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Pflanzliche AntidepressivaHelfen Zauberpilze gegen Depressionen?

Nicht immer wirken Psychopharmaka. Doch ausgerechnet eine psychedelische Droge verspricht Linderung.

Auch als «magic Mushroom» bekannt: Der Spitzkegelige Kahlkopf könnte eine Lösung für Depressive sein.
Von Veröffentlicht am 17. Januar 2019, aktualisiert am 16. Januar 2019

Der manisch-depressive Schriftsteller Thomas Melle weiss, wie Psychopharmaka Antidepressiva Abhängig? Die Pharma interessierts nicht wirken – und was damit einhergeht. Die Wahrnehmung sei stark eingeschränkt, der Geist abgedämmt, Begreifen und Erinnern würden schwierig. «Sozialer Rückzug ist die Folge, Passivität, Malaise, Indifferenz.» Melle kennt auch die Nebenwirkungen: Gewichtszunahme, Übelkeit, Haarausfall, Libidoverlust, Schwindelgefühl. Der deutsche Autor verweigerte deshalb die Medikamente lange Zeit.

Er ist einer von wenigen. 2017 wurden in der Schweiz 3,6 Millionen Packungen Antidepressiva verkauft. Je nach Quelle erkranken 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung einmal im Leben an einer Depression. Konservativ geschätzt sind derzeit rund 750'000 Personen depressiv. Sie hoffen, mit Medikamenten wie Cipralex, Remeron und Efexor einen Weg aus der Dunkelheit zu finden.

3,6 Millionen Packungen Antidepressiva wurden 2017 in der Schweiz verkauft

 

Oft bleibt es bei der Hoffnung. «Bei einem Drittel bis zur Hälfte der Patienten schlägt das erste Mittel nicht an, und bei rund einem Viertel wirkt gar kein Medikament», sagt Annette Brühl, stellvertretende Chefärztin an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Die Wahl des richtigen Medikaments hänge von der Diagnose und den Nebenwirkungen Medikamente Vor schweren Schäden wird zu spät gewarnt ab. «Das Schwierige ist, die Balance zwischen Wirkung und Nebenwirkung zu finden», sagt Brühl. Auf Mittel, die abhängig machen können, verzichtet sie so weit als möglich.

Trotz dieser Schwierigkeiten wird wenig nach neuen Antidepressiva Depressionen Wem helfen Pillen? geforscht. In den vergangenen zehn Jahren kam in der Schweiz kein neues Mittel auf den Markt. Das wird sich nicht gross ändern. Einzig Novartis ist an klinischen Studien für ein «schnell wirkendes Antidepressivum» dran, wie der Konzern bestätigt. Pharmafirmen wie GlaxoSmithKline, Sanofi, Roche, Pfizer oder AstraZeneca setzen andere Schwerpunkte.

Ein Pilz gegen Depressionen?

Hilfe für Depressive kommt vielleicht bald von ganz anderer Seite, vom Zürcher Neurowissenschaftler und Psychiater Franz Xaver Vollenweider. Er hat mit der weltweit ersten Placebo-kontrollierten Studie mit Psilocybin begonnen. Sie soll zeigen, ob und wie der Wirkstoff depressive Symptome bei Patienten lindert. 

Psilocybin? Genau: Das ist Stoff, der in «Magic Mushrooms» steckt, in Pilzen wie dem Spitzkegeligen Kahlkopf, der auch auf Schweizer Wiesen wächst. Wer 10 Gramm frische Pilze schluckt – darin sind gut 15 Milligramm Psilocybin enthalten –, darf mit Veränderungen der Wahrnehmung und Glücksgefühlen rechnen. 

Die Lebensqualität Depressiver verbessern – ohne Nebenwirkungen

Der Zürcher Psychiater verspricht sich viel vom Resultat seiner Studie. Frühere Untersuche zeigten, dass Psilocybin depressive Symptome über mehrere Monate verringert. Die Lebensqualität Depressiver verbessere sich schon nach nur einer oder zwei Dosen im Rahmen einer Psychotherapie, und das praktisch ohne Nebenwirkungen. 

10 Gramm Pilz reichen, um Glücksgefühle zu erleben. Fast ohne Nebenwirkungen

 

Psilocybin verbessere den «Informationsaustausch zwischen Hirnregionen, die für die Gefühlsregulation und die Selbstwahrnehmung zuständig sind», sagt Vollenweider. Das wies er bereits in Studien mit bildgebenden Verfahren nach. Depressive seien nicht mehr so stark auf sich selbst fokussiert, grübelten weniger, auch komme es weniger häufig zu übersteigerten Reaktionen auf negative Einflüsse. Dafür verbesserten sich Empathie und soziale Kontakte Einsamkeit Wege aus der Isolation .

Pilze wurden schon in den 80er-Jahren getestet

Franz Xaver Vollenweider ist nicht der Erste, der psychische Krankheiten Vorurteile Psychische Krankheiten sind keine Einbildung mit psychedelischen Drogen kurieren will. 1988 erhielten fünf Therapeuten eine Sonderbewilligung des Bundesamts für Gesundheit für Forschung mit der Hippiedroge LSD und mit MDMA, das in der Partydroge Ecstasy enthalten ist. 

Sie behandelten damit im Rahmen von Gruppentherapien Patienten mit Angststörungen, Suchtproblemen, Depressionen und Persönlichkeitsstörungen. Davor und danach gab es psychotherapeutische Gespräche. Solche Therapien erlaubte der Bund in Ausnahmefällen auch später, etwa zur Behandlung von Frauen mit einem Trauma nach einer Vergewaltigung oder von Patienten mit lebensbedrohlichem Krebs.

Der Solothurner Psychiater und Psychotherapeut Peter Gasser, der verschiedene Male Therapien mit psychedelischen Substanzen machen konnte, wertete die zwischen 1988 und 1993 durchgeführten Tests nachträglich aus. Sein Verdikt: «Meistens war die Behandlung erfolgreich.»

Bundesamt für Gesundheit winkt ab

Nicht bei allen psychischen Erkrankungen ist Psilocybin das richtige Mittel. Für Menschen mit Schizophrenie oder anderen Psychosen eignet sich der Wirkstoff nicht. Patienten aber, die sich gut aufgehoben fühlen, konnten von der Therapie profitieren.

«Sie ist umfassend und tiefgreifend. Schwer Depressiven öffnete sich ein Fenster zur Welt, Traumatisierte konnten ihre Gefühle wieder spüren.» Gasser würde es deshalb begrüssen, wenn der Bund das Verbot dieser Drogen für die psychiatrische Behandlung Psychiatrie Wer in der Psychi war, weiss es besser lockern würde.

«Erst müssen moderne Studien die Wirksamkeit nüchtern untersuchen.»

Matthias Liechti, Stellvertretender Chefarzt und Pharmakologe am Universtitätsspital Basel

 

Beim Bundesamt für Gesundheit winkt man jedoch ab. «Die Substanzen sind verboten, weil sie als gefährlich gelten und keinen nachgewiesenen medizinischen Nutzen haben», schreibt es. Es will diese Substanzen nicht wie Opiate behandeln und eine Abgabe auf Rezept erlauben. Immerhin erteilte das Bundesamt zwischen Mitte 2011 und Mitte 2017 rund 50 Bewilligungen, vorwiegend für die Forschung.

Der Pharmakologe Matthias Liechti glaubt, dass es mehr werden. Er untersucht am Universitätsspital Basel unter anderem die Wirkung von LSD bei gesunden Probanden. «Das ist die erste Stufe von Medikamententests», sagt er. Er plant Studien bei Patienten mit Angsterkrankungen, Depression und Kopfschmerzen. LSD kann gemäss früheren Studien bei solchen Krankheiten helfen. «Erst müssen moderne Studien die Wirksamkeit nüchtern untersuchen», sagt Liechti. Frühestens in zehn Jahren sei eine legale Therapie mit LSD oder Psilocybin möglich.

Positive Resultate in England

In England könnte das schneller gehen. Die Firma Compass Pathways steckt grosse finanzielle Mittel in die Psilocybin-Forschung bei behandlungsresistenten Depressionen. Dahinter stecken milliardenschwere Investoren wie der libertäre Trump-Unterstützer Peter Thiel. Bei der Behandlung sollen Patienten in Anwesenheit von zwei Therapeuten Psilocybin schlucken. Davor und danach wird der Trip in Gesprächen vor- und nachbearbeitet.

Erste Auswertungen zeigten positive Resultate, erklärt Compass-Sprecherin Tracy Cheung. Derzeit läuft eine Studie mit über 200 Patienten in Europa und in den USA. In rund fünf Jahren soll nach den Plänen der Firma ein Medikament erhältlich sein.

«Wissen, was dem Körper gut tut.»

Chantal Hebeisen, Redaktorin

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