halt an. Ich lebe als Einzige in meinem Freundeskreis nicht das klassische Familienmodell. Das ist nicht, was ich mir vorgestellt habe.
Man hat die viel zitierte Me-Time, aber die ist zweischneidig. Auf der einen Seite ist man sehr froh, dass man sich auch mal erholen kann. Das war für mich am Anfang eine Notwendigkeit.
Aber es ist eine Freiheit, die auch wehtut oder einsam macht, wenn man noch nicht damit umzugehen weiss. Es ist wichtig, die freie Zeit als Chance zu sehen und sie gut zu nutzen. Was mache ich allein, wenn das Familienleben nicht stattfindet? Auch deshalb habe ich jetzt zwei Katzen, damit ich nicht allein im Haus bin, wenn die Kinder nicht da sind.
«Ich würde uns nicht mehr als Familie bezeichnen.»
Ich bin nun in der zweiten Beziehung seit der Trennung von Thomas. Und er ist weiterhin mit Vera zusammen. Am Anfang haben wir noch oft geredet, einander erzählt, was gerade so läuft im Leben des anderen. Das hat aber abgenommen. Er ist heute nicht mehr dieser beste Freund, dem ich emotional nahe bin. Das macht mich immer noch traurig.
Aber wir begegnen uns wohlwollend. Und ich weiss, wenn ich Unterstützung brauche, ist er da – und umgekehrt. Bei Elternabenden ist ganz klar, dass wir beide da sind. Wir sind Eltern und haben drei tolle Kinder zusammen. Aber ich würde uns nicht mehr als Familie bezeichnen.
Man muss akzeptieren, dass man vom Leben der eigenen Kinder einen Teil nicht mitbekommt. Das ist auch das, was schmerzhaft bleibt. Dass unsere Familie nicht mehr ist. Dieses Loslassen ist nicht leicht.
Hast du eine Frage an Sandra? Sag uns, was du wissen willst!
Stell deine Frage direkt hier oder schreib sie unten in die Kommentare. Sandras Antworten kannst du in der nächsten Folge lesen.






