Was haben Elon Musk und ich gemeinsam? Beide kommen nicht in Europas angesagteste Clubs rein
Europa hat jetzt ein soziales Netzwerk. Unser Autor wollte es testen, aber «W Social» lässt ihn nicht rein.

Veröffentlicht am 14. August 2026 - 15:19 Uhr

Als Alternative zu Mikroblogging-Diensten wie X und Konsorten gedacht. In der Praxis noch nicht ganz so funktionstauglich: das europäische Netzwerk W.
So viel vorneweg: Ich bin ein Mensch. Ich vergesse manchmal Termine und kann auf einem zwischen meinen Daumen eingespannten Grashalm die Melodie von «I Want to Break Free» tröten. Zeigt mir einen Bot, der das hinkriegt! Ich kann mit der Zunge meine Nase knapp nicht berühren. Ich habe eine dritte Säule und öfter gute Laune als schlechte. Davon würde ich gerne im Internet berichten.
«Hallo Welt, freu mich auf den Austausch hier – Love, DF»
«Sommer Mitte 30 ist, wenn der Schwumm in der Aare auf der Strava-App protokolliert ist.»
«Gianni Infantino muss weg!»
Auf jeden Fall besser als die US-Konkurrenz
So etwas oder Ähnliches würde ich posten. Harmlos. Bestenfalls komisch. Manchmal ein bisschen polemisch. Auf jeden Fall menschlich. Aber das erste europäische soziale Netzwerk für «verifizierte Menschen» hat etwas dagegen. Ich versuche seit Wochen, dort reinzukommen. Vergeblich. W ist zu.
Richtig, das neue Mikroblogging-Projekt mit Sitz in Schweden heisst W. Wie X, diese Shitstormschleuder von Elon Musk, aber ein Buchstabe weiter vorne im Alphabet. Nutzerinnen nennen es auf jeden Fall W Social, und ein Austausch darüber an der Kaffeemaschine könnte so lauten:
«Woher weisst du, dass Gianni Infantino kein guter Fifa-Präsident ist?» – «Das habe ich bei W Social gelesen.»
W Social will besser sein als die US-Konkurrenz. Die Plattform läuft über europäische Server, und der Datenschutz unterliegt EU-Recht. Nutzerinnen und Nutzer müssen sich verifizieren und über 18 Jahre alt sein, dürfen aber anonym posten, wenn sie wollen. Wichtig ist, dass sie echte Menschen sind. Und keine Bots.
Der Diskurs bei W Social ist mutmasslich wie schwedisches Smörrebröd. Sehr gesund. Aber auch ein bisschen trocken.
Das ist gut gemeint, aber alles an diesem Netzwerk nervt natürlich sofort wie Alnatura-Helikoptereltern am Sandkastenrand. Der Gestus ist aufrecht. Gebildet. Nutzt das Wort «Augenhöhe». Während der Mainstream bei Tiktok, Instagram, X oder Facebook ungefiltert Posts konsumiert wie triefende Burger bei McDonald’s, ist der Diskurs bei W Social mutmasslich wie Smörrebröd mit Ingwer und Gurke. Gesund. Aber auch ein bisschen trocken.
Mir ist das egal. Wenn sich Europa 15 Jahre zu spät doch noch aufrafft, die sozialen Medien zu retten, will ich dabei sein. Ich schaue zunächst ein Anleitungsvideo. Statt auf Youtube läuft das auf einer mir bisher unbekannten europäischen Plattform namens Dailymotion und hat zwei Likes. Jetzt will ich ein Profil erstellen.
Grosse europäische Gefühle
Dazu habe ich mehrere Optionen. Ich kann erstens mein Gesicht neben meinen Ausweis halten, ein Selfie machen und einsenden. Ich kann zweitens von echten Menschen bei W Social überprüfen lassen, dass ich ich bin. Ich kann drittens meinen Reisepass scannen und dazu den Chip benutzen, der darin eingebaut ist. Dazu soll ich mit der geöffneten W-App mein Handy über dem Reisepass hin- und herbewegen.

Ich bins! Ich bin echt! Passiert jetzt gleich was? Einer von vielen gescheiterten Versuchen, mir bei W ein Profil einzurichten.
Während ich also mit meinem iPhone in der Hand und der europäischen Social-Media-App im Anschlag meinen europäischen Reisepass streichle, fühle ich Beethoven durch meine Haare wehen. Freude, schöner Götterfunken. Ich denke an all die tiefen menschlichen Verbindungen, die ich bei W Social eingehen werde, all die weltumspannenden Freundschaften und die lustigen, ernsten, politischen Gespräche, die mich erwarten. Das Global Village wird bei W nochmals enger zusammenrücken, davon bin ich überzeugt. Ich poste, also bin ich. W, öffne dich. Ich bin so weit.
Heute leider nicht
«Was haben Elon Musk und ich gemeinsam? Beide kommen nicht in Europas angesagteste Clubs rein.»
Das könnte mein erster Post sein bei W Social. Es bleibt beim Konjunktiv. Denn während Elon Musk in Berlin nicht in den berühmten Nachtclub Berghain reingelassen wurde, worüber wir im Internet herzhaft gelacht haben, stehe ich heute immer noch in der Warteschlange vor W. Im Verlauf der Foto-Authentifizierung stürzte die App mehrfach ab. Die Methode mit der Überprüfung meiner Echtheit durch andere Menschen brach ich nach einer Woche ab, weil nichts geschah. Und meine beiden Reisepässe – ich habe einen deutschen und einen schweizerischen – werden laut App «nicht unterstützt».
Ich hätte einiges zu geben, W Social, Arche Noah unter den Social Media. Aber wer nicht will, hat gehabt. Mutmasslich sind bei dir Ursula von der Leyen und Alain Berset unter sich, und wenn ich darüber nachdenke, ist mir das ein bisschen zu langweilig, Beethoven hin oder her.
- NDR, 19. Juni 2026: «Zeit für Plattform in Europa»: Soziales Netzwerk «W Social» online




