Der Mensch wüsste eigentlich schon, was ihm guttut und was nicht. Doch weil der Mensch oft nicht danach lebt, werden wir seit Jahren flächendeckend mit Präventionskampagnen eingedeckt. Es hagelt Empfehlungen aller Art, es werden Gesetze erlassen – alles nur zu unserem Besten. Doch schaffen wir damit in einem asketischen Furor Folterinstrumente, so dass wir nicht mehr lustvoll geniessen können, wie es der österreichische Philosoph Robert Pfaller behauptet (siehe Interview)?

Unbestreitbar ist, dass Drogen wie Nikotin oder Alkohol gesundheitliche Probleme und materielle Schäden verursachen. Dass der Rauch aus öffentlichen Räumen verbannt wurde, schätzen wohl sogar viele Raucher. Tatsächlich rauchen diese heute im Durchschnitt knapp eine Zigarette weniger pro Tag. Präventiv dazu soll mit der Zehn-Millionen-Kampagne «SmokeFree» des Bundesamts für Gesundheit (BAG) die Zahl der Rauchenden weiter gesenkt werden. Wer nicht raucht, so die Kampagne, habe besseren Sex. Aber aufgepasst: Das Kondom nicht vergessen, warnt uns dasselbe BAG.

Wir wissen es – man sagt es uns trotzdem

Die Gesundheitsbeamten fechten noch an weiteren Flanken. So lässt übermässiges Saufen, vor allem von Jugendlichen, ihre Alarmglocken läuten. Deshalb soll auch gleich der nächtliche Alkoholverkauf verboten werden, ebenso die beliebte Happy Hour. Durch freiwillige Absprachen mit der Nahrungsmittelindustrie will das BAG ferner Werbung für salz- und fettreiche Produkte einschränken, die sich an Kinder richten; stattdessen sollen mehr «gesunde» Snacks in Automaten und Regalen stehen. Gesamthaft geht es dem Bundesamt an der Salzfront darum, uns vom durchschnittlichen Verbrauch von täglich neun auf fünf Gramm herunterzubringen.

Dass Fett und Zucker zu den Bösewichten auf dem Teller gehören, weiss jedes Kind. Dennoch werden wir, weil wir es einfach nicht begreifen wollen, immer wieder darauf hingewiesen. So empfiehlt eine weitere Aktion, täglich fünfmal eine Handvoll Früchte oder Gemüse zu geniessen, wobei das zur Sicherheit durch «Sensibilisierungsmassnahmen» begleitet wird.

Mehr Sport – aber vorsichtiger!

Natürlich gibt es neben dem Bundesamt eine Unzahl weiterer Organisationen, die uns Bewegung aller Art nahelegen: Ein Programm will die Bewegung von Kindern fördern, andere animieren zum Spazieren oder Velofahren. Zu Recht, denn Sport gilt als gesund – was die jährlich 60'000 Sportverletzten allerdings nicht bestätigen können. Zum Glück gibt es auch eine Kampa­gne der Suva, mit der die Zahl der Sportverletzungen reduziert werden soll.

Wärmstens empfiehlt die Empfehlungsbranche den Müttern das Stillen; man fragt sich, wie das früher ohne diesen Rat funktioniert hat. Nicht stillende Mütter leiden dafür unter schlechtem Gewissen.

Ist das nicht alles ein bisschen zu viel des Guten? Damit die Bevölkerung den bestmöglichen Gesundheitszustand erreichen könne, seien «manchmal Präventions- und Gesundheitsförderungsmassnahmen notwendig», lässt das BAG etwas ausweichend wissen. Philosoph Pfaller ist da direkter – und gegenteiliger Ansicht: ­Jene Biopolitiker, die vorgeben, das Leben schützen zu wollen, und jeglichen Genuss als gesundheitsschädigend verbieten, sagt er, «machen dieses Leben selbst zum Tod, zu einer Art vorzeitiger Leichenstarre».

