Gesünder und älter könne man werden, wenn man über längere Zeit am Tag nichts isst. So das Versprechen von Verfechtern des sogenannten Intervallfastens, eines grossen Diättrends der vergangenen Jahre.

In der gängigsten Form nimmt man während 16 Stunden keine Nahrung auf – und isst nur in den verbleibenden acht Stunden. Doch zuletzt mehrten sich die Zweifel, ob der temporäre Verzicht auf Nahrung wirklich für alle empfehlenswert ist.

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Was spricht dafür, lange Esspausen einzulegen?

Diabetes wird von Experten als Epidemie bezeichnet, weltweit und auch in der Schweiz. Insbesondere der Typ-2- oder Lebensstil-Diabetes nimmt zu. Hier ist eine Hauptursache, dass die Betroffenen mehr Energie aufnehmen, als sie verbrauchen.

Beim Typ-2-Diabetes sprechen die Zellen nicht mehr gut auf das Hormon Insulin an. Sie können deshalb weniger Zucker aus dem Blut entnehmen, der Blutzucker steigt. «Intervallfasten verbessert fast immer die Reaktion der Zellen auf Insulin», sagt Stephan Herzig, Professor und Direktor am Helmholtz-Zentrum für Diabetes in München. «In der Folge sinken auch die Konzentrationen von Zucker, Fetten und Cholesterin im Blut.» Auch eine Fettleber bessert sich – zumindest, wenn Betroffene gleichzeitig Sport machen.

Gegenbewegung zu Diabetes

«In modernen Gesellschaften tendieren wir dazu, ständig zu essen», sagt Tinh-Hai Collet, Diabetologe und Professor am Unispital Genf. «Das fördert Übergewicht und Diabetes.» Intervallfasten sei eine Gegenbewegung, die nützlich sein könne. «Aber viel von unserem Wissen stammt von Versuchstieren und aus Zellkulturen.» Heisst: Die Erkenntnisse sind nicht unbedingt auf den Menschen übertragbar.

Im vergangenen Jahr machte eine Studie Schlagzeilen, die bei Menschen, die Intervallfasten praktizieren, sogar ein erhöhtes Sterberisiko festgestellt hat. Die Autoren bezogen sich auf 20'000 US-Amerikaner, die über 18 Jahre lang Fragebögen zu ihrer Ernährung ausgefüllt hatten. Es zeigte sich, dass Menschen, die mindestens 16-stündige Esspausen einlegten, fast doppelt so oft an einem Herz-Kreislauf-Ereignis starben wie Umfrageteilnehmende, die öfter assen.

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Es gab zwar viel Kritik an der Studie – unter anderem, weil sie gar nicht so angelegt war, dass die erhöhte Sterblichkeit auf das Intervallfasten zurückgeführt werden kann. Denn es könnte ja auch sein, dass bereits kranke Menschen auf Mahlzeiten verzichteten, um abzunehmen. Deren Sterblichkeit wäre dann eher aufgrund ihrer Grunderkrankung wie Diabetes und krankhaftem Übergewicht erhöht, nicht wegen der Esspausen.

Vorsicht bei Herz-Kreislauf-Schwächen

Dennoch hat diese Studie auch Befürworter des Intervallfastens skeptischer gemacht. «Kurzfristige Studien zeigten bis vor kurzem allesamt positive Effekte des Intervallfastens», sagt Stephan Herzig. «Jetzt gibt es zunehmend Langzeitbeobachtungen – mit ersten Hinweisen, dass es gerade bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen auch negative Auswirkungen haben könnte.»

Experten raten Patienten mit Vorerkrankungen deshalb, vorsichtig zu sein. «Diabetes-Patienten zum Beispiel müssen Dosierung und Timing ihrer Medikamente anpassen», sagt Tinh-Hai Collet. «Sie sollten Intervallfasten deshalb nur in Abstimmung mit einem Arzt praktizieren.» Das Gleiche gelte für alle, die Tabletten gegen Bluthochdruck einnehmen.

«Fasten schadet definitiv in höherem Alter.»

Eline Slagboom, Professorin für Alterns­forschung

«Menschen mit Essstörungen und Krebserkrankungen sollten sogar ganz auf Intervallfasten verzichten», sagt Collet. Gemäss der Deutschen Herzstiftung betrifft das auch Patienten mit einer ausgeprägten Herzschwäche. Und für Menschen mit anderen Herzkrankheiten, die abnehmen wollen, wird eine Reduktion des Kaloriengehalts von maximal 500 bis 800 Kalorien empfohlen.

Erkrankungen sind das eine. Auch das Alter sollte in die Abwägung miteinbezogen werden. «Fasten schadet definitiv in höherem Alter, denn es gibt dem Körper das Signal zum Muskelabbau», sagt Eline Slagboom, Professorin für Alternsforschung an der Uni Leiden (Niederlande). «Und das ist das Letzte, was man braucht, wenn man im Alter fit und selbständig bleiben möchte.»

Kalorien reduzieren als Alternative

Immer mehr deutet darauf hin: Die nachgewiesenen Vorteile des Intervallfastens bestehen vor allem darin, dass Menschen, die es praktizieren, weniger essen. «Die positiven Effekte des Intervallfastens unterscheiden sich in den längerfristigen Studien nicht wesentlich von denen, die man auch hätte, wenn man einfach jeden Tag konsequent weniger Kalorien zu sich nehmen würde», sagt Stephan Herzig.

Man kann mit Intervallfasten abnehmen – genauso gut wie mit anderen Methoden. Und kein Übergewicht zu haben, ist immer einer der besten Wege, lebensbedrohlichen Krankheiten vorzubeugen. «Übergewicht und Diabetes sind Hauptrisikofaktoren für viele Tumorerkrankungen», sagt Herzig. Er empfiehlt gesunden Menschen deshalb Intervallfasten als Präventionsmassnahme, weil es keine gravierenden Nebenwirkungen hat.

Vielen falle es leichter, eine Mahlzeit wegzulassen, als stetig weniger zu essen. Andererseits seien Menschen sehr verschieden. «Möglicherweise belohnen sich manche nach Fastenphasen mit besonders kalorienreicher Nahrung, und die Energiezufuhr wird dadurch insgesamt nicht nennenswert verringert.»

«Die positiven Effekte halten aber nur so lange an, wie man die Esspausen durchhält.»

Stephan Herzig, Professor am Helmholtz-Zentrum für Diabetes

Gesunde Menschen bis mittleren Alters machen mit Intervallfasten also wohl nichts falsch. «Die positiven Effekte halten aber nur so lange an, wie man die Esspausen durchhält», sagt Stephan Herzig. Ein Muss für ein gesundes Leben ist Intervallfasten jedoch nicht. «Eine ausgewogene Ernährung und viel Bewegung sind wichtig», sagt Tinh-Hai Collet. Gesunde profitierten nach Meinung des praktischen Arztes nicht vom Intervallfasten. «Ein idealer Stoffwechselzustand lässt sich nicht verbessern.»

Hinweis: Dieser Artikel wurde erstmals am 7.3.2025 veröffentlicht.

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