«Bei Schichtbeginn hat das Zittern angefangen und nicht mehr aufgehört», erzählt eine Pflegefachfrau aus dem Raum Zürich. Sie war auf einer Akutstation zwei Wochen lang allein verantwortlich für 24 Patienten. Sie hat die Reissleine gezogen und die Stelle gewechselt.

Eine Pflegende aus der Region Thun erzählt: «Mir ist auf dem Parkplatz vor dem Heim speiübel geworden. Mehrmals. Aber ich habe es unterdrückt und bin arbeiten gegangen. Zusammengebrochen bin ich erst, als ich meine Kündigung eingereicht habe. Ein klassisches Burn-out.»

Der Beobachter hat nach Pflegefachkräften gesucht, die unter der psychischen Belastung ihres Arbeitsalltags leiden. Die Rückmeldungen kamen schnell und zahlreich. Vom Genfer- bis zum Bodensee, von Pflegeheimen bis hin zu psychiatrischen Einrichtungen. Alle klingen gleich. Zu viele Patienten, zu wenig Zeit. Und der Druck macht krank: 

  • «Ich mache nur noch Handgriffe, das ist keine Pflege. Am Abend falle ich ausgelaugt ins Bett.» 
  • «Es gibt Dinge in unserem Alltag, die lassen einen nicht mehr los. Ich bin ins Loch gefallen und war zwei Monate lang krankgeschrieben. Eine Depression.» 
  • «Ich fiel wegen Angstzuständen aus. Angst vor Fehlern und Angst vor einer Pflege, die gefährlich ist.»
  •  «Ich habe keine Zeit, meine Patienten richtig zu waschen. In der Nacht schlafe ich nicht und überlege, ob ich aus dem Beruf aussteigen soll.»

Politik unterschätzt psychische Belastung

20 bis 40 Prozent der Pflegefachkräfte zeigen Symptome von Burn-out, Depression oder Angsterkrankungen, sagt Tobias Spiller. Er ist Assistenzarzt und Postdoktorand an der Klinik für Konsiliarpsychiatrie und Psychosomatik des Universitätsspitals Zürich. Im April hat er eine Studie zum psychischen Gesundheitszustand des Pflegepersonals während der Pandemie gemacht. Es werde von Politik und Institutionen teilweise unterschätzt, wie viele Leute im Gesundheitsberuf psychische Erkrankungen haben.

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«Fast niemand im Pflegeberuf hält mehr als ein 80-Prozent-Pensum aus.»

Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen (SBK)

220'000 Frauen und Männer arbeiten in der Schweiz in der Pflege. Cindy Bracchi ist eine davon. Die 44-Jährige zeigt in diesem Artikel ihr Gesicht, weil sie ihren Beruf, der sie krank gemacht hat, liebt. «Mein erstes Burn-out hatte ich vor fünf Jahren. Anspannung und Druck haben sich über Jahre aufgestaut.» Die Schweiz müsse endlich genauer hinschauen, wenn es um Arbeitsbedingungen des Pflegepersonals gehe.

Bracchi war 17, als sie als Praktikantin in den Beruf einstieg. Mit 33 Jahren schloss sie die Ausbildung zur diplomierten Pflegefachfrau ab. Der Druck nahm zu, die Zeit mit den Patienten ab. Bald erlitt sie erste Burn-out-Symptome. Sie kündigte.

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«Ich schleppte mich vom Bett auf die Arbeit und wieder ins Bett. Ich schlief schlecht, hatte Herzrasen und zitterte sogar zu Hause.» Sie trennte sich von ihrem Mann, stand mit zwei Teenagern allein da und begann in einem Pflegeheim nachts zu arbeiten. Ein Jahr später folgte das Burn-out. Angekündigt hatte es sich schon lange. 

Drei Monate blieb Cindy Bracchi zu Hause, arbeitete erst 50 Prozent, dann schnell wieder 80 Prozent. Vier Jahre lang schleppte sie sich mit einem halb kurierten Burn-out durch. Wieder hatte sie Herzrasen, zitterte und schlief nicht. Dann verunfallte sie mit dem Auto, übermüdet auf dem Heimweg von der Nachtschicht. Das war vor einem Jahr. Sie liess sich in eine Burn-out-Klinik einweisen und kündigte ihre Stelle auf Ende März.

«Für mich war das fast zu spät. Die jahrelange psychische Belastung hat auch einen problematischen Umgang mit Alkohol bewirkt. Noch im März bin ich zusammengebrochen und musste reanimiert werden.»