Interview

«Man erzieht die Leute zum Hass auf das Glück anderer»

Robert Pfaller, 51, ist seit 2009 ordentlicher Professor für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Er ist Autor zahlreicher Bücher, unter anderm auch von «Wofür es sich zu leben lohnt – Elemente materialistischer Philosophie». Darin vertritt er die These, dass unsere heutige Kultur unter dem Diktat des Neoliberalismus von Lustverweigerung und Askese geprägt sei.

«Lieber einmal gebombt als tausendmal erniedrigt»: Robert Pfaller (Foto: Mara Truog)

Quelle: Getty Images

Beobachter: Rauchen Sie?
Robert Pfaller: Ich bin ein sehr spärlicher Raucher. Wegen eines Problems mit den Atemwegen kann ich es leider nur sehr selten praktizieren, nur bei feierlichen Anlässen.

Beobachter: Sie führen Rauchverbote an als Beispiel für den Mangel an Kultiviertheit und Lebensfreude. Weshalb sind Sie darauf so fixiert?
Pfaller: Was mir bei diesen massiven Interventionen am meisten Sorge macht, ist die Ethik, die dahintersteht: Es ist eine Ethik, die die Leute zum Hass auf das Glück des anderen erzieht. Und dazu, sich ständig zu beschweren.

Beobachter: Ist es nicht legitim, wenn der Staat die Bürger vor sich selber schützen und damit auch die Gesundheitskosten reduzieren will?
Pfaller: Das Wichtigste ist, dass das Solidaritätsprinzip in der Sozialversicherung erhalten bleibt. Das war in den armen Nachkriegsgesellschaften oberstes Prinzip, und wir sind heute nicht so arm, dass wir uns das nicht mehr leisten könnten. Ich sehe in diesen Verboten einen ersten Versuch, das Selbsthaftungsprinzip einzuführen. Die Raucher sind die Ersten, dann folgen die Dicken oder jene, die zu viel Sport treiben.

Beobachter: Aber die Nichtraucher argumentieren: Wir ­müssen für die kranken Raucher zahlen.
Pfaller: Alle zahlen für alle, und das ist auch gut so. Es ist ja fast komisch, wie die Anhänger von Rauchverboten die Gefahren einerseits unheimlich dramatisieren – also nicht nur das Rauchen an sich, sondern auch das Passivrauchen oder den Kontakt mit Passivrauchern. Auf der anderen Seite ist es aber doch nicht so gefährlich, dass die Raucher viel früher sterben würden. Denn wenn sie mehr als fünf Jahre früher stürben, wären sie schon wieder billiger als die Nichtraucher. Aber man muss einfach diesen Standpunkt einnehmen: Wir rechnen nicht, was Menschen kosten.

Beobachter: Sie begründen Rauchverbote mit Neid. Wieso soll ich auf etwas neidisch sein, was ich als Belästigung empfinde?
Pfaller: Mit dem Glück ist es so, dass die meisten Menschen das Glück der anderen als Belästigung empfinden. Das betrifft ja nicht nur das Rauchen, sondern die Musik oder das Grillieren im Garten. Es ist vielleicht ein Merkmal unserer Epoche, dass sich Menschen permanent aufregen über etwas, was das Glück des anderen ist, das man auch mit dem anderen teilen könnte.

Beobachter: «Wir mässigen uns masslos», ist einer Ihrer Merksätze. Wohin führt das? Zu noch mehr Verboten?
Pfaller: Die Bemerkung stammt vom griechischen Philosophen Epikur und meint, dass wir mit der Mässigung sehr vorsichtig um­gehen sollten. Wenn man sie nicht massvoll betreibt, wird die Mässigung zu einem Exzess. In dieser Situation sind wir jetzt. Es gibt keine vernünftigen Grenzen mehr. Je weiter man sich beschwert, desto mehr wird der Beschwerde nachgegeben. Das betrifft nicht nur das Rauchen, sondern ­etwa auch Kunst im öffentlichen Raum. Die wird auch sehr schnell beseitigt, sobald auch nur irgendjemand die neue behörd­liche Empfänglichkeit für Beschwerden nutzt.

