Keytruda – das Milliarden-Märchen eines Pharmakonzerns
Die Entwicklung des Krebsmedikaments Keytruda soll laut Hersteller 46 Milliarden Dollar gekostet haben. Falsch, sagt die NGO Public Eye. Nach ihren Schätzungen waren es höchstens 4,8 Milliarden Dollar.

Veröffentlicht am 17. April 2026 - 13:12 Uhr

MSD-Niederlassung Schachen LU. Das Medikament Keytruda hat mit 183,4 Millionen Franken laut Helsana-Arzneimittelreport im Jahr 2024 am meisten Kosten verursacht.
Für Krebspatienten ist Keytruda ein Hoffnungsträger. Für das Schweizer Gesundheitswesen wird das Medikament jedoch zunehmend zum finanziellen Albtraum. Der aktuelle Helsana-Arzneimittelreport zeigt: 2024 bezahlten die Krankenkassen für Keytruda 183,4 Millionen Franken – am meisten von allen abgegebenen Medikamenten.
Hersteller Merck Sharp & Dohme (MSD) rechtfertigt die hohen Kosten gegenüber dem Beobachter mit den hohen Forschungs- und Entwicklungskosten. Das ist das Standardargument der Pharmaindustrie. «Wir haben 30 Milliarden Dollar in die klinische Entwicklung von Keytruda investiert, dazu 14 Milliarden Dollar für Forschungskooperationen sowie 2 Milliarden Dollar für den Ausbau unserer Prozesse und Produktionsanlagen, um das Medikament in grossen Mengen herstellen zu können», sagt Mediensprecher Antonio Ligi.
Public Eye entlarvt
Doch stimmt das? Die Nichtregierungsorganisation Public Eye kommt zu ganz anderen Schlüssen. «Nach unseren Schätzungen liegen die tatsächlichen Forschungs- und Entwicklungskosten für Keytruda bei 1,9 Milliarden US-Dollar. Selbst mit grosszügig eingerechneten Fehlschlägen kommt man auf höchstens 4,8 Milliarden US-Dollar», so Patrick Durisch von Public Eye zum Beobachter.
Keytruda hat gemäss Public Eye dem MSD-Konzern in den letzten elf Jahren 163 Milliarden Dollar in die Kassen gespült. Die Kosten für Forschung und Entwicklung machten damit nur knapp 3 Prozent des Gesamtumsatzes aus. Die NGO schätzt, dass MSD mit Keytruda eine Gewinnmarge von 88 Prozent erzielt. MSD wollte sich gegenüber dem Beobachter nicht zu diesen Zahlen äussern.
Studie: Entwicklung kostet 4,46 Milliarden Dollar
Eine im renommierten medizinischen Fachblatt «Jama» erschienene Studie aus dem Jahr 2020 bestätigt im Grundsatz die Einschätzungen von Public Eye. Die Studie hat untersucht, wie viel Geld aufgewendet werden muss, um ein neues Medikament auf den Markt zu bringen. Die Autoren analysierten 355 Medikamente, die zwischen 2009 und 2018 in den USA zugelassen wurden. Sie schätzten die durchschnittlichen Kosten für Forschung und Entwicklung von Krebsmedikamenten auf 4,46 Milliarden Dollar.
Das ist weit entfernt von den 46 Milliarden Dollar, die die Entwicklung von Keytruda gemäss MSD gekostet haben soll. Hinzu kommt, dass MSD den ursprünglichen Wirkstoff – gemäss Public Eye – gar nicht selbst entwickelt, sondern ihn im Jahr 2009 bei der Übernahme der Firma Schering-Plough erworben hat.
Starkes Wachstum bei Marketingausgaben der Pharma
Wenn die Milliarden nicht in die Forschung fliessen, wohin dann? Eine weitere «Jama»-Studie liefert die Antwort: ins Marketing. Die Pharmabranche investiert gigantische Summen in Werbung. Die Forscher analysierten gestützt auf Marktdaten der USA die Entwicklung des Medizinmarketings über einen Zeitraum von 20 Jahren, von 1997 bis 2016. In diesem Zeitraum stiegen die jährlichen Pharma-Gesamtausgaben für Marketing von 17,7 Milliarden US-Dollar 29,9 Milliarden US-Dollar im Jahr 2016.
Der Grossteil davon floss an Ärzte und medizinisches Fachpersonal mittels Abgabe von Gratis-Medikamentenmustern sowie direkten finanziellen Zuwendungen an Ärzte für Vorträge, Beraterhonorare oder Essen. Der Beobachter dokumentiert solche Zahlungen seit Jahren auf der Internetseite Pharmagelder.ch.
Pharmakonzerne sollen Kosten offenlegen
Public Eye fordert nun echte Transparenz bei der Preisfestlegung. Pharmaunternehmen sollen verpflichtet werden, die tatsächlichen Investitionen bei der Medikamentenentwicklung offenzulegen. Heute gelten diese Daten als streng gehütetes Betriebsgeheimnis. Ein Geheimnis, das zulasten jener geht, die am Schluss die Rechnung bezahlen müssen.
Was halten Sie von derart hohen Preisen für Medikamente? Ist das wirtschaftliche Freiheit oder Abzocke? Schreiben Sie uns in den Kommentaren.
Der Beobachter-Prämienticker
Der Prämienticker schaut Lobbyisten und Profiteuren des Gesundheitswesens auf die Finger, deckt Missstände auf und sammelt Erfahrungen von Patienten, die unnötige Ausgaben vermeiden konnten.
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- Public Eye: Recherche zu Keytruda
- «Jama»: Studie zu Entwicklungskosten von Medikamenten
- «Jama»: Studie zu Marketingkosten von Pharmaunternehmen




