Ein weinendes Mädchen mit Downsyndrom, das angeblich handgemachten Schmuck verkauft und dafür im Netz wüst beschimpft wird – die Videos von «Kleaskunst» auf Tiktok oder Youtube rühren viele zu Tränen. Doch die rührende Geschichte ist eine perfide Lüge. Die fleissige «Klea» existiert gar nicht; sie ist das Produkt einer skrupellosen KI-Betrugsmasche, die auf Mitleidskäufe abzielt.

Auf den ersten Blick wirken die Videos authentisch. Das Mädchen «Klea» zeigt, wie es in liebevoller Handarbeit Tassen, Armbänder und Keramik herstellt. Doch das Geschäft laufe schlecht, heisst es im Video. Schlimmer noch: Sie werde wegen ihrer Behinderung gemein beleidigt. Eingeblendete Hassbotschaften wie «Du bist ein Downi und machst irgendwelche komischen Kettchen – jetzt mal ehrlich, wer braucht den Müll?» oder frei erfundene Pöbeleien auf der Strasse lösen beim Publikum eine Welle der Empörung aus.

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Die emotionale Reaktion in den Kommentaren folgt prompt: Berührte Nutzerinnen und Nutzer wollen die vermeintlich Wehrlose unterstützen und kündigen an, Schmuckstücke oder Tassen zu bestellen. 

Mitleid besiegt die Vernunft

In Tat und Wahrheit stecken dahinter mutmassliche Betrüger, die die Tränendrüsen gezielt für kommerzielle Zwecke manipulieren. Die beworbene «Handarbeit» entpuppt sich gemäss dem evangelischen Onlinemagazin «Indeon» als billige Massenware aus China, die im Dropshipping-Verfahren vertrieben wird. Schlimmer noch: Manchmal werde nach Vorauszahlung überhaupt keine Ware geliefert.

Beratung mit Chatbot

Der deutsche Konsumpsychologe Manuel Lentz erklärt gegenüber «Indeon» den Erfolg der Masche mit «kognitiver Dissonanz»: Das Gefühl des Mitleids sei im ersten Moment so überwältigend, dass Konsumenten sämtliche Warnsignale ausblenden. Der emotionale Wunsch, zu helfen, besiege die Vernunft. 

Behindertenverbände reagieren mit Bestürzung und scharfer Kritik auf diese Form des digitalen Betrugs. Camilla Bischofberger von Pro Infirmis spricht gegenüber dem Beobachter von einer Form des Missbrauchs, die weit über gewöhnlichen Betrug hinausgeht. Die Masche instrumentalisiere das reale Stigma und die Diskriminierungserfahrungen von Menschen mit Behinderungen für kommerziellen Profit. Es bestehe zudem die Gefahr, dass echte, schmerzhafte Diskriminierungserfahrungen im Alltag durch solche Fakegeschichten verharmlost oder unglaubwürdig gemacht werden.

Das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen (EBGB) betont die Gefahr, dass solche Kampagnen – über den Fakt hinaus, dass sie falsche Tatsachen verbreiten – das überholte Bild von Betroffenen als hilflose, passive Objekte von Mitleid zementieren. Der Dachverband Artiset kritisiert, dass Menschen mit Downsyndrom auf ihre Behinderung reduziert würden, statt als Menschen mit vielfältigen Fähigkeiten dargestellt zu werden. Das untergrabe das gesellschaftliche Verständnis von Inklusion als Begegnung auf Augenhöhe und widerspreche auch den Grundsätzen der Uno-Behindertenrechtskonvention. «Mit KI lässt sich die Schwelle für einen solchen Betrug technisch und ökonomisch leider stark senken», so eine Artiset-Sprecherin.

Über die Klea-Masche haben auch andere Medien berichtet. Der öffentliche Druck scheint gewirkt zu haben. Der Onlineshop ist mittlerweile offline. Die Bitte des Beobachters um eine Stellungnahme liessen die Betreiber unbeantwortet.

Tipps gegen KI-Fakes

Um zu verhindern, dass Internetnutzer auf emotionale KI-Fakes hereinfallen, empfehlen Behindertenverbände die folgenden Verhaltensregeln:

  • Abstand gewinnen: Tätigen Sie keine Spontankäufe aus Mitleid. Warten Sie nach emotionalen Videos mindestens einen Tag und besprechen Sie das Video mit Personen aus Ihrem Umfeld.
  • Impressum prüfen: Suchen Sie im Onlineshop nach einer physischen Schweizer Adresse, einem Handelsregistereintrag und unabhängigen Kundenbewertungen.
  • Fokus der Initiative hinterfragen: Seriöse inklusive Werkstätten stellen das Produkt, die handwerkliche Qualität und faire Arbeitsbedingungen in den Vordergrund, niemals das Mitleid als Verkaufsargument.
  • Gütesiegel checken: Achten Sie auf anerkannte Qualitätslabels wie das Zewo-Gütesiegel oder Trusted Shops. Fragen Sie im Zweifel direkt bei Fachorganisationen nach.
Und was denken Sie?

Was halten Sie von dieser Masche? Schreiben Sie uns in den Kommentaren.

Quellen