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Grosses Engagement mit Folgen

Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen (SBK), sagt: «Fast niemand im Pflegeberuf hält mehr als ein 80-Prozent-Pensum aus.» Die Belastung sei zu gross. Zwar würden Pflegende schon in der Ausbildung lernen, wie man mit Menschen in Grenzsituationen umgeht, wie gute Psychohygiene funktioniert. Doch der Umgang mit komplexen Situationen brauche Zeit. «Und genau Zeit ist in der Pflege absolute Mangelware. Viele Pflegende haben das Gefühl, weder ihren Patienten noch dem Job gerecht zu werden.»

Vom Pflegeberuf als einer typischen Hochrisikosituation für ein Burn-out spricht auch der Arzt Tobias Spiller. Gefährlich werde es, wenn sich jemand übermässig verausgabe. Viele würden sich mit grossem Engagement für ihre Patienten einsetzen, oft über das Ende der Schicht hinaus. Pflegende arbeiten mit flexiblen Arbeitszeiten, viel Zeitdruck und komplexen Patientengeschichten, ohne dass ihnen ein grosser Handlungsspielraum gewährt wird. Sie müssen sich an genaue Vorgaben halten und können nur bedingt selber entscheiden.

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Die Bürokratisierung verringere zusätzlich die Betreuungszeit für die Patientinnen und Patienten. Die Unterstützung und Wertschätzung durch den Arbeitgeber könnte helfen. Die Coronakrise habe jedoch gezeigt, wie unterschiedlich sie von Arbeitgeber zu Arbeitgeber ausfalle.

Mehr Zeit, mehr Personal

«Mit etwas Applaus ist es nicht getan. Und eine finanzielle Anerkennung wäre nötig, aber kaum nachhaltig», sagt auch Yvonne Ribi. Wichtiger seien Mitspracherecht und mehr Einfluss, zudem müssten Pflegevertreter in den obersten Leitungsgremien vertreten sein.

Dann brauche es klar mehr Zeit für die Pflege und mehr Personal. Ribi fordert zudem verlässliche Arbeitspläne, weil die Kultur des Einspringens wenig Raum für Erholung lasse, und Nacht- und Wochenendschichten müssten anständig entschädigt werden. «Pflege ist keine Selbstaufgabe. Pflege ist ein Beruf. Um ihn aber richtig ausführen zu können, braucht es die richtigen Arbeitsbedingungen. Unser Gesundheitssystem hängt davon ab», so Ribi.

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«Die Verantwortung für die Arbeitsbedingungen der Pflege wurde von der Politik und den Institutionen zu lange hin- und hergeschoben», sagt Migmar Dhakyel, Zentralsekretärin Gesundheit der Gewerkschaft Syna. Dieser Wirrwarr mache es schwierig, Forderungen zu platzieren. «Die Situation des Pflegepersonals ist hochexplosiv. Und der Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften wird immer gefährlicher.» Gemäss einer neuen Studie liessen sich mit mehr diplomierten Pflegefachpersonen jährlich 1,5 Milliarden Franken sparen und 200 Tote verhindern.

Pflegeinitiative und Protestwoche

Seit drei Jahren liegt eine Volksinitiative für eine starke Pflege auf dem Tisch. Sie fordert eine Ausbildungsoffensive, mehr Personal, mehr Eigenverantwortung und bessere Arbeitsbedingungen. Der Nationalrat hat aus zwei der Forderungen einen Gegenvorschlag formuliert. Er will Kantone verpflichten, mehr finanzielle Mittel in die Ausbildung fliessen zu lassen. Bestimmte Pflegeleistungen sollen weniger bürokratisch verrechnet werden. Der Ständerat behandelt das Geschäft voraussichtlich im Winter.

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Die Verbände sind damit nicht zufrieden. «Mit unserer Pflegeinitiative haben wir ein ganzes Päckli an Verbesserungen gefordert», sagt Yvonne Ribi. «Es nützt wenig, mehr Leute in der Ausbildung anzustellen, wenn der Nachwuchs wieder aus dem Beruf aussteigt, weil die Arbeitsbedingungen nicht gut sind, die emotionale Belastung zu gross wird.»

Für Ende Oktober ruft das kürzlich geformte Bündnis Gesundheit, bestehend aus SBK, VPOD und Syna, zu einer nationalen Protestwoche auf. Und am 31. Oktober werde auf dem Bundesplatz gemeinsam für die Gesundheitsberufe eingestanden.

Cindy Bracchi geht es heute wieder gut. «Ich bin verdammt stolz auf meinen Beruf. Er ist eine der beliebtesten Ausbildungen der Schweiz», sagt sie. «Dass es trotzdem an Pflegenden mangelt, sagt viel. Sie steigen aus, bevor sie zusammenbrechen. Ich kann es ihnen nicht verübeln.» Seit August arbeitet sie 50 Prozent bei einem neuen Arbeitgeber und kämpft weiter für ihren Beruf.

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Anina Frischknecht, Redaktorin

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