Beobachter: Unser Leben, sagen Sie, ist von Angst dominiert. Schon beim Anblick einer Zigarette würden wir uns in die Hosen machen. Wenn ich aber sehe, wie die Jungen bei Risikosportarten an die Grenzen gehen, merke ich nichts von Angst.
Pfaller: Völlig richtig. Das ist eine der merkwürdigsten Diskrepanzen in unserer Gesellschaft. Man verbietet ihnen die Zigarette, aber man verbietet ihnen nicht, ständig neue Sportarten zu erfinden, wo sie sich das Genick brechen können. Da könnte ja der Staat auch einschreiten und sagen: Okay, Skifahren ja, aber auf gesicherten Pisten. Und kein Freeclimbing mehr. Da werden wenige Verbote erlassen im Verhältnis zu den grossen Schädigungen, die entstehen.

Beobachter: Die Leute, die Extremsportarten betreiben, ­sagen, sie wollten sich selber spüren.
Pfaller: Es ist ein merkwürdiges Bedürfnis. Ist das so toll, sich selber zu spüren? Sollten wir nicht eher die Leute dazu anleiten, geselliger zu werden und andere zu spüren? Dieses exzessive Bedürfnis, ganz man selbst zu sein, und sei es in Momenten der Todesgefahr, ist das nicht einer der Gründe für die asozialen Tendenzen in der Gesellschaft?

Beobachter: Aber nochmals: Wo sehen Sie Beispiele für Ängstlichkeit?
Pfaller: Der römische Philosoph Juvenal sagte: Wir dürfen niemals um des Lebens willen die Gründe für das Leben verlieren. Wir aber werden ständig so eingeschult auf Ängstlichkeit, dass uns genau das passiert. Wann ist eigentlich in Europa das letzte Mal ein Flugzeug gesprengt worden? Obwohl sich wahrscheinlich niemand mehr an einen solchen Fall erinnern kann, lassen wir uns vor dem Flug bereitwillig alle Flüssigkeiten wegnehmen, die wir bei uns führen.

Beobachter: Sie würden das Risiko eingehen, dass es keine Kontrollen am Flughafen mehr gäbe? Vielleicht sitzen Sie irgendwann genau in einem Flugzeug, das in die Luft gesprengt wird.
Pfaller: Wie beim Rauchen plädiere ich auch hier für eine strikte Zweiteilung. Es soll Flugzeuge für die einen und Flugzeuge für die andern geben. Ich wäre gerne in einem Flugzeug, wo ich vorher nicht ständig untersucht werde. Meinetwegen wird dann mal eines gesprengt, aber lieber einmal ­gebombt als tausendmal erniedrigt.

Beobachter: Lieber ein gefahrvolles Leben als ein Leben in Schande?
Pfaller: Ja.

Beobachter: Was ist die Quintessenz eines guten Lebens?
Pfaller: Die Momente, für die es sich zu leben lohnt, sind für jeden und jede nach kurzem Nachdenken leicht erschliessbar. Spontan ein paar Beispiele: Man macht an einem ersten Frühlingstag einen Spaziergang. Man schlittelt mit Kindern an einem Winterabend, bis es dunkel wird. Man kitzelt eine Katze oder fährt eine Runde in einem alten geborgten Alfa Romeo. Oder man trinkt mit einer geliebten Person eine Tasse Kaffee und diskutiert über die grossen, unbeantwortbaren Fragen des Lebens. Diese Liste von Situationen lässt sich leicht fortsetzen, und bei allem hat man das Gefühl: Jetzt lohnt es sich zu leben. Es sind kleine Situationen, die mit der Unterbrechung ­eines profanen, zweckrationalen Alltags­lebens zu tun haben.