Pendlerin fordert Ruheabteil in der zweiten Klasse – SBB winken ab
Trotz Vieltelefonierern und Dauerschwätzern: Ein Ruheabteil gibt es in Schweizer Zügen nur in der ersten Klasse. Ist das gut so? Diskutieren Sie in der Kommentarspalte mit.

Veröffentlicht am 6. März 2026 - 13:23 Uhr

Ohne Kopfhörer Videos schauen? In der zweiten Klasse der SBB kann es manchmal unangenehm laut werden.
Pendlerinnen und Pendler wissen genau: Besonders laut wird es in manchen Zügen der SBB, wenn Schulreisen stattfinden. Schulklassen können lärmig sein. Ausserdem gibt es Mitreisende, die ohne Kopfhörer ganze Netflix-Serien geniessen, während wieder andere auf dem Weg zwischen Zürich und Bern die halbe Verwandtschaft abtelefonieren.
Während die erste Klasse Ruheabteile kennt, fehlen solche in der zweiten Klasse. Die Bieler Autorin Myriam Wahli will das ändern und hat darum eine Petition gestartet. «Jeder Mensch hat Anspruch auf ein bisschen Ruhe», sagt sie und fügt an, dass manche Menschen mit neurodiversen Einschränkungen – zum Beispiel Autismus – besonders belastet sind, wenn es in geschlossenen Räumen sehr laut wird.
Der Verein Autisme Jura unterstützt das Anliegen. Über 380 Personen haben die Petition bislang unterschrieben. «Ich will niemandem das Reden beim Reisen verbieten», sagt Wahli zum Beobachter. Sie wünscht sich lediglich eine Ruheinsel für erschöpfte Reisende. «Ein Wagen pro Zug wäre realistisch.» Wahli erhält positives Feedback: «Viele schreiben mir: ‹Endlich!›»
SBB sammelten bei Test negative Erfahrungen
Bei den SBB stösst der Vorschlag auf Verständnis – aber wenig Gegenliebe. Ein Sprecher verweist auf eine Testphase von 2008 bis 2009. Insbesondere während Stosszeiten sei es schwer gewesen, die Ruhe durchzusetzen. «Unsere Kundenbegleitenden waren häufig negativen Rückmeldungen und manchmal aggressivem Verhalten ausgesetzt.»
Ausserdem wurde die Ruhezone ausserhalb der Stosszeiten kaum genutzt, heisst es bei den SBB. Darum bleiben sie vorerst dort, wo sie sind: in der ersten Klasse. Menschen mit Einschränkungen, die nicht sichtbar sind, könnten allerdings kostenlos ein spezielles Sonnenblumen-Halsband an SBB-Schaltern erhalten. Dieses Halsband zeige Zugbegleitern an, dass jemand Unterstützung braucht beim Reisen.
Wahli, die selbst mit einer Form von Autismus lebt, ist skeptisch: «So ein Halsband führt ja nicht zu weniger Reizen beim Reisen. Ich denke, dass unsichtbare Behinderungen andere Massnahmen erfordern.»
DB-Ruhezonen gelten auch in der Schweiz
Ein Blick in die SBB-Community sowie in einschlägige Diskussionsräume auf Reddit zeigt, dass sich Menschen durchaus für eine Ruhelösung in der zweiten Klasse interessieren. «Manche Leute sind einfach sehr laut», schreibt jemand. Andere wundern sich, warum in Deutschland oder Italien Ruheabteile in der zweiten Klasse kein Problem seien, wohl aber in der Schweiz. «Was gilt, wenn ein Ruhewagen der Deutschen Bahn von Basel nach Chur fährt?»
Ein Sprecher der SBB dazu: «Der ICE verfügt über Ruheabteile in der ersten und zweiten Klasse, und diese gelten auch in der Schweiz.»
Autorin Wahli sagt, manche Rückmeldungen auf ihre Petition zielten auf den allgemeinen Dichtestress im öffentlichen Verkehr. «Ich glaube absolut nicht, dass das Problem in der Anzahl der Menschen liegt», sagt sie. «Schauen wir uns doch die Ameisen in ihrem Ameisenhaufen an und nehmen wir uns ein Beispiel an ihnen. Ihre Organisation ist beeindruckend.» Es gehe nicht darum, Angst vor der Anzahl zu haben, «sondern den Mut zu haben, sich so zu organisieren, dass jeder seinen Platz hat».
Braucht es Ruheabteile in der zweiten Klasse? Oder gehört ein gewisses Mass an Lärm einfach zum Zugfahren? Diskutieren Sie mit und schreiben Sie Ihre Meinung in die Kommentarspalte.
- Petition von Myriam Wahli: Ein Ruhewagen pro Zug!
- Interpellation von Ruedi Aeschbacher von 2009 plus Stellungnahme Bundesrat: SBB. Ruhewagen auch in der zweiten Klasse
- Diskussion auf Reddit: Liebe SBB, können wir bitte Ruhezonen haben?




