Sein erster LSD-Trip sei eine Offenbarung gewesen, sagt Claude Weill. Er stand damals mitten im Leben, war 53, Erwachsenenbildner und Journalist. Er wollte seinen Horizont erweitern, seine «Handbremse lösen». Deshalb griff er zur illegalen Droge.

Weill, 69, trägt ein gebügeltes Hemd und die Haare kurz. Nichts gemahnt an die Hippies, die Acid Heads, die in den Sechzigerjahren auch mal im LSD-Rausch den Aufstand gegen den Vietnamkrieg probten. Nachdem es im Zusammenhang mit LSD zu Morden und Suiziden gekommen war, wurde die Substanz 1966 in den USA verboten – 1971 auch in der Schweiz.

Die Bündner Pflegefachfrau Melanie Casutt* wirkt nicht besonders rebellisch. Sie war 39, als sie zum ersten Mal eine psychotrope Droge schluckte. In ihrem Fall war es Ecstasy. Sie habe sich persönlich weiterentwickeln wollen.

Sinnsuchende beziehen die Psychedelika meist in spirituellen Kreisen. Claude Weill fand nach einem Jahr einen Therapeuten, der die speziellen Reisen anbot. Melanie Casutts Freundin nahm sie in eine schamanistische Gruppe mit, wo sie ein Halluzinogen ausprobierte.

«Überwältigend!»

Die 53-Jährige – sie ist zweifache Mutter und Grossmutter – gerät noch heute ins Schwärmen. Es sei «überwältigend!» gewesen. Sie sei in eine ganz neue, bisher verborgene Dimension ihres Daseins vorgedrungen. «Ich habe erkannt, dass ich ein gutes, ein schönes Herz habe.» Das sei eine sehr versöhnliche Erfahrung gewesen.

Was treibt gestandene Frauen und Männer an, mit illegalen Substanzen zu experimentieren? «Eine Mischung aus Neugierde und der Sehnsucht nach Ganzheit, nach Verbundenheit», sagt Melanie Casutt. Claude Weill begann die Reise zu seinen Grenzen mit Fallschirmspringen und Feuerlaufen. Psychedelika Forschung «Psychedelika helfen bei Depression und Sucht» waren für ihn eine weitere Möglichkeit, «herauszufinden, wer ich wirklich bin».

Seit zehn Jahren sucht auch Bruno Berger* mit psilocybinhaltigen Pilzen, LSD und Ecstasy nach tieferen Einsichten und innerer Heilung. Der 55-Jährige, der in der Innerschweiz weitab vom nächsten Dorf in einem Bauernhaus lebt und im Tal psychisch erkrankte Menschen Vorurteile Psychische Krankheiten sind keine Einbildung betreut, suchte seine Pilze selber. Er ass sie allein, draussen in der Natur. Inzwischen besucht er auch Gruppen, die gemeinsam «reisen». Er habe beglückende Erlebnisse gehabt und die Erkenntnis gewonnen, dass Pflanzen beseelt seien, genau wie Tiere. «Alles hängt mit allem zusammen.»

Psychedelika, mit Umsicht eingenommen, könnten einen zum Besseren verändern, sagt Berger. «Sie erlauben einem, nicht nur seine Umwelt, sondern auch sich selber von einer umfassenderen Seite zu erleben.» Und je vielfältiger die persönlichen Erfahrungen und der Blickwinkel seien, desto näher komme man der Wahrheit.

Anzeige

Aus Gewohnheiten ausbrechen

Ähnlich argumentiert der US-Starjournalist Michael Pollan in seinem neuen Buch «Verändere dein Bewusstsein». Darin fordert er ältere Leute geradezu auf, Halluzinogene auszuprobieren. «Je älter wir werden, desto mehr sind wir Gefangene unserer Gewohnheiten.» Psychedelika könnten helfen, das eigene Verhalten neu zu beurteilen.

Wie viele Menschen in der Schweiz in der zweiten Lebenshälfte Drogen Drogen legalisieren Wie schlimm sind Drogen wirklich? konsumieren, die das Bewusstsein verändern, weiss niemand so genau. «Es sind mehr, als man meint», sagt Claude Weill, der das Buch «Elysium hin und zurück» über «LSD-Veteraninnen und -Veteranen» geschrieben hat. Er habe den Sprachlosen eine Stimme geben wollen. «Diese Erfahrungen gehören für viele von uns zu den wichtigsten im Leben. Es ist sehr störend, dass wir nicht offen darüber sprechen können.»

Von den 35- bis 49-Jährigen haben mehr als 6 Prozent bereits Speed, LSD oder halluzinogene Pilze konsumiert; bei den Männern sind es 8,5 Prozent. Das sind gemäss dem Schweizerischen Gesundheitsobservatorium Obsan doppelt so viele wie vor 20 Jahren. Abhängigkeitsprobleme gebe es so gut wie nie, heisst es beim Kompetenzzentrum Sucht Schweiz. Im Ranking der gefährlichen Drogen finden sich LSD und Co. deshalb erst auf den hintersten Rängen.

