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ErziehungDas verflixte elfte Jahr

Noch nicht unbedingt gross, aber auch nicht mehr klein: Elfjährige Kinder sind auf den Rückhalt der Eltern angewiesen, die ihnen eine Richtung vorgeben. Bild: Thinkstock Kollektion

Nicht mehr in der Trotzphase und noch nicht in der Pubertät: Die Zeit ums elfte Lebensjahr ist äusserst wichtig.

von Gabriele Herfortaktualisiert am 2017 M07 14

Sind Elfjährige schon gross oder noch klein? Diese Frage stellen sich viele Mütter. So auch die Mama von Dimitri, der gewöhnlich allein zum Sport geht und wieder mal die Turnhose liegengelassen hat. Seine Vergesslichkeit und seine Verträumtheit sind noch sehr kindlich – auch wenn er darauf besteht, gross zu sein und von der Mama fordert, dass sie ihm mehr zutraut.

Die Mutter der zehnjährigen Alissa dagegen ist je länger, je mehr überzeugt, dass das oft zickige Verhalten ihrer Tochter und das ständige Verweilen vor dem Spiegel erste Anzeichen der Pubertät sind.

Jugendliche sind heute früher reif

Tatsächlich setzt die Pubertät etwa fünf Jahre früher ein als vor 150 Jahren. Fachleute vermuten bessere Medizin und besseres Essen als Gründe. Aber auch die höhere Ausschüttung von Stresshormonen, etwa bei Problemen im Umfeld, kann bei Mädchen frühere Regelblutung auslösen.

Die hormonellen Veränderungen gehen den körperlichen meist ein bis zwei Jahre voraus. Wann sie einsetzen, ist von Kind zu Kind unterschiedlich. Den Jungen merkt man äusserlich meist nicht viel an – ausser, dass langsam Pickel spriessen, dass sie in die Höhe schiessen und man mit ihnen auf Augenhöhe kommunizieren kann. Oder dass sie, wie Dimitri, die Haare öfter waschen.

Die Mädchen sind in diesem Alter oft weiter entwickelt. Alissas Körper zeigt weibliche Formen, sie hat Brüste und seit einem Jahr die Regel. Andere Jungen und Mädchen wirken kindlich, wie etwa der zwölfjährige Pascal, der gern mit der Mutter kuschelt und ohne Gutenachtkuss und -geschichte nicht einschlafen kann.

Teenager interessieren sich für gesellschaftliche Themen

Kinder in dieser Zwischenphase können sich länger konzentrieren – bis zu 45 Minuten. Und sie beginnen abstrakt zu denken. Sie zeigen zunehmend Interesse an gesellschaftlichen Themen und entwickeln die Fähigkeit, Perspektiven zu wechseln. Sie können sich in die Probleme eines Freundes hineindenken. So meinte Alissa im Gespräch mit der Mutter: «Kein Wunder, dass der Kevin so schüchtern ist, er darf ja nie mitspielen.»

Der Wortschatz wächst sprunghaft, die Fähigkeit, schwierige Sätze zu bilden, nimmt zu. Und auch bei chaotischen Kindern besteht die Hoffnung, dass sie Organisations- und Planungstalent entwickeln.

Gleichaltrige sind ein wichtiger Vergleichsmassstab

Auch ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn spielt in diesem Alter eine grosse Rolle: Gleiches Recht für alle! So lässt es Dimitri nicht über sich ergehen, als die jüngere Schwester Leonie ihm den Stinkefinger zeigt. Er fordert von der Mutter die gleiche Konsequenz wie bei ihm, nämlich eine Kürzung des Taschengeldes. Halten Eltern die Fair-unfair-Regeln nicht ein, steigen die Sprösslinge auf die Barrikaden.

Kinder wollen jetzt auch ergründen, wer sie sind, was ihnen leichtfällt und was weniger. Sie vergleichen sich mit anderen und hoffen, nicht allzu schlecht abzuschneiden – aber auch nicht allzu gut, um möglichst nicht aufzufallen. Die Orientierung an Gleichaltrigen ist zentral. Das Dazugehörigkeitsgefühl steht im Mittelpunkt.

In der Gemeinschaft mit Gleichaltrigen erfahren Kinder, wie die Gesellschaft funktioniert: mit den Anführern, den Gefolgsleuten, den Schwächeren und den Aussenseitern. Und sie üben sich in sozialem Verhalten, lernen, sich anzupassen, abzugrenzen, zu helfen und Initiative zu ergreifen.

