Herzchirurgen, die zu aggressiv operieren. Ein Implantat, das den Charakter eines Experiments kaum überragt. Und ein Klinikchef mit finanziellen Interessenkonflikten: Ein Bericht dokumentiert das institutionelle Versagen am Unispital Zürich in der Zeit unter dem früheren Chefarzt Francesco Maisano. 

André Plass war es, der sich mit Hinweisen auf Missstände an die Spitalleitung gewandt hatte. Danach geriet er selbst unter Druck. Plass sah sich unter anderem dem Vorwurf ausgesetzt, er operiere schlecht. Ein externer Bericht räumte die Vorwürfe zwar aus, entlassen wurde er trotzdem. Für seine Kritik und den Mut als Whistleblower nominierte ihn der Beobachter 2021 für den Prix Courage.

Partnerinhalte
 
 
 
 

André Plass, hat sich das Unispital Zürich nach der Publikation des Untersuchungsberichts bei Ihnen entschuldigt?
Nein, das ist nie passiert. Bei der Präsentation des Berichts über die Missstände in der Herzchirurgie wurde zwar gesagt, meine Meldungen seien korrekt gewesen. Meine Entlassung jedoch ebenfalls, denn ich sei kein Teamplayer gewesen. Das ist in meinen Augen falsch. Ich habe mich gegenüber Patienten, der Klinik und dem Spital immer loyal verhalten. Von den Missständen habe ich mich klar distanziert. 

Beratung mit Chatbot

Der jetzige Spitalrat hat unter anderem Anzeige erstattet wegen des Verdachts auf unangemessene Einsetzung von medizinischen Produkten. Genau dieses Verfahren hatten Sie damals kritisiert. 
Die Produkte, insbesondere das Cardioband, sind häufig schädigend. Und in gewissen Konstellationen können sie, sie müssen aber nicht, zum Tod der Patienten führen. Die Gefahr, dass beim Einsatz dieser Bänder ins Herz etwas schieflaufen kann, die habe ich angeprangert. Aber die Kritik verhallte. Dafür wurde der damalige Chefarzt Francesco Maisano als grosser Innovator gefeiert. 

Stellungnahme von Francesco Maisano

Francesco Maisano wehrt sich in einer umfassenden Stellungnahme zum Untersuchungsbericht entschieden gegen die Vorwürfe und weist die Hauptschuld von sich. Der Bericht zeige primär systemische Governance-Mängel des Universitätsspitals und der Universität Zürich auf. Es sei verfehlt, ihn als einzelnen klinischen Akteur zum Hauptverantwortlichen zu machen.

Sind Sie enttäuscht, dass sich der Spitalratspräsident nicht öffentlich bei Ihnen bedankt oder Sie als Whistleblower rehabilitiert hat?
Ich hätte mir gewünscht, dass er sich bei der Präsentation des Berichts neutraler ausgedrückt hätte. Er hätte beispielsweise sagen können, dass sich das Spital noch mal überlegt, wie es mit mir, dem Whistleblower, umgehen möchte. Stattdessen wurde insinuiert, ich sei eben kein Teamplayer gewesen und sei an den Verhältnissen also mitverantwortlich gewesen. Die Entlassung habe darum ihre Richtigkeit. Das weise ich zurück. 

Ihre Entlassung ist fünf Jahre her. Wie geht es Ihnen heute?
Seit meiner ersten Meldung an die Spitalaufsicht sind es sogar sieben Jahre, das war 2019. Ich muss sagen, es war seither nicht immer einfach. Ich bin Unternehmer und kann mich zusätzlich als Kantonsrat engagieren. Ich habe also noch andere Dinge im Leben, die mir Halt geben. Jemand anderem hätte diese Geschichte möglicherweise komplett den Boden unter den Füssen weggezogen. 

Würden Sie rückblickend noch mal dasselbe tun?
Wenn ich wüsste, was auf mich zukommt? Das würde ich mir, ehrlich gesagt, sehr gut überlegen. Nicht nur was mit meiner Karriere passiert ist, sondern auch wie es passiert ist, war zermürbend. Meine Laufbahn ist weg. Die Titularprofessur, die ich nach meiner Zeit als Privatdozent an der Uni Zürich beinahe erreicht hatte, fiel ins Wasser. Dazu kommen Lohnausfälle, der Reputationsschaden, die Anwaltskosten. Für die Patientinnen und Patienten hat sich sicher etwas verbessert. Persönlich habe ich aber erkannt: Man kann die Welt höchstens ein bisschen verändern. Niemals ganz.   

Quelle