Sinnsuchende machen beim Pröbeln mit psychedelischen Drogen ganz persönliche Erfahrungen. Doch es gibt Parallelen. «Mein erster Trip war wie ein Eintauchen in ein Märchen aus ‹Tausendundeiner Nacht›», erzählt Claude Weill. «Die Farben wurden unglaublich intensiv, die Leute um mich herum wurden zu Prinzessinnen, Prinzen. Alles verwandelte sich in Schönheit. Ich sass acht Stunden mit offenem Mund da und staunte einfach nur.» Bruno Berger und Melanie Casutt erzählen ebenfalls von umwerfend schönen Bildern und einer allumfassenden Einheitserfahrung.

Anzeige

Es gibt auch Schattenseiten

Wer wiederholt konsumiere, mache weniger spektakuläre Erfahrungen, berichten die drei. «Eine höher dosierte Reise mit Pilzen oder LSD ist kein Sonntagsspaziergang», sagt Bruno Berger. Neben den heilenden Einsichten tauchten auch eigene Schattenseiten auf. Es habe ihn verunsichert und auch ein wenig gekränkt, dass nach den Prinzessinnen plötzlich alltägliche Themen aufgetaucht seien, sagt Claude Weill. «Du hast quasi neben Gott gesessen, und plötzlich musst du dich wieder mit deinem eigenen kleinen Persönchen auseinandersetzen.»

Psychedelische Drogen seien kein Schnellzug zur Erleuchtung. «Erst wenn es gelingt, die Erfahrungen ins Leben zu integrieren, offener, toleranter und mitfühlender zu werden, ändert sich etwas», sagt Weill weiter. Das sei harte Arbeit – unabhängig davon, ob die Erkenntnisse in der Meditation Meditation Mit Übung zur Ruhe , im Gebet oder dank einer Partydroge zustande kommen.

Für Bruno Berger sind Halluzinogene Sakramente, «Geschenke der Natur an den Menschen». Der Konsum gehe mit einer Verpflichtung einher: «Wer erkennt, wie stark wir verbunden sind mit der Natur und den Wesen um uns herum, der sieht nicht mehr so einfach über die Zerstörung der Schöpfung hinweg.»

Ein Führerschein für LSD

Dennoch sind die drei skeptisch gegenüber einer totalen Freigabe aller psychotropen Substanzen. «Es schockiert mich, wie unkontrolliert Junge an Partys Ecstasy einwerfen», sagt Melanie Casutt. Claude Weill ist für ein «Reife-Modell», die Einführung eines LSD-Führerscheins: «Wer erwachsen ist, das nötige Grundlagenwissen mitbringt und unter Anleitung erste Erfahrungen mit Psychedelika gemacht hat, soll legal konsumieren dürfen.»

Anzeige

Auch bei Forscherinnen und Forschern ist in den letzten Jahren das Interesse an Psychedelika stark gestiegen, insbesondere für die Behandlung von psychischen Erkrankungen.

Paradox, dass heute die ersten Testpersonen Veteranen der US-Army sind, die nach dem Kriegseinsatz im Irak und in Afghanistan unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. An Erfahrungen, vor denen sie die Acid Heads mit ihrem Protest gegen den Vietnamkrieg bewahren wollten.
 

«Ich halte nichts von Verboten»

Suchtmediziner Toni Berthel sieht grosses Potenzial in LSD & Co. Erwachsene könnten durchaus vernünftig damit umgehen.

Beobachter: Was macht Psychedelika anders als andere Drogen?
Toni Berthel: Psychoaktive Substanzen können zur Erweiterung der Erfahrungsmöglichkeiten eingesetzt werden. Der Konsum – in der Regel ritualisiert – ermöglicht erweiterte Sinnzusammenhänge, unterstützt die Kreativität Psychologie Darum tut es gut, kreativ zu sein und gestaltet eine neue soziale und individuelle Welt.


Können Psychedelika gefährlich werden?
In meiner bald 40-jährigen Zeit als Arzt, Psychiater und Suchtmediziner habe ich keine Menschen in Behandlung gehabt, die einen problematischen Psychedelika-Konsum zeigten. Es gibt aber besonders verletzliche Menschen, die nach dem Konsum unangenehme Symptome erleben, beispielsweise Ängste.


Ergibt das Verbot von Psychedelika noch Sinn?
Aus medizinisch-psychiatrischer Sicht haben Substanzen wie LSD oder Psilocybin durchaus positive Wirkungen. Ich halte grundsätzlich nichts vom Verbot. Nach ausreichender Aufklärung, sorgfältiger Vorbereitung und Begleitung sind erwachsene Menschen fähig, solche Substanzen konstruktiv und sinnvoll einzusetzen. Sie brauchen keine Lebensführungs-Besserwisser.


Taugen diese Substanzen als Therapie?
Die bisherigen Forschungsresultate zeigen das enorme Potenzial für die Behandlung von Angststörungen, Depressionen, Suchterkrankungen und auch bei Traumafolgestörungen. Es ist zu erwarten, dass sie in der Medizin erfolgreich zu Heilungszwecken eingesetzt werden. Zugleich ist es angezeigt, den Legalstatus anzupassen, damit ein kontrollierter Umgang Drogen legalisieren Wie schlimm sind Drogen wirklich? mit ihnen möglich wird.
 

Zur Person

Toni Berthel, Psychiater

Toni Berthel ist Psychiater in Winterthur. Bis Ende 2019 war er Präsident der Eidgenössischen Kommission für Suchtfragen.

Quelle: Privat

«Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox»

Andres Büchi, Chefredaktor

Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox

Der Beobachter Newsletter