Beobachter: Sie beraten oft Menschen, die um die 60'000 Franken Schulden haben. Was sind die grössten Schuldenfallen?
Barbara Mantz: Die meisten Klienten haben in mehreren Bereichen Schulden. Ein grosses ­Thema sind die Steuern: Viele sind mit den ­Zahlungen ständig in Verzug und stottern jetzt die Steuerrechnung von 2010 oder 2011 ab. ­Zudem habe ich häufig mit Leuten zu tun, die die Raten für die Kreditkartenschulden, für den Klein­kredit oder für das geleaste Auto nicht mehr zahlen können. Kontoüberziehungen, unbezahlte Krankenkassenrechnungen und hohe Handyrechnungen sind weitere Schuldenfallen.

Beobachter: Wenn man gut verdient und monatliche Raten von 500 Franken ­leicht zahlen kann, ist ein Kleinkredit okay – oder nicht?
Mantz: Die Lauffrist von Kleinkrediten beträgt oft fünf Jahre. In dieser Zeit kann viel passieren: ein ­Jobverlust, ein Unfall, eine schwere Krankheit, eine Scheidung – die Scheidungsrate beträgt in der Schweiz 50 Prozent. Gegen Kleinkredite sprechen zudem die hohen Zinsen.

Beobachter: Ist es problematisch, wenn man Kleider und Schuhe stets mit Kredit- und Kundenkarten bezahlt?
Mantz: Diese Art der Verschuldung hat zugenommen. Immer mehr Geschäfte bieten solche Karten an: Zinssätze von 15 Prozent sind gang und gäbe. Eine Arbeitskollegin von mir hat eine Klientin beraten, die 22 Kredit- und Kundenkarten hatte. Da verliert man zwangsläufig den Überblick.

Beobachter: Soll man diese Karten generell meiden?
Mantz: Karten, mit denen man Punkte sammeln kann, können ja noch sinnvoll sein. Von Kundenkarten, die wie eine Kreditkarte einsetzbar sind, würde ich bei knappem Budget jedoch abraten.

Beobachter: Manche Leute müssen ihre Kreditkartenrechnungen ständig in Raten abzahlen, weil sie zu viel kaufen. Was raten Sie da?
Mantz: Eine gute Alternative sind die bei den Banken oder bei der Post erhältlichen Prepaidkarten. Man lädt die Kreditkarte mit einer bestimmten Summe auf. Dann kann man damit bezahlen, bis der Betrag aufgebraucht ist.

Beobachter: Autoleasing wird oft als grosse ­Schuldenfalle bezeichnet. Warum?
Mantz: Der Hauptgrund ist, dass es schwierig ist, aus einem solchen Vertrag auszusteigen, wenn man sich das Leasing nicht mehr leisten kann. Ich kenne Klienten, die Leasingraten zahlen mussten, als das Auto schon längst kaputt war. Dazu kommt, dass die meisten Leute die Unterhaltskosten ihres Autos massiv unterschätzen.

Beobachter: Warum sind oft schon Junge verschuldet?
Mantz: Wenn junge Leute Schulden haben, sind hohe Handyrechnungen meist dabei. Manche geben mehrere hundert Franken pro Monat fürs Telefonieren aus. Die Smartphones können eine ­zusätzliche Schuldenfalle sein, weil viele Nutzer ständig irgendetwas aus dem Internet herunterladen. Je nach Abo fallen dabei zusätzliche Kos­ten an. Auch wer im Ausland oft mit dem Handy telefoniert oder von dort seine Mails herunterlädt, kann böse Überraschungen erleben.

Beobachter: Trotzdem: Viele wollen um keinen Preis auf ihr Smartphone verzichten.
Mantz: Das müssen sie auch nicht. Viele Leute blicken jedoch im Tarifdschungel nicht durch und schliessen ein Abo ab, das ihren Bedürfnissen nicht wirklich entspricht.

Beobachter: Können junge Menschen schlechter mit Geld umgehen als ältere?
Mantz: Nein. Oft haben Schulden mit Fehleinschätzungen zu tun, unabhängig vom Alter. Mir fällt jedoch auf, dass viele Jugendliche, solange sie zu Hause wohnen, von ihrem Einkommen nichts abgeben müssen. Das heisst: Es steht ­ihnen relativ viel Geld zur Verfügung. Später müssen sie eine Wohnung, Möbel und häufig ein Auto finanzieren. Oft reicht dann eine nicht einkalkulierte Ausgabe – etwa eine Steuerrechnung –, und schon stecken sie in den Schulden.

Beobachter: Sind Schulden oft die Folge eines zu ­aufwendigen Lebensstils?
Mantz: Längst nicht immer. Ich berate auch Menschen, die ein Leben lang recht bescheiden gelebt ­haben. Dann trifft sie ein Schicksalsschlag: ein Jobverlust, eine Krankheit, eine Scheidung. Und schon reicht das Geld nicht mehr.

Beobachter: Wie gehen Sie konkret vor, wenn jemand zu Ihnen in die Schuldenberatung kommt?
Mantz: Als Erstes stellen wir ein Budget auf – das ist das A und O. Dann thematisieren wir die sozialen Belastungen, die Lebensperspektiven und die Hintergründe der Verschuldung. Bei Bedarf ­vermitteln wir die Menschen an spezialisierte Beratungsstellen.

Beobachter: Und dann?
Mantz: Anschliessend betrachten wir die Gesamtsituation und suchen einen gemeinsamen Lösungsweg. Im Prinzip gibt es nur drei Möglichkeiten: eine Schuldensanierung, einen Privatkonkurs und ein Sich-Arrangieren mit den Schulden.

Beobachter: Kommt es oft vor, dass jemand so wenig verdient, dass der Lohn nicht gepfändet werden kann?
Mantz: Schätzungsweise bei jedem fünften Fall, den ich berate, gibt es gar nichts oder nur ganz wenig zu pfänden. In solchen Fällen kann man erst mal keine Schuldensanierung machen. Meine Aufgabe besteht darin, den Klienten psychosozial zu begleiten und ihm etwa aufzuzeigen, welche Rechnungen er unbedingt bezahlen muss: Krankenkasse, Wohnung plus Nebenkosten und Strom, Billette für den öffentlichen Verkehr.

Beobachter: Ist der Privatkonkurs ein Weg, ­schuldenfrei zu werden?
Mantz: Nein. Die Schulden bleiben bestehen – die ­Verlustscheine sind 20 Jahre gültig. Wird der Schuldner im Lauf dieser Zeit erneut betrieben, fängt die Frist wieder von vorn an zu laufen.

Beobachter: Werden viele ihre Schulden nie mehr los?
Mantz: Ja, ein Teil unserer Klienten muss ein Leben lang mit den Schulden leben. Trotzdem ist die Situation nicht überall hoffnungslos. Lebens­situationen ändern sich. Manche finden einen besser bezahlten Job, oder die Familienausgaben sinken, wenn die Kinder ausziehen.

Schuldenberatung

Barbara Mantz
Die 53-jährige Juristin arbeitet als Schuldenberaterin und Sozialarbeiterin für die Caritas Zürich.

Schuldenhotline: Telefon 0800 708 708 (gratis)

Weitere Informationen über Geld, Budget und Schulden sowie ein Verzeichnis der Schuldenberatungsstellen in den Kantonen finden Sie unter www.caritas-schuldenberatung.ch

Quelle: Thinkstock Kollektion