Spürt ein Kind, dass es bei Gleichaltrigen beliebt ist, ist seine Welt in Ordnung. Fühlt es sich ausgeschlossen, weil es nicht so gut schwimmen kann wie die anderen, leidet es. Jungen tragen ihre Ablehnung eher körperlich aus, indem sie gegen den «Loser» kämpfen. Mädchen tendieren zu Intrigen. Eltern tun gut daran, sich nicht ins Gruppenverhalten einzumischen und ihr Kind in seinem Selbstbewusstsein zu stärken. Geht die Entwicklung aber Richtung Mobbing, muss man unbedingt die Lehrkräfte informieren.

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Checkliste «Pubertierende Jugendliche» bei Guider, dem digitalen Berater des Beobachters

Wie verhalten sich Mädchen und Jungen während der Pubertät? Welche Erfahrungen und körperlichen Veränderungen durchleben sie in dieser Zeit? Mitglieder von Guider finden in der Checkliste «Pubertierende Jugendliche» Rat zu diesen und weiteren Erziehungsfragen.

Kinder orientieren sich primär an Äusserlichkeiten

Zur eigenen Identität gehört die eigene Herkunft. Darum ist die Frage «Wer bin ich?» eng verknüpft mit «Was besitzen meine Eltern und jene meiner Freunde? Welches Auto fahren sie? Wie oft gehen sie in die Ferien und wohin?» Auch wenn Erwachsene nicht darüber begeistert sind: Für Kinder in diesem Alter sind solche Äusserlichkeiten ein Kriterium, um Menschen einzuschätzen. Ein zutreffenderes kennen sie noch nicht.

Auch fehlt ihnen die Fähigkeit, Charaktere zu bewerten. Sie begreifen deshalb oft nicht, dass andere Kinder nichts dafür können, dass ihre Eltern arm oder reich sind. Das ändert sich erst im Laufe des Erwachsenwerdens. Bis dahin müssen Eltern immer wieder erklären, warum sie es sich nicht leisten können, in den Ferien nach Australien zu fliegen wie die Familie der besten Freundin.

Eltern müssen Kindern sagen, wo es langgeht

Doch wo finden die Heranwachsenden Halt? Die Familie steht über allem. Eltern werden erkennen, dass elfjährige Kinder im Vergleich zu den Vorjahren souveränder, harmonischer und ansprechbarer sind. Wenn sie jedoch Gegenwind zu spüren bekommen, wissen sie, dass die Phase der Pubertät nicht mehr lange auf sich warten lässt. Es ist die Ruhe vor dem Sturm.

Ein häufiger Streitpunkt ist das Thema Medien: Wie lange vor dem Computer oder Fernseher sitzen? Natürlich sind Kinder anderer Meinung als ihre Eltern, aber dahinter steht die grosse Frage: Wie stark sind Mama und Papa? Und können sie mir noch eine Stütze sein? Erziehende sollten bemüht sein, ihren Kindern zuzuhören, die Sicht ihrer Dinge zu verstehen und ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen. Gleichzeitig muss ihnen aber auch klar gemacht werden, dass sie bestimmen. Auch wenn Kinder es nicht wahrhaben wollen, so ahnen sie doch: Eltern wissen über vieles besser Bescheid. Zum Beispiel, dass es eine völlige Über­forderung wäre, sie allein zu einem Popkonzert gehen zu lassen. Ausnahmen bestätigen natürlich immer die Regel. Aber so selbständig und gross Elfjährige sich auch fühlen: Sie sind immer noch Kinder.

Was können Eltern elfjähriger Kinder tun?

  • Darauf vertrauen, dass das eigene Vorbild und die eigenen Einflüsse mehr oder weniger standhalten.
  • Dem Kind ein Stück Kindheit bewahren. Nicht jedes angeblich teenagerhafte Verhalten muss gefördert werden: Eine Elfjährige braucht nicht geschminkt zur Schule zu gehen, ein Elfjähriger muss kein Bier versucht haben.
  • Auch wenn es nicht immer den Anschein macht: Die Kinder brauchen viel Zuwendung und das Vertrauen, dass die Eltern sie lieben und zu ihnen stehen.
  • Im Gespräch und in Beziehung bleiben. Sie sind in einem Alter, in dem man offen mit ihnen reden kann.
  • Auf die Geschicklichkeit und den Instinkt der Kinder vertrauen und sie auch getrost einmal allein ihrem wilden Treiben überlassen. Bei aller Freiheit brauchen sie aber einen sicheren Hafen.
  • Die Kinder beraten, auch wenn sie mit Gleichaltrigen eigenständig handeln.
  • Wann immer möglich den besten Freund, die beste Freundin zu Ausflügen, Festen und auch in die Ferien mitnehmen.

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