«Wie der Schweizer Alltag seine Farbe verlor»

«Sonntags-Zeitung», 6. September 2026

In der Nacht sind alle Autos grau. Auf Schweizer Strassen gilt das auch bei Tageslicht. Ob an der Kreuzung oder aus der Tiefgarage, überall kommt einem das vierrädrige Grauen entgegen. Eine Statistik lieferte jüngst die «Sonntags-Zeitung»: Bei fast 80 Prozent aller neu zugelassenen Personenwagen dominieren die Nichtfarben Grau, Schwarz und Weiss.

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Wenn Kinder Autos malen, greifen sie zum roten, blauen oder grünen Farbstift. Weshalb entscheiden sie sich als Erwachsene für Tristesse? Lässt sich halt besser weiterverkaufen, sagen die Händler. Eine weitere graue Theorie lautet: Wer eine asphaltgraue Karosserie wählt, wird sprichwörtlich eins mit der Strasse und fällt als Falschparkierer weniger auf. Und damit nähern wir uns des Pudels Kern. Es geht ums Auffallen, um etwas, was viele Schweizer um jeden Preis verhindern wollen.

Wem der Mut für Rot, Blau oder Grün fehlt, der legt einfach alle Farben übereinander. Stumpfes Schwarzgrau ist dann der kleinste gemeinsame Nenner. Unweigerlich kommen einem da die «grauen Herren» aus Michael Endes Roman «Momo» in den Sinn, spassbefreite Männer, die «in spinnwebfarbenes Grau gekleidet» waren: «Man sah sie – und man sah sie doch nicht.»

«Brooklyn», «Florettsilber», «Agate» – alles grau

Wenn aber alle Autos, Hosen und Häuser grau sind, färbt das mit der Zeit ab, und unsere Visagen verblassen ebenfalls zu einem neutralen Grau. Dass das keine erbauliche Entwicklung ist, haben auch die Autobauer gecheckt. Deshalb haben sie für ihr Grau neue Namen erfunden, die die Langeweile kaschieren sollen. Bei BMW etwa heisst ein Grauton «Brooklyn», wie der für seine bunten Graffiti bekannte New Yorker Stadtteil. Graue Audis glänzen in «Florettsilber», und das Grau des Porsche schmückt sich mit dem Begriff «Agate», der einen Edelstein bezeichnet.

Wir sollten uns von den grauen Herren und Damen nicht länger täuschen lassen. Gegen die Gleichschaltung in Garage und Kleiderschrank hilft nur eine Farbrevolution: nie wieder Grau!

